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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III

11tes Kapitel. Über das Produzieren.

<62> Man kleidet sich geschmackvoll an, um sich vor der Welt sehen zu lassen.

Man lernt eine Sprache, um sich derselben in Gesellschaft zu bedienen. Eben so lernt man die Ausübung eines musikalischen Instruments, um durch den Vortrag andern Zuhörern Vergnügen, und sich Ehre zu machen.

Viele Schüler zeigen, wenn sie vor Zuhörern spielen sollen, eine fast kindische Furcht und Befangenheit, und versudeln das, was sie noch so gut einstudiert zu haben glauben.

Diese üble Eigenschaft, durch welche der Hauptzweck alles Lernens verloren geht, lässt sich meistentheils leicht abgewöhnen:

  1. Wer sich, nach den in dieser Schule entwickelten Grundsätzen, ein ruhiges, festes Spiel, eine richtige Fingersetzung, und eine anständige Haltung angewöhnt hat, auf dessen Finger kann die Furcht nicht so leicht nachtheilig wirken.
  2. Wer die Vorsicht braucht, nicht eher ein Stück vor Zuhörern zu spielen, als bis es so sicher geht, dass er es wenigstens zehnmal nach einander ohne den geringsten Fehler für sich allein vorzutragen im Stande ist, auf den wird selbst eine grosse Befangenheit keine auffallende nachtheilige Wirkung haben.
  3. Es ist aber auch nothwendig, dass die Schüler sich bei Zeiten angewöhnen, etwas Angemessenes vor Zuhörern vorzutragen.
    Selbst beim Anfänger soll, so bald er ein Stückchen rein und ohne Stocken auszuführen im Stande ist, die Vorsicht gebraucht werden, dass er es seinen Ältern, Verwandten, etc:, vorspiele, und Anfangs eignen sich 4-händige Stücke hierzu am meisten, weil der Lehrer den Schüler dabei unterstützen kann.
    Später sind Solo-Stückchen hiezu zu wählen.
    Es gibt auch kein besseres Mittel, den Schüler zum Fleiss anzuspornen, als wenn er stets mit der Überzeugung studieren muss, dass er sich an einem bestimmten Tage hören lassen soll.
  4. Später sind auch angemessene Stücke mit Begleitung anderer Instrumente, z:B: Duetten mit Violin oder Flöte, Trios, Quartetten, etc: zu diesem Zwecke sehr vorteilhaft, und auf diese Art verschwindet nach und nach jede Furcht und Befangenheit für immer.

Wenn man irgend einem Bekannten, etc: irgend eine Kleinigkeit, ein Thema, ein Tanzstück, u.s.w. vorspielen will, so macht dieses keine Ansprüche auf das eigentliche Produzieren; aber auch solche Kleinigkeiten wollen gut vorgetragen, und folglich früher eingeübt werden; und auch da ist das Stottern, Falschgreifen, Verfehlen des Tempo, etc: unangenehm.

Aber wenn der Spieler sich mit einem Tonstück, sei es vor Einem oder vor mehreren Zuhörern, produzieren will, so sind manche Regeln und Rücksichten zu beobachten, deren Angabe hier nicht überflüssig sein wird.

Wenn der Spieler in Privatgesellschaften zum Fortepiano tritt, um irgend ein Tonstück vorzutragen, so geschehe dieses mit anständiger, anspruchloser Miene, eben so fern von Anmassung wie von Furchtsamkeit.

Vor allem denke er daran, sich gehörig und bequem zu setzen, mit seinen Füssen sich der Pedale zu versichern, und die Ermelspitzen seines Rocks aufzuschlagen.

Er durchfährt die Tasten piano oder höchstens mezza voce in leichtem Anschlag mit einem schnellen Lauf oder einigen leisen Accorden in der Tonart des vorzutragenden Stückes, welches sodann, nach einer Pause von ungefähr 20 Sekunden beginnen kann.

Langes Präludieren ist selten schicklich, weil es die Aufmerksamkeit der Zuhörer ermüden und ablenken, oder dieselbe missleiten und dem Charakter des Tonstückes schaden kann.

Wenn jedoch der Spieler auf einem ihm unbekannten Fortepiano spielen soll, so ist es nothwendig, dass er es durch ein etwas längeres Vorspiel kennen lerne, um sich seines Anschlags und seines Tons zu versichern.

Die Muster zu solchen Vorspielen findet er in vielen, zu diesem Zwecke von verschiedenen Tonsetzern componirten Werken, unter andern auch in meiner Kunst des Präludierens, (300tes Werk, Wien, bei A. Diabelli) welche vollständig auswendig zu lernen, jedem Spieler gewiss von mannigfachen Nutzen sein kann.

<63> Wenn der Spieler öffentlich (z:B: im Theater) spielen soll, so hat er auf ein edles, anständiges Auftreten, in gehöriger schwarzer Kleidung, um so mehr zu sehen, als da auch ein kleines Versehen leicht Anlass zu Bemerkungen und Verlegenheiten geben kann.

Nach den 3 gehörigen Verbeugungen, (zuerst gegen die Hauptloge, dann gegen die andere Seite, und zuletzt gegen die Mitte) nimmt er seinen Sitz ein, zieht die weissen Handschuhe aus, und gibt dem Orchester das Zeichen.

