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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

8tes Kapitel.

[a] Über das richtige, für jedes Tonstück geeignete Tempo.

[i] Über das Allegro.

<50> § 1. Vom mässigen Allegretto bis zum Prestissimo gibt es so viele Abstufungen des schnellen Zeitmasses, dass es bei so grosser Auswahl in der That nicht leicht ist, für jedes Tonstück das bestgeeignete Tempo zu finden, da doch bei weitem nicht alle Compositionen mit dem Metronome bezeichnet sind, und da die vorgeschriebenen Tempozeichen auch nicht jeden feinern Unterschied genau bestimmen können.

§ 2. Die zuverlässigste Idee zur sichern Auffindung des wahren Tempo kann gefunden werden, 1tens aus dem Charakter des Tonstücks; 2tens aus der Zahl und dem Notenwerthe der geschwindesten Noten, welche in einem Takte vorkommen.

§ 3. Der Charakter eines Tonstückes, welches mit Allegro bezeichnet ist, kann sehr verschiedenartig sein, nämlich:

  1. Ruhig, sanft und einschmeichelnd.
  2. Tiefsinnig oder schwärmerisch.
  3. Schwermüthig oder harmonisch verwickelt.
  4. Majestätisch, grossartig und erhaben.
  5. Brillant, jedoch ohne Anspruch auf allzugrosse Bewegung der Geläufigkeit.
  6. Leicht, munter und scherzend.
  7. Rasch und entschieden.
  8. Leidenschaftlich bewegt, oder fantastisch und launig.
  9. Stürmisch schnell, im ernsten wie im fröhlichen Sinn. In diesem Falle auch meistens auf brillante Wirkung berechnet.
  10. Sehr wild, aufgeregt und ausgelassen, oder furios.

<51> Der Spieler hat wohl Acht zu geben, dass er sich beim Einstudieren eines Tonstückes über dessen Charakter nicht täusche. Denn alle eben angeführten verschiedenen Eigenschaften können durch ein Allegro bezeichnet werden; und obwohl der Tonsetzer meistens noch durch irgend ein Beiwort (moderato, vivace, maestoso, etc:,) den Charakter näher bestimmt, so geschieht es doch nicht immer und reicht auch nicht für alle Fälle hin. Selbst auf das Presto muss diese Rücksicht Statt finden.

§ 4. Im Allegro können Noten von verschiedenem Werthe vorkommen.

Wenn daher in einem, mit Allegro bezeichneten Tonstücke 16teln Triolen vorkommen (so dass z:B: in 4/4 Takt 24 Noten einen Takt ausfüllen,) so ist das Allegro-Tempo etwas gemässigter zu nehmen, um diese Noten nicht übereilen zu müssen.

Wenn aber nur einfache 16teln die geschwindeste Notengattung sind, so kann man das Allegro lebhafter nehmen, vorausgesetzt, dass diese 16teln keine harmonisch verwickelten oder mehrstimmigen Passagen enthalten, welche der Verständlichkeit und leichteren Ausführung wegen ebenfalls etwas gemässigter auszuführen sind. Kommen aber im Allegro-Tempo keine schnelleren Noten vor, als Achtel-Triolen, so wird in der Regel das Tempo wieder etwas schneller genommen.

Noch rascher ist das Allegro auszuführen, wenn im Tonstück nur gewöhnliche Achteln als die schnellsten Noten vorkommen.

Es versteht sich, dass alles dieses manche Ausnahmen erleidet, wenn der, vorhin besprochene Charakter des Tonstückes dieselben nöthig macht, oder wenn der Tonsetzer ausdrücklich das Gegentheil durch besondere Beiworte vorzeichnete.

Nächst dem reinen Vortrag ist nichts wichtiger, als die richtige Wahl des Tempo. Die Wirkung des schönsten Tonstückes wird gestört, ja ganz vernichtet, wenn man es entweder übereilt, oder, was noch schlimmer ist, allzuschleppend ausführt.

Im ersten Falle kann der Zuhörer, besonders, wenn er es zum Erstenmale hört, dasselbe nicht klar auffassen; und im zweiten Falle muss es ihn nothwendigerweise langweilen.

Denn wenn wir z:B: ein Tonstück nehmen, welches nach der Idee des Verfassers nicht länger dauern soll, als höchstens 10 Minuten, und wenn nun dieses Tonstück vom Spieler um ein Drittel langsamer vorgetragen wird, so dauert es natürlicherweise 15 Minuten, und wird folglich viel zu lang.

Dieses findet leider so häufig bei brillanten, öffentlich vorgetragenen Compositionen Statt, welche auf diese Art, obwohl sonst brav ausgeführt, ihre Wirkung völlig verfehlen.

Wer noch nicht im Stande ist, ein solches Tonstück im gehörigen Zeitmasse vor Zuhörern vorzutragen, der soll anstatt demselben ein leichteres wählen.

Je schneller ein Tonstück auszuführen ist, desto mehr muss der Spieler dasselbe durch schönen und leichten Vortrag, durch mühelose Überwindung der Schwierigkeiten, und durch zarte und deutliche Geläufigkeit verständlich zu machen suchen, was immer möglich ist, wenn seine Fertigkeit hinreichend ausgebildet, und das Tonstück gehörig eingeübt worden ist.

[ii] Über das Adagio.

§ 5. Vom Allegro moderato bis zum Adagio, Largo und Grave gibt es eben so viele Abstufungen des Tempo, und der Spieler hat eben so den Charakter des Tonstückes, wie den, in demselben vorkommenden Notenwerth zu berücksichtigen. Demnach gelten alle eben gegebenen Regeln, mit gehöriger Anwendung, auch auf die Wahl des Zeitmasses derjenigen Tonstücke, welche im langsamen und ruhigen Tempo vorzutragen sind.

§ 6. Bei sehr langsamen, und nur aus ruhigen, schweren Noten bestehenden Tonstücken, ist das Festhalten des angenommenen Zeitmasses schwerer als bei jenen, welche im schnellen Tempo vorzutragen sind. Um nun das unsichere Schwanken, Schleppen, Dehnen, oder Übereilen zu vermeiden, ist es für den nicht völlig ausgebildeten Spieler nothwendig, dass er während dem Spiele die einzelnen Takttheile, (Achteln oder auch Sechzehnteln) in Gedanken nachzähle.