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Koch: Musikalisches Lexikon

Begleitung.

<232> Die harmonische Unterstützung eines Gesanges oder einer Hauptstimme mit einem oder mehrern Instrumenten wird das Akkompagnement oder die Begleitung genannt. Sehr oft verstehet man darunter auch insbesondere den Vortrag des Generalbasses, weil er den harmonischen Inhalt aller begleitenden Stimmen in sich faßt.

<233> Die Begleitung hat zur Absicht den Charakter der Hauptstimme auf das genaueste zu bestimmen, [FN: Siehe Harmonie und Baß) den Zweck derselben zu befördern, die in einer Hauptstimme unvermeidlichen melodischen Lücken auszufüllen, und die durch diese Lücken noch getrennten Theile der Melodie völlig an einander zu reihen. Soll dieser Endzweck vollkommen erreicht werden, so muß nicht nur der Tonsetzer selbst, sondern auch jeder Ausführer der begleitenden Stimmen das Seine dazu beytragen.

Auf Seiten des Komponisten setzt eine gute und zweckmäßige Begleitung eines Hauptgesanges, nebst den hierzu nöthigen harmonischen Kenntnissen, nicht allein genaue Kenntniß aller begleitenden Instrumente und ihrer besondern Eigenschaften, und eine durch viel Erfahrung gesammelte Wissenschaft der Wirkung ihres Gebrauches, im Allgemeinen sowohl, als in besondern Fällen, sondern auch hinlängliche Kenntniß von der Natur jeder besondern Empfindung, und von der Art, wie sie sich zu äußern pflegt, voraus, damit er im Stande sey, jeder Hauptstimme eine solche Begleitung anzupassen, die der in derselben ausgedrückten Empfindung entspricht.

Der Ausdruck trauriger Empfindungen in einer Hauptstimme muß eine ganz andere Einrichtung der Begleitung, einen andern Gebrauch der Dissonanzen, ja sogar eine andere Behandlung der begleitenden Instrumente erhalten, als der Ausdruck der Fröhlichkeit. Eine andere Art der Begleitung verlangt das Erhabene, eine andere das Komische u.s.w. Nur darinne stimmen alle Empfindungen überein, daß nach Maaßgabe ihrer Beschaffenheit bey dem Ausdrucke derselben die Begleitung weder zu leer, noch zu überladen seyn darf.

Ein zu leeres Akkompagnement erreicht den Zweck der Begleitung gemeiniglich nicht in dem gehörigen Grade, und erzeugt sehr leicht Trockenheit. Durch Ueberladung desselben wird hingegen die Hauptstimme zu sehr verdunkelt, die Aufmerksamkeit <234> zu sehr von der Hauptstimme ab, und auf die begleitenden Stimmen geleitet, und der Empfänglichkeit für den Ausdruck Hauptgesanges werden Hindernisse in den Weg gelegt. Ueberdies wird der Tonkünstler, der die Hauptstimme vorträgt, bey der Ueberladung des Akkompagnements unvermerkt verleitet, sich in Ansehung des Tones stärker anzugreifen, und darüber gehen im Vortrage die feinern Modifikationen der Stärke und Schwäche des Tones verloren.

Es ist nicht zu leugnen, daß die Tonkunst auch in Ansehung der Einrichtung der Begleitung merkliche Fortschritte gemacht hat; es kann aber eben so wenig geleugnet werden, daß diese Fortschritte auch die Veranlassung geben, daß unsere modernen Kunstprodukte in Ansehung der Begleitung sehr oft zu üppig und überladen sind. Es wäre daherzu wünschen, daß man mit der anjetzt mehr vervollkommneten Art der Begleitung auch etwas von der weisen Sparsamkeit des Akkompagnements der älterm Tonsetzer verknüpfte. Besonders müssen sich angehende Tonsetzer für die Ueberladung des Akkompagnements hüten, weil sie mehrentheils geneigt sind, die starke Begleitung, deren sich bey verschiedenen zweckmäßigen Gelegenheiten die wenigen Eingeweiheten im Heiligthume der Kunst mit gutem Erfolge bedient haben, allenthalben nachzuahmen, und an die jetzt herrschende Ueppigkeit der Begleitung gewöhnt, alles, und besonders auch die ältern guten Kunstwerke, für zu leer und trocken zu finden, wenn nicht alle begleitenden Stimmen immer in voller Arbeit sind.

Das Akkompagnement kann bey dem spärlichern Gebrauche vieler Notenfiguren genau genommen nur alsdenn trocken und leer genannt werden, wenn dabey zu wenig harmonischer Stoff verarbeitet, das heißt, zu wenig Abwechslung verschiedener Akkorde vorhanden ist. Ein Fehler, den man oft an vielen italiänischen Tonstücken mit Recht gerügt hat, und worzu auch anjetzt das gewöhnliche Machwerk der Instrumentalconcerte, <235> besonders für Bogen- und Blasinstrumente oft Belege liefert. Ob aber bey vorhandenem mannigfaltigem Wechsel der Harmonie die Begleitung allemal leer und trocken genannt werden darf, wenn die begleitenden Stimmen bescheiden hinter die Hauptstimme zurück treten, und nur so viel von sich hören lassen, als zur Darstellung des Zusammenhanges der Harmonie und des Taktgewichtes nöthig ist; das ist eine ganz andere Frage. - Ohne Zweifel hielt man in den Jahrhunderten, in welchen die gothische Baukunst ihr Haupt emporhub, die hohe Simplicität der Kunstwerke der Alten für eine bloße, von allen Schönheiten entblößte, aufgethürmte Steinmasse!