Alles Präludieren ist da streng zu vermeiden. Der Spieler muss Sorge tragen, vor dem Auftreten seine Finger recht warm und geschmeidig zu erhalten.

NB. Man hat gefunden, dass es am Vortheilhaftesten ist, das Fortepiano mit der Violinseite gegen die Zuhörer zu stellen, so dass der Bass gegen die Bühne zu gekehrt bleibt, und dass der Spieler der nächsten und vornehmsten Seitenloge gegenüber sitze.

In diesem Falle wird der grosse obere Deckel des Fortepiano nicht weggenommen, sondern bloss aufgespreizt, wodurch der Ton besser gegen die Zuhörer geleitet wird, anstatt sich in den Kulissen zu verlieren.

Derjenige, der dem Spieler umblättern soll, sitzt demnach auf der Bassseite, und ergreift die Blätter an der obern Spitze.

Während dem Tutti (eines Concerts, etc:) spielt man höchstens bei den Fortissimo-Stellen leise mit, aber noch besser gar nicht.

Eine der wichtigsten Sorgen des Spielers muss es sein, bei aller Freiheit des Spiels doch stets mit dem Orchester im Einklang zu bleiben; denn die geringste Unordnung im Tempo macht auf die Zuhörer eine weit üblere Wirkung, als der Spieler selber es zu bemerken im Stande ist. Jede sanfte Stelle, jede zarte Verzierung muss so vorbereitet und ausgeführt werden, dass sie nicht verloren gehe, und dass der Zuhörer den Faden des Ganzen nicht verliere.

Die Kraft des Anschlags muss überhaupt auch nach der Grösse des Locals bemessen werden.

Da ein solches Tonstück gewöhnlich zuvor mit dem Orchester probiert wird, so hat der Spieler da auf die verschiedene Begleitungsart der Composition Rücksicht zu nehmen, und theils darnach sein Spiel zu formen, theils sich in Rücksicht der Ritardando's, etc: mit dem Orchesterdirector einzuverständigen.

Man lasse sich die Mühe nicht verdriessen, jede bedenkliche Stelle mehrmals zu probieren. Man ist diese Aufmerksamkeit dem Publikum, wie auch sich selbst schuldig, und ein vollendeter Vortrag wird stets ehrenvoll anerkannt. Die meisten jungen Künstler bedenken nicht genug, wie wichtig das erste öffentliche Auftreten vor dem Publikum ist.

Das zukünftige Glück des Künstlers hängt davon ab, ob es ihm zum Erstenmale schon glückte, die allgemeine Aufmerksamkeit, Bewunderung und wahres Wohlgefallen zu erregen. Er gewinnt unter andern den unendlichen Vortheil, dass ihm in der Folge aufmerksam zugehört wird, und dass folglich keine Feinheit, keine gelungene Stelle verloren geht. Er braucht dann nur auf seiner Laufbahn wacker vorzuschreiten, um einer glänzenden Zukunft sicher zu sein. Ist dagegen die erste Produktion unglücklich, oder auch nur gewöhnlich und unbedeutend ausgefallen, so läuft er stets Gefahr, später ein unruhiges, gegen ihn schon eingenommenes Publikum zu finden, und selbst eine gute Leistung geht dann meistens verloren.

Es liegt in der Natur der Dinge, dass ein grosses und folglich gemischtes Publikum durch etwas Ausserordentliches überrascht werden muss, und das sicherste, ja einzige Mittel dazu ist: - vollendete Bravour mit gutem Geschmack vereinigt.

In diesem Sinne muss auch die Wahl des Tonstücks getroffen werden, womit der junge Künstler debütirt. Es muss dem neuesten Geschmack entsprechen, und dem Spieler eben sowohl Gelegenheit zur Überwindung glänzender Schwierigkeiten, wie zum Vortrag gesangvoller und reitzend verzierter Cantilenen verschaffen.

Ein übelgewähltes Tonstück hat schon manchem tüchtigen, zum erstenmale auftretenden Künstler eben so geschadet, als es ein fehlerhaftes Spiel nur immer hätte thun können.

Der Verfasser schlägt hier den Weg vor, den er für den sichersten hält, und den er, bei seinen sehr vielen, sich der Kunst widmenden Schülern stets befolgt, und bewährt gefunden hat.

Bei der gegenwärtigen Vollkommenheit der Fortepiano kann es ein guter Spieler wohl wagen, selbst im grössten Locale ein Solostück vorzutragen. Hiezu eignen sich vorzüglich brillante Fantasien über solche Themas, welche schon beim Publikum allgemein bekannt und beliebt sind.

Der Spieler hat dabei den Vortheil, dass er von keinem, oft störendem Orchester abhängt, und völlig frei und unabhängig spielen kann.

Aber freilich muss auch sein Vortrag um son interessanter sein, um, besonders bei einem langen Tonstücke, nicht langweilig zu werden.

<64> Hat der Spieler seinen Ruf einmahl dergestalt gegründet, dass das Publikum ihm gerne und mit antheilvoller Aufmerksamkeit zuhört, dann kann er wohl auch durch die Wahl ernsterer und klassischer Tonwerke den Forderungen einer höheren Kritik zu genügen versuchen.