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Koch: Musikalisches Lexikon

Adagio,

<62> (ital.) mäßig langsam. Wenn wir die Natur unserer Empfindungen betrachten, finden wir, daß sich die Aeußerungen sanfter, zärtlicher oder trauriger Empfindungen gern bey ihrem Gegenstande verweilen, gern alles dasjenige, was nur einige Verbindung mit ihnen hat, mit sich in Beziehung bringen, und daß also dasjenige, was man Modifikation der Empfindung nennet, dabey langsam und mit Verweilen von statten gehet. Bey freudigen oder heftigen Empfindungen hingegen äußert sich ein gewisses Bestreben, alles was darauf Beziehung hat, gleichsam auf einmal darzustellen; sie verweilen sich daher bey keinem Gegenstande, der mit ihnen in Verbindung stehet, sondern eilen von dem einen zu dem andern, so daß eine Modifikation derselben gleichsam die andere verdrängt. Gehet man bey diesem Gegenstande <63> tiefer ins Detail, so zeigt es sich, daß jede verschiedene Empfindung dieses Verweilen oder Forteilen in einem ihr ganz eigenen Grade äußert. Schon aus diesem flüchtigen Blicke auf die Aeußerungen unserer Empfindungen siehet man, daß es der Natur der Sache angemessen ist, daß man bey dem Ausdrucke der Empfindungen durch Töne auf diese Eigenschaften der Empfindungen Rücksicht nehmen muß, und daß man sanfte oder traurige Empfindungen nicht durch schnell dahin eilende, freudige oder heftige Empfindungen hingegen, nicht durch langsam fortschleichende Töne ausdrücken kann.

Um nun den Ausführern der Tonstücke theils die denselben angemessene Bewegung des Zeitmaaßes, theils auch den Charakter, und die in denselben auszudruckenden Empfindungen kennbar zu machen, nach welchen sich der Vortrag richten muß, bedienen sich die Tonsetzer zu Anfange eines jeden besondern Satzes der Tonstücke gewisser italiänischer Wörter und Ueberschriften, die so beschaffen sind, daß sie entweder blos die Bewegung des Zeitmaaßes, oder blos die Vortragsart, oder auch beydes zugleich bezeichnen. Im ersten Falle, wenn sich der Tonsetzer einer solchen Ueberschrift bedienet, die blos die Geschwindigkeit der Bewegung bezeichnet, wie z.B. Largo (langsam) oder Allegro (hurtig), so muß der Ausführer nach Anleitung der vorgeschriebenen Bewegung, hauptsächlich aber aus dem Inhalte des Stückes selbst, die Art der Empfindung zu entdecken suchen, die in demselben ausgedrückt ist, um seinen Vortrag darnach auszurichten. Zeigt hingegen der Tonsetzer durch die Ueberschrift blos die Art des Vortrages an, wie z.B. bey den Ausdrücken cantabile, (singend,) dolce, (sanft oder süß,) scherzando, (scherzhaft) u.s.w. so verhält es sich für den Ausführer umgekehrt, denn in diesem Falle muß er von dem Charakter des Tonstücks auf die demselben angemessene Bewegung schließen, und diese jenem anzupassen suchen. Beyde Fälle setzen einen gebildeten Geschmack und viel Erfahrung voraus, und es ist, wie man oft fälschlich <64> glaubt, keine Kleinigkeit, dasjenige Zeitmaaß zu treffen, in welchem ein Tonstück seine beste Wirkung thut. Aber auch im dritten Falle, wenn der Tonsetzer durch die Ueberschrift sowohl das Zeitmaaß, als auch die Vortragsart bezeichnet, wie z.B. in den Ausdrücken allegro maestoso, (hurtig und mit erhabenem oder majestätischen Vortrage,) adagio con tenerezza, (langsam mit Zärtlichkeit) u.s.w. bleibt es immer noch mit einigen Schwierigkeiten verbunden, das richtige Zeitmaaß zu treffen, wenn man nicht schon den ganzen Inhalt des Tonstückes genau kennet.

Diejenigen Ausdrücke, womit man die verschiedenen Grade der Geschwindigkeit des Zeitmaaßes, und die verschiedenen Arten des Vortrages bezeichnet, findet man in der Folge unter ihren eigenen Artikeln angezeigt; hier aber muß, weil sich hierzu die Gelegenheit zum erstenmal ereignet, noch bemerkt werden, daß man anjetzt gewohnt ist, die verschiedenen Grade der Geschwindigkeit, in welchen die verschiedenen Sätze der Tonstücke ausgeübt werden, in fünf Hauptgrade einzutheilen, die von dem langsamen bis zum geschwinden Grade in folgender Ordnung auf einander folgen;

  1. Largo, langsam;
  2. Adagio, mäßig langsam;
  3. Andante (gehend,) bezeichnet einen ruhigen und abgemessenen Schritt, der zwischen dem Geschwinden und Langsamen das Mittel hält;
  4. Allegro, hurtig, und
  5. Presto, geschwind.

Alle übrige, daß Zeitmaaß bezeichnende Ausdrücke kommen mit einem von diesen Graden nur mit geringer Abweichung überein.

Das Adagio erfordert eine vorzüglich gute Ausführung, theils wegen der langsamen Bewegung, durch welche jeder Zug, welcher der vorhandenen Empfindung nicht entspricht, merklich wird, theils deswegen, weil es, wenn es nicht unterhaltend und anziehend genug vorgetragen wird, ins Langweilige und Eckelhafte fällt.

Es ist schwer, allgemeine Regeln für den Vortrag jeder Art der Tonstücke festzusetzen, weil der Vortrag <65> mehr Gegenstand der Empfindung als der Beschreibung, mehr Gegenstand des Genies, als des Unterrichts ist. Indessen ist doch so viel gewiß, daß das Adagio mit sehr feinen Nuancirungen der Stärke und Schwäche des Tones, so wie überhaupt mit einem sehr merklichen Zusammenschmelzen der Töne vorgetragen werden muß.

"Daß sehr viel zum guten Vortrage des Adagio erforderlich seyn müsse," (sagt Baumbach) [FN: Handwörterbuch über die schönen Künste] "wird niemand daher in Zweifel ziehen, weil die Anzahl der Eingeweihten für dieses Fach so gar geringe, und derer, die an selbigem scheitern, so gar groß ist. Durch einfache Noten seinem Componisten und dem Zwecke der Sache Gnüge leisten, wäre vielleicht im Allgemeinen ein Fingerzeig für den ausübenden Tonkünstler in Rücksicht auf das Adagio. Sollen einfache Noten aber wirken, so erfordert ihre Bildung langes und anhaltendes Studium, und ihre vorzüglichsten Eigenschaften sind Festigkeit, Haltung, (portamento di voce) Biegsamkeit, Gleichheit u.s.w."

Einer der größten Fehler wider den guten Vortrag des Adagio ist es, wenn der Ausführer das Unterhaltende des Vortrags durch Ueberhäufung der Manieren und Veränderungen der Melodie zu erlangen sucht, denn dadurch gehet der eigentliche Charakter des Stücks verloren. [FN: Siehe Manieren] Es scheint überhaupt eine ganz richtige Bemerkung zu seyn, daß man den Grad der Ausbildung eines Tonkünstlers nach seinem Vortrage des Adagio beurtheilen könne.

Noch ist zu bemerken, daß man das Wort Adagio, so wie es schon <66> verschiedene mal in diesem Artikel geschehen ist, auch als Substantiv braucht, und damit ein Tonstück bezeichnet, welches in diesem Grade der Bewegung vorgetragen wird.