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Hanslick: Vom Musikalisch-Schönen

Vorwort zur zweiten Auflage

Die neue Auflage hat an dem Wesentlichen dieser Schrift nichts geändert. Die Hinzufügung mancher erläuternder, die Abänderung einiger mißverständlicher Sätze war das Einzige, was ich an dem Büchlein vornehmen konnte, sollte es nicht eben ein ganz anderes werden.

Der vielen Mängel meiner Arbeit bin ich mir sehr lebhaft bewußt; allein dergleichen gedankenmäßige Entwicklungen, welche organisch aus der Ueberzeugung ihres Verfassers herauswuchsen, lassen sich späterhin äußerst schwer umarbeiten. Ueberdies hat der günstige Erfolg der ersten Auflage dargethan, daß meine Grundsätze, auch wie sie ausgesprochen waren, auf gutes Erdreich fielen.

Was die Mißverständnisse betrifft, die meine Schrift erfuhr, so habe ich sie ohne Zweifel zum Theil verschuldet; zum Theil kann ich wirklich nicht umhin, die stärksten von ihnen für absichtlich zu halten. Man hat mir eine vollständige "Polemik" gegen Alles, was Gefühl ist, aufgedichtet, während jeder unbefangene und aufmerksame Leser doch unschwer erkennt, daß ich nur gegen die falsche Einmischung der Gefühle in die Wissenschaft protestire, also gegen jene ästhetischen Schwärmer kämpfe, die mit der Prätension, den Musiker zu belehren, nur ihre klingenden Opiumträume auslegen. Ich theile vollkommen die Ansicht, daß der letzte Werth des Schönen immer auf unmittelbarer Evidenz des Gefühls beruhen wird. Aber ebenso fest halte ich an der Ueberzeugung, daß man aus all den üblichen Appellationen an das Gefühl nicht ein einziges musikalisches Gesetz ableiten kann.

Diese Ueberzeugung bildet den Einen, den negativen Hauptsatz dieser Untersuchung. Er wendet sich zuerst und vornehmlich gegen die allgemein verbreitete Ansicht, die Musik habe "Gefühle darzustellen." Es ist nicht einzusehen, wie man daraus die "Forderung einer absoluten Gefühllosigkeit der Musik" herleiten will. Die Rose duftet, aber ihr "Inhalt" ist doch nicht "die Darstellung des Duftes;" der Wald verbreitet schattige Kühle, allein er stellt doch nicht "das Gefühl schattiger Kühle dar." Es ist kein müßiges Wortgefecht, wenn ausdrücklich gegen den Begriff "darstellen" vorgegangen wird, denn aus ihm sind die größten Irrthümer der musikalischen Aesthetik entsprungen. Etwas "darstellen" involvirt immer die Vorstellung von zwei getrennten, verschiedenen Dingen, deren eines erst ausdrücklich durch einen besonderen Act auf das andre bezogen wird. "Gefühl" muß der Musik innewohnen, wie der Duft der Rose, aber es liegt ihr nicht auf, wie die Maske dem Schauspieler.

Nicht blos eigene wiederholte Prüfung, sondern auch zahlreiche unbefangene Kritiken haben mir die Beruhigung verschafft, daß die Stellen meiner Schrift, welche das Wahre und Positive der musikalischen Wirkungen anerkennend, jenen leichtsinnigen Vorwurf entkräften, deutlich genug vor Augen liegen.

Jenem negativen Hauptsatz steht correspondirend der positive gegenüber: die Schönheit eines Tonstücks ist specifisch musikalisch d.h. den Tonverbindungen ohne Bezug auf einen fremden, außermusikalischen Gedankenkreis innewohnend. Es lag in der redlichen Absicht des Verfassers, das "Musikalisch-Schöne" als Lebensfrage unserer Kunst und oberste Norm ihrer Aesthetik vollständig zu beleuchten. Wenn trotzdem das polemische, negirende Element in der Ausführung ein Uebergewicht erlangt, so wird man dieses in Erwägung der besondern Zeitumstände hoffentlich entschuldigen. Als ich diese Abhandlung schrieb, waren die Wortführer der Zukunftsmusik eben am lautesten bei Stimme und mußten wohl Leute von meinem Glaubensbekenntniß zur Reaction reizen. Nun, wo ich die 2. Auflage zu veranstalten habe, sind zu Wagners Schriften noch Liszt's Programm-Symphonien hinzugekommen, welche vollständiger, als es bisher gelungen ist, die selbstständige Bedeutung der Musik abdanken, und diese dem Hörer nur mehr als gestaltentreibendes Mittel eingeben [Anm.: Eben laufen die Berichte über Liszt's "Faust-Symphonie" ein, die in ihrem ersten Satz Faust "darstellt", im zweiten Gretchen, im dritten Mephisto. An dem letzten wird namentlich bewundert, daß er gar kein Thema hat, sondern als "verneinendes Princip" blos die Gedanken "Fausts" und "Gretchens" (– die Themen der beiden ersten Sätze –) verunstaltet und verhöhnt. –]

Man möge es mir zu Gute halten, wenn ich Angesichts solcher Zeichen keine Neigung fühlte, den polemischen Theil meiner Schrift zu kürzen oder abzuschwächen. Vielmehr däuchte es mir um so nothwendiger, rücksichtslos auf das Eine und Unvergängliche in der Tonkunst, auf die musikalische Schönheit hinzuweisen, wie sie unsere Meister Bach, Haydn, Mozart, Beethoven und Mendelssohn gefeiert haben, und echt musikalische Erfinder sie auch in aller Zukunft pflegen werden.

Wien, den 9. November 1857.

Dr. Ed. H.