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Koch: Musikalisches Lexikon

Harmonie.

<723> Dieses alte griechische Wort1 bezeichnet in der modernen Musik einen der wichtigsten Gegenstände. Man verstehet darunter eine gleichzeitige Vereinigung oder eine zusammenklingende Abwechslung verschiedener Töne, die unter einander nach gewissen auf die Natur und Verhältnisse der Töne sich gründenden Regeln verbunden werden,2 so daß dadurch mehrere von einander verschiedene Melodien zum Vorscheine kommen, die bey dem Vortrage in ein wohlklingendes Ganzes zusammenfließen, <724> und sich zu einem gemeinschaftlichen Zwecke vereinigen.

Man braucht das Wort Harmonie auch oft in einem engern Sinne, wo es entweder nur eine einzelne Zusammenstimmung der Töne oder einen Akkord bezeichnet; so sagt man z.B. die Sextenharmonie ist weniger beruhigend, als die des Dreyklanges; oder wo es auch nur die besondere Beschaffenheit der gleichzeitig vereinigten Töne bezeichnet; so sagt man z.B. eine dissonirende Harmonie, oder die Akkorde sind in enger oder zerstreueter Harmonie gebraucht u.s.w.- Zuweilen braucht man es auch in einem weitern Sinne, und verstehet darunter so viel als Wohlklang überhaupt.

Weil die alten griechischen und römischen Schriftsteller oft von Harmonie reden, so hat dieses ehedem die Veranlassung zu gelehrten Streitigkeiten über die Frage gegeben: Ob die Alten die Harmonie, nach dem Begriffe, den wir heut zu Tage mit diesem Worte verbinden, gekannt und ausgeübt haben, oder nicht?3 Anjetzt ist es keinem Zweifel mehr unterworfen, daß die Harmonie, nach unser Begriffe des Wortes, den Alten ganz unbekannt gewesen sey, daß sie sich erst ungefähr im 10ten Jahrhunderte der neuen Zeitrechnung zu entwickeln angefangen, und späterhin zu einer Vereinigung einer mehrstimmigen Musik gebildet habe. Die Alten kannten nur einstimmige Musik. Wenn bey ihnen mehrere Personen zugleich sangen, so sang jedes Individuum eine und eben dieselbe Melodie, es mochte nun <725> übrigens mit den andern diese Melodie im Einklange, oder in der Oktave singen. Jenes, nemlich die Verdoppelung eines Gesanges im Einklange nannte man nach dem Aristoteles Symphonie, dieses, oder das Singen in der Oktave hingegen, wurde Antiphonie genannt. Wenn daher die alten griechischen Schriftsteller von Harmonie reden, so ist mit diesem Worte ein von dem unsrigen ganz verschiedener Begriff verbunden.

"Das Wort Harmonie" (sagt Forkel [FN: Allg. Geschichte der Musik, Th. 1. S. 394] "bezeichnete bey den Griechen am allgemeinsten jede Uebereinstimmung verschiedener Dinge zu einem Ganzen; im besondern Verstande aber, eine solche Folge von Tönen, die melodisch ist, oder kurz, die Composition einer Melodie. Daher wird es bald für Tonart, Oktavengattung, Intervall, Consonanz, Melodie, Oktave, Modulation, bald sogar für Enharmonie, kurz für alle einzelne zur Melodie gehörigen Theile gebraucht."