Vorausgesetzt, daß die Begleitung auch schon bey wenigen begleitenden Stimmen überhäuft werden kann, muß hier noch bemerkt werden, daß der anjetzt gewöhnliche Gebrauch so vieler Blasinstrumente, die man zu allen Stücken ohne Unterlaß setzt, sehr viel zu der Ueberladung des Akkompagnements beyträgt. Alles was Odem hat im Orchester, muß jetzt blasen bey jedem Satze ohne Unterschied. - Dadurch ist die Wirkung, die ehedem der spärlichere Gebrauch der Blasinstrumente schon an sich selbst hervorbrachte, völlig abgestumpft; die Blasinstrumente müssen daher immer hervorstechender gesetzt werden, wenn sie Wirkung thun sollen, und Ueberladung des Akkompagnements wird sodann ein unvermeidliches Uebel.

Dieser starke Gebrauch der Blasinstrumente bey allen Tonstücken, die für ein ganzes Orchester gesetzt sind, giebt überdies noch zufällig zu einer Thorheit Veranlassung, die man, so fühlbar sie auch in ihren Wirkungen ist, dennoch selten genug zu bemerken scheint. Wenn der Tonsetzer für ein Orchester arbeitet, in welchem 16 bis 20 Violinspieler, und die nach Verhältniß dazu nöthigen Violen und Bässe, vorhanden sind, und er setzt zu seinem Tonstücke Hoboen, Fagotte, Flöten, Hörner und Trompeten, so berechnet er dabey ohne Zweifel, wie viel er allen diesen Instrumenten <236> an Harmonie und Melodie zumessen kann, ohne das Verhältniß derselben mit den Hauptstimmen zu zerstören. Kömmt nun ein solches Tonstück ins Publikum, so ist es gewöhnlich, daß es mit allen Blasinstrumenten auch in solchen magern Orchestern aufgeführt wird, bey welchen man sich nothwendig einer Lorgnette bedienen muß, um die Ausführer der Hauptstimmen zu finden. Und dann die Wirkung? - Sey sie immerhin wie sie wolle, wenn nur dabey dem Geschmacke der Zeit geschmeichelt wird, und viel Blasinstrumente gehört werden! -

Auch auf Seiten der Ausführer der begleitenden Stimmen sind wichtige und schwere Pflichten zu erfüllen, wenn die Begleitung ihrem Zwecke vollkommen entsprechen soll. Zufällige Umstände sind auch hier der Erfüllung dieser Pflichten oft nachtheilig. Man hat schon längst bemerkt, daß der Vortrag der Begleitung, weil er weniger glänzend ist, als der Vortrag einer Solostimme, nur allzu oft herabgewürdigt wird, und daß man die Ausführer der Begleitung nicht selten als bloße Handlanger betrachtet und behandelt. Daher das allgemeine Streben, sich blos als Solospieler zu zeigen, worüber gemeiniglich das Studium des Begleiters vernachlässiget, oft ganz vergessen, wird; und eben daher die durch Erfahrung bestätigte Wahrheit, daß es im Durchschnitte genommen, schwer hält, der Anzahl leidlicher Solospieler eine gleiche Anzahl guter Begleiter an die Seite zu setzen.

Die erste und wichtigste Regel für die Begleiter ist, bey keiner Note zu vergessen, daß sie nicht anführen, sondern begleiten, nicht glänzen und hervorstechen, sondern unterstützen sollen. Ein Begleiter, dieser Regel eingedenk, kann wenigstens, wenn er auch hier und da seine höhern Pflichten nicht immer erfüllet, versichert seyn, daß er der Wirkung des Ganzen nicht entgegen arbeite. Oft genug gehört dieses schon unter die frommen Wünsche.

Schwerer ist die Pflicht des Begleiters, dahin zu sehen, daß er nicht allein den Ausdruck der Hauptstimme in allen seinen Modifikationen <237> richtig auffasse, um seine Begleitungsparthie demselben vollkommen anzupassen, sondern daß er auch zugleich seine Parthie mit dem Inhalte der übrigen begleitenden Stimmen in ein richtiges Verhältniß bringe. Es ist daher nicht genug an der bloß correkten, aber ganz trockenen Abfertigung der begleitenden Stimmen. Ihr gemeinschaftlicher Inhalt muß von allen Begleitern erwogen, und nach dem Inhalte und Vortrage der Hauptstimme modificirt werden. Dabey verlangt man zugleich, daß die Begleiter mit Diskretion spielen, das heißt verdolmetschet gemeiniglich nichts anders, als daß sie die Schwachheiten des Sängers oder Solospielers so viel möglich verdecken, und im Takte nachgeben sollen.

Das Wichtigste, was über die Pflichten des Begleiters noch zu bemerken übrig ist, findet man in dem Artikel Ripienspieler.