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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

Kap. 3 [ b ]

[b] Nähere Bestimmungen.

<24> § 7. Es gibt unendlich viele Fälle, wo eine Stelle, oder ein Satz mit mehreren Arten von Ausdruck in Hinsicht des Zeitmasses ausgeführt werden kann, ohne dass eine dieser Arten geradezu unrichtig oder widersinnig sein mag.

<25> So z.B. kann folgender melodiöse Satz auf 4 verschiedene, darunter angezeigten Arten vorgetragen werden:

[Notenbeispiel 25]

Nach der 1ten Art wird diese Stelle streng im Tempo gespielt, und der nöthige Ausdruck nur durch das crescendo und diminuendo, durch das Legato und Halb-Legato der Achteln, so wie durch das Legatissimo der halben Noten hervorgebracht.

Nach der 2ten Art wird schon im 2ten Takte ein kleines Zurückhalten des Tempo angewendet, welches gegen Ende des 3ten, und durch den ganzen 4ten Takt in ein allmähliges Smorzando zerfliesst, jedoch ohne in ein allzulangsames Dehnen auszuarten.

Nach der 3ten Art müssen die 2 ersten Takte im beschleunigten, etwas eilendem Tempo, und die 2 letzten in eben dem Grade wieder zurückhaltend sein.

Nach der 4ten Art endlich wird das Ganze sehr zurückhaltend vorgetragen, so dass nach und nach gegen Ende das Tempo beinahe ins Adagio übergeht.

Welche dieser 4 Arten mag nun wohl für das vorstehende Beispiel die Besste sein?

Der Charakter jener Stelle ist sanft, zärtlich und sehnsuchtsvoll. Die erste Art im strengen Tempo reicht da nicht hin, wie genau man auch das cresc:, etc: beobachten wollte.

Die zweite Art ist in so ferne vorzuziehen, als sie die Stelle besser heraushebt und Gelegenheit gibt, durch den verlängerten Klang jedes Tons im crescendo den Gesang und die Harmonie bedeutender zu machen.

Die dritte Art ist für den vorhin angedeuteten Charakter die Beste. Sie gibt den 2 ersten aufsteigenden Takten mehr Leben und Wärme, und das nachfolgende Rallentando, welches schon in der Mitte des 3ten Taktes anzufangen hat, macht dann die 2 letzten Takte um so anziehender.

Die vierte Art wäre allzu schmachtend, und wiewohl sie durch einen sehr zarten und wohlklingenden Anschlag immerhin dem Charakter der Stelle einen gewissen Reitz geben könnte, so wäre das Ganze doch allzu gedehnt.

Übrigens hüthe man sich, solche accelerando's, ritardando's, etc:, zu übertreiben, und etwa durch allzugrosses Dehnen die Stelle unverständlich zu machen, oder durch zu grosses Eilen zu verzerren; ein sehr kleiner, nach und nach gleichmässig anwachsender Grad reicht hin, so dass das vorgeschriebene Tempo kaum um seinen 5ten bis 6ten Theil verändert wird.

Und so wie das cresc: und dimin: nach und nach, in wohlberechnetem Zu- und Abnehmen der Stärke, hervorgebracht werden muss, so ist es auch mit dem accel: und rallent:. Ein plötzliches Langsamer- oder Geschwinderwerden bei einer einzelnen Note verdirbt in diesem Falle die ganze Wirkung.

Man sieht aus diesem Beispiel, dass eine und dieselbe Stelle mehrere Vortragsarten zulässt, wovon eigentlich keine als widersinnig betrachtet werden kann; (denn widersinnig wäre es, z.B. wenn man diese Stelle durchaus stark und gehackt spielen wollte). - Aber das Schicklichkeitsgefühl des Spielers und auch die Berücksichtigung dessen, was einer solchen Stelle vorangeht und nachfolgt, muss entscheiden, welche Art die entschieden ansprechendste ist.

Besonders bei langwährenden Ritardando gehört ein eigenes, wohlgebildetes Gefühl und viele Erfahrung dazu, um zu wissen, wie weit man es ausdehnen kann, ohne den Zuhörer zu langweilen.

Wenn übrigens eine solche Stelle sich an mehreren Orten eines Tonstückes wiederholen sollte, dann steht es dem Spieler nicht nur frei, jedesmal eine andere Vortragsweise anzuwenden, sondern es ist sogar eine Pflicht, um die Einförmigkeit zu vermeiden; und er hat nur zu beachten, welche Art in Rücksicht auf das, was vorangeht, oder nachfolgt, eben die passendste ist.