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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

12tes Kapitel. Über den Vortrag der Fugen und anderer Compositionen im strengen Style.

<64> § 1. Einen besonderen, sehr aufmerksamen, und in seiner Art auch sehr schwierigen Vortrag erfordern die Fugen und fugirten mehrstimmigen Sätze, welche übrigens auch in andern Compositionen häufig vorkommen.

Wenn bei den Tonwerken im freien und eleganten Styl; (von denen eigentlich bisher nur die Rede war,) der Gesang oder die brillante Passage besonders hervortreten muss, weil alles Andere nur Begleitung ist, so muss dagegen im strengern Style, und in der Fuge jede Stimme ihren Gang mit gleicher Kraft und gebundener Festigkeit fortführen, und der Spieler eine solche Wirkung hervorbringen, als ob eben so viele Hände als Stimmen da wären. Z.B:

[Notenbeispiel 64-1]

§ 2. Dieses Beispiel ist 4-stimmig, und man sieht, dass in jeder Hand zwei Stimmen miteinander ununterbrochen fortschreiten, und dass jede dieser 4 Stimmen einen eigenen Gang und Gesang hat. Der Schüler gebe sich nur die Mühe, jede Stimme einzeln, im strengsten Legato durchzuspielen, und dabei die ganzen und halben Noten so fest anzuschlagen, dass ihr Klang bis zur nächstfolgenden deutlich fortdaure.

Nun ist aber die schwierige Aufgabe, dass alle 4 Stimmen zusammen genau eben so fest und legato vorgetragen werden, so dass der Zuhörer den Gang jeder einzelnen Stimme deutlich fassen, und ihm nachfolgen könne.

Nebst der, schon im 2ten Theile besprochenen besonderen Fingersetzung, die zu diesem Zwecke nothwendig ist, müssen sich die Finger auch oft manche unbequeme Spannung und Verdrehung, (jedoch immer bei der ruhigsten Hand,) gefallen lassen, und diese Unbequemlichkeit ist es, welche so viele Spieler verleitet, solche Sätze unrichtig vorzutragen.

Nichts wäre falscher, als wenn der Spieler das vorige Beispiel etwa so vortragen würde:

[Notenbeispiel 64-2]

Denn durch dieses zu frühe Auslassen der gebundenen Noten würde der Satz aufhören 4-stimmig zu sein. Es wäre keine volle Harmonie mehr, und folglich der Zweck völlig verfehlt.