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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

Kap. 3 [ c / 1. Teil]

[c] Von der Anwendung des Ritardando und Accelerando

<25> § 8. Das Ritardando wird in der Regel weit häufiger als das Accelerando angewendet, weil es den Charakter eines Satzes weniger entstellen kann, als das zu öftere Beschleunigen des Zeitmasses.

<26> Am schicklichsten wird retardirt:

  1. In jenen Stellen, welche die Rückkehr in das Hauptthema bilden.
  2. In jenen Noten, welche zu einem einzelnen Theilchen eines Gesangs führen.
  3. Bei jenen gehaltenen Noten, welche mit besonderem Nachdruck angeschlagen werden müssen und nach welchen kurze Noten folgen.
  4. Bei dem Übergang in ein anderes Zeitmass, oder in einen, vom Vorigen ganz verschiedenen Satz.
  5. Unmittelbar vor einer Haltung.
  6. Beim Diminuendo einer früher sehr lebhaften Stelle, so wie bei brillanten Passagen, wenn plötzlich ein piano und delicat vorzutragender Lauf eintritt.
  7. Bei Verzierungen, welche aus sehr vielen geschwinden Noten bestehen, die man nicht in das rechte Zeitmass hineinzwängen könnte.
  8. Bisweilen auch in dem starken crescendo einer besonders markirten Stelle, die zu einem bedeutenden Satze oder zum Schluss führt.
  9. Bei sehr launigen, capriziösen, und fantastischen Sätzen, um deren Charakter desto mehr zu heben.
  10. Endlich fast stets da, wo der Tonsetzer ein espressivo gesetzt hat; so wie
  11. Das Ende eines jeden langen Trillers, welcher eine Haltung und Cadenz bildet, und diminuendo ist, wie auch jede sanfte Cadenz überhaupt.

NB. Es versteht sich, dass hier unter dem Wort ritardando auch alle übrigen Benennungen mit verstanden werden, welche eine mehr oder minder langsame Bewegung des Tempo anzeigen, wie z.B. rallent:, ritenuto, smorzando, calando, etc: indem sich diese nur durch den mehr- oder mindern Grad vom Ritardando unterscheiden.

Hier einige Beispiele hierüber:

[Notenbeispiel 26]

<27> Anmerkungen zum vorstehenden Beispiel.

  1. Der 1ste Takt ist streng im Tempo zu spielen.
  2. Die letzten 3 Achteln des 2ten Takts sind ein klein wenig, kaum merkbar, zu ritardiren, da der nachfolgende 3te Takt wieder eine Wiederhohlung des ersten Takts, (also des Hauptgedankens) wiewohl auf einer andern Stufe, ist.
  3. Der letzte, etwas arpeggirte Accord im 3ten Takte wird ein klein wenig ritenuto ausgedrückt.
  4. Die letzten 3 Achteln des 4ten Takts werden mit etwas mehr Wärme, (folglich beinahe accelerando) vorgetragen, welche erst in den 3 letzten Achteln des 5ten Takts wieder abnimmt.
  5. Im 6ten Takte ist eine von jenen, aus vielen Noten bestehenden Verzierungen, welche ein ritardiren in beiden Händen in soweit nöthig macht, dass die geschwinden Noten nicht übereilt herausgesprudelt werden, sondern sehr zart und graziös nach und nach verschwimmen: erst die letzten 9Noten dieser Verzierung sind mehr merkbar zu ritardiren, und auf der vorletzten Note (dem Gis) eine kleine Haltung anzubringen.
    Über die Eintheilung dieser längeren Verzierung wird später gesprochen werden.
  6. Der 7te und 8te Takt bleiben streng im Tempo.
  7. Der 9te Takt mit Kraft und Wärme, (folglich beinahe etwas accelerando.)
  8. Die 2te Hälfte des 10ten Takts etwas ruhiger.
  9. Der 11te Takt etwas ritardando, und der letzte dissonirende Accord sehr sanft, noch etwas mehr zurückgehalten, weil jeder dissonirende Accord, (wenn er piano ist) auf diese Art mehr Wirkung macht.
  10. Die 3 ersten Achteln des 12ten Takts im Tempo; dagegen die 5 letzten Achteln bedeutend ritardando, da sie den Übergang in das Thema bilden.
  11. Der 13te Takt im Tempo.
  12. Das erste Viertel des 14ten Takts schon ziemlich ritard: welches sich in der 2ten Viertel bedeutend vermehrt, und wobei die 8 obern Noten stark und cresc: markirt werden müssen. Die Haltung muss ungefähr durch 5 Achteln dauern, und der nachfolgende Lauf mässig schnell, gleich, zart, und diminuendo sein, bis endlich die 8 letzten Noten desselben merkbar ritardando werden.
  13. Die 1ste Hälfte des 15ten Takts im Tempo, die 2te Hälfte ritard: wobei der Schluss der Verzierung äusserst zart verschweben muss. Hier ist das ritardiren am nöthigsten, da dieser Takt eine sanft vorzutragende Schluss-Cadenz enthält.
  14. Der letzte Takt im ruhigen Tempo.

Folgende zwei Bemerkungen sind wohl zu beachten.

  1. Obwohl in diesem Thema fast in jedem Takt ein ritard: angebracht wird, so muss das Ganze (besonders in der begleitenden linken Hand,) so natürlich, folgerecht, ohne alle Verzerrung, vorgetragen werden, dass der Zuhörer nie über das eigentliche Zeitmass in Zweifel gelassen oder gelangweilt wird.
  2. Da jeder Theil 2mal gespielt wird, so kann beim zweitenmale jeder Ausdruck und folglich auch jedes ritard: um ein Weniges merkbarer angebracht werden, wodurch das Ganze an Interesse gewinnt.