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Czerny: Pianoforte-Schule ... op. 500,III - Kap. 10

10tes Kapitel.
Über den Vortrag leidenschaftlicher und charakteristischer Compositionen.

<60> Es gibt Werke für das Pianoforte, deren Vortrag grosse Kraft, vielen Ausdruck und grosse Geläufigkeit fordert, und die doch nicht in dem eben besprochenen brillanten Styl gespielt werden dürfen. Die meisten Beethovenschen Clavierwerke gehören in dieses Fach, und der Unterschied beruht auf Folgendem:

In charakteristischen Compositionen wirken die Töne in grossen Massen; die notenreichen Passagen sind nur da, um der Idee die gehörige Energie und Vollstimmigkeit zu geben, und jeder Nachdruck, jede Zartheit, die man da anbringen will, (und wozu die Gelegenheiten nicht minder zahlreich sind, als anderswo,) muss in diesem Sinne ausgeführt werden, so dass mehr die Gesammtwirkung, als die Klarheit der einzelnen Töne zu berücksichtigen ist.

Das zarte delikate Fingerspiel, welches jeden Ton klar, weich und pikant heraushebt, ist in solchen Werken selten anzuwenden; es ist die, wenn auch nicht sichtbare, Kraft des Arms, welche den Geist solcher Werke wiedergeben muss, und die mechanische Geschicklichkeit des Spielers muss da dem Zwecke des Tonsetzers völlig untergeordnet bleiben. Selbst die sanften Stellen, so wie die Verzierungen, dürfen da von Seite des Spielers keine Gefallsucht verrathen.

Solche Compositionen haben, wenn sie anders gelungen sind, nur eine bestimmte Farbe und Haltung, und da man da nicht die Wirkungen der verschiedenen Schulen untereinander gement findet, so darf man auch nicht willkührlich die Spielmanier wechseln.

Diese Compositionen enthalten oft auch viel Humoristisches, und erfordern, dass der Spieler bei deren Vortrag sich eine gewisse Laune und Freiheit erlaube. Diese Laune äusserst sich vorzüglich durch die Anwendung eines willkührlichen Ritardando und Accelerando, und durch kräftiges Markiren gewisser einzelnen Noten.

Man sehe z.B: folgendes Scherzo.

Notenbeispiel S. 60 [33 KB]
Notenbeispiel S. 61 [77 KB]

<62> Die letzten 8 Takte des Trio müssen streng im Takte gehen, um verständlich zu sein.

Beim da Capo des Scherzo, muss dessen erster Theil bei der Wiederhohlung durchaus pp, mit nachlässiger Laune, und eben so zum erstenmal der 2te Theil gespielt werden. Beim zweitenmal ist der 2te Theil dagegen mit aller Kraft und allem zulässigen Muthwillen vorzutragen.