- Eine Stelle aus den Schriften des Muria oder Jean de Murs, (der in der ersten Hälfte des 14ten Jahrhundertes lebte,) die schon in dem Artikel Diskant enthalten ist, berechtigt uns zu glauben, daß die erste Veranlassung zu der nachherigen Ausbildung der Harmonie folgenden; sich in den mittlern Jahrhunderten ereigneten, Umstand zum Grunde gehabt habe. Man hatte nemlich bey dem damals noch üblichen einstimmigen Gesange, der von mehrern Personen zugleich ausgeübt wurde, angefangen, bey gewissen Stellen, besonders am Ende eines Gesanges, verschiedene andere Tonverhältnisse zu gebrauchen, und mit dem einstimmigen Gesange zu vermischen, welches Verfahren man in der Folge discantare oder biscantare nannte.4 Hieraus entwickelte sich nach und nach der vielstimmige Gesang oder die Harmonie, von deren Gebrauche man die <726> erste Spur in England zu finde glaubt, woselbst der Bischof Dunstan im 10ten Jahrhunderte diesen vielstimmigen Gesang eingeführt haben soll. Aus eben diesem Zeitraume sind auch noch die ersten, den vielstimmigen Gesang oder die Harmonie betreffenden, Schriften von dem Benediktiner-Mönche Hucbaldus oder Ubaldus vorhanden, die sich in des Herrn Abts Gerbert Scriptores ecclesiastici de Musika sacra potissimum befinden. Der Zeitraum läßt sich jedoch nicht bestimmt angeben, in welchem man eigentlich angefangen hat, die Harmonie nach gewissen Regeln auszuüben, oder die Tonstücke, so wie es anjetzt geschieht, bey ihrer Ausarbeitung in Partitur zu setzen. Ohne Zweifel wird die Fortsetzung der allg. Geschichte der Musik des Herrn Musikdirektors Forkel über diesen noch sehr in Dunkel gehüllten Gegenstand mehr Licht verbreiten. Marpurg theilt die Zeit, in welcher sich die Harmonie ausgebildet hat, in sechs Perioden.

"Der erste Periode," sagt er, [FN: In seiner kritischen Einleitung in die Geschichte und Lehrsätze der alten und neuen Musik] "ist der, in welcher die Harmonie in nichts als Consonanzen ist ausgeübt worden. Dieser Periode geht bis auf die Zeiten Dunstans, nemlich bis ins Jahr 950. Der zweyte Periode enthält die Zeit , worinnen man nicht allein den consonirenden Satz in gewisse Regeln einzuschränken, sondern auch in selbigen hin und wieder eine Dissonanz anzubringen versucht hat. Doch waren die Regeln der Dissonanzen noch nicht ordentlich bestimmt. Dieser Periode geht von Dunstan bis auf den Guido Aretinus, das ist bis 1028. Der dritte Periode enthält die Zeit, da die Regeln von der Fortschreitung der Consonanzen immer mehr und mehr verbessert, auch die Fortschreitung der Dissonanzen fleißiger untersucht, und bey dieser Gelegenheit die Künste des doppelten <727> Contrapunktes nebst der Fuge erfunden wurden. Selbiger geht vom Guido bis auf den Johannes Muria, welcher unter der Regierung des Königs von Frankreich, Johannes, im Jahre 1350 lebte. Der vierte Periode enthält die Zeiten, worinnen die Regeln des doppelten Contrapunktes und der Fuge in ihrer Genauigkeit zunahmen, und man mit mehrern als vier Stimmen zu komponiren anfing. Selbiger geht von Johannes Muria bis auf Bernhard den Deutschen, das ist bis 1470. Der fünfte Periode enthält die Zeiten, da die drey- und mehrfachen Fugen erfunden, die wahren Verhältnisse vom Zarlino entschieden, und die Regeln des Generalbasses entdeckt wurden. Selbiger geht von Bernhard dem Deutschen bis auf Ludovico Viadana, das ist bis 1605. Der sechste Periode enthält die Zeiten, da man nebst der Harmonie die Melodie besonders auszuüben angefangen, wozu die Herstellung und Verbesserung der dramatischen Vorstellungen in der Musik die erste Gelegenheit gegeben. Selbiger geht von Ludovicus Viadana bis auf die jetzige Zeit."

- Man hat ehedem lange Zeit über die Fragen gestritten, ob die Harmonie oder die Melodie eher sey, und ob dieser oder jener der Vorzug gebühre? In den Streitschriften über die erste dieser Fragen herrscht oft eine gewisse Dunkelheit, die den Leser in Ungewißