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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

Kap. 8 [ b ]

[b] Über die Art, wie man ein Tonstück einstudieren soll.

<51> Die Zeit, welche man dem Einstudieren eines Tonstückes widmet, zerfällt in 3 Perioden; nämlich:

1tens In die Erlernung der Genauigkeit.
2tens In die Einübung in dem, vom Tonsetzer vorgeschriebenen Tempo.
3tens In das Studium des Vortrags.

Diese 3 Perioden dürfen nicht mit einander vermengt werden.

<52> In der ersten Periode muss der Spieler in einem gemächlichen, nöthigenfalls sehr langsamen Tempo zuvörderst die bestmöglichste Fingersetzung aufsuchen und sich angewöhnen, und ferner die strengste Reinheit und Richtigkeit der vorgeschriebenen Noten und Zeichen sich aneignen. Ist dieses vollkommen berichtigt, dann erst beginnt die zweite Periode, wo man nach und nach und wenn alles Steckenbleiben und Stottern bereits abgewöhnt worden ist, das Tonstück ununterbrochen, jedesmal schneller, und so oft durchspielt, bis man des Tempos, welches der Autor vorzeichnete, völlig mächtig geworden. Es versteht sich, dass man die gewöhnlichen Vortragszeichen, wie Forte, Piano, cresc:, etc:, hier auch schon zu beobachten hat. Hier ist die Hilfe des Metronoms eine Zeitlang an ihrem Platze.

Dann tritt erst die dritte Periode ein, wo man erstlich die vorgeschriebenen feinern Vortragszeichen, wie ritard:, smorz:, accel: etc: in allen ihren Schattierungen studiert, und zweitens auch sein eigenes Gefühl zu Rathe zieht, um den Charakter des Tonstückes (den man inzwischen kennen zu lernen, Zeit gehabt hat,) getreu wieder zu geben.

Wenn man zu früh aus einer Periode in die Andere treten wollte, so würde man sich das Einstudieren sehr erschweren. Denn man kann unmöglich im rechten Tempo, ohne Stottern spielen, solange man die Noten und den dazu gehörigen Fingersatz nicht sicher weiss. Und eben so wenig kann man den Charakter eines Stückes errathen und gehörig darstellen, so lange man es langsam buchstabieren muss.

Ja auch für die Ritardando's, und andere feinere Schattierungen kann man nicht eher das rechte Mass finden, als bis man das vorgeschriebene Tempo genau inne hat. Jedoch Forte und Piano kann man schon in der 2ten Periode beobachten.

Der Schüler muss sich übrigens bestreben, jedes Tonstück in der möglichst kürzesten Zeit einzustudieren, denn oft wird man dessen zuletzt überdrüssig, woran man Monathe lang arbeiten und buchstabieren muss. Allerdings hängt es von der Schwierigkeit und der Länge des Tonwerkes ab, wie viel Zeit man dem Einüben desselben widmen muss. Allein der Schüler soll auch keine Stücke einstudieren, welche ihn verhältnismässig zu viel Zeit kosten, und daher über seine Kräfte gehn.

Die grössere Zahl (Quantität) der einstudierten Tonstücke trägt am Meisten zu jenen Fortschritten bei, welche zuletzt den Spieler fähig machen, alles spielen zu können; und es ist daher gar nicht gleichgültig, ober der Schüler im Jahr nur 10 Tonstücke, oder ob er deren 30 gut einstudiert hat.

Die musikalischen Kunstwerke haben, (ungleich den meisten Produkten anderer Künste,) das Nachtheilige zu überwinden, dass man ihre Schönheit und folglich ihren Werth nach der Art beurtheilt, wie sie vorgetragen werden.

Vom Spieler allein hängt es ab, ob ein Tonstück gefallen oder misfallen soll, und natürlicherweise kann auch die gelungenste Composition einen widrigen Eindruck machen, wenn sie unrein, holprig, im verfehlten Tempo, oder in verkehrter Auffassung des Charakters den Zuhörern vorgeführt wird.

Allein der Spieler selber kommt häufig in den Fall, beim ersten Durchspielen oder beim Einstudieren eine Compositon unrecht zu beurtheilen, und manches Tonstück für hässlich zu halten, welches gut vorgetragen, vielleicht von der schönsten Wirkung ist.

Natürlicherweise bleibt beim Einstudieren sehr häufig der Schüler, (oft auf Dissonanzen) stecken, muss manchmal langsam einzelne Stellen buchstabieren, kann demnach dem Faden des Ganzen nicht nachfolgen, und verliert zuletzt die Geduld, indem er der Compositon die Misstöne und die Unverständlichkeit zuschreibt, an denen doch nur seine Ungeschicklichkeit Schuld ist. Diess ist eine Hauptursache, dass manche tiefgedachte Composition (wie z:B: die Beethovenschen) oft viele Jahre brauchten, ehe sie vom Publikum anerkannt worden sind.

Der Spieler enthalte sich jedes Urtheils über eine Compositon so lange, bis er sie gut und genau nach der Vorschrift des Tonsetzers auszuführen vermag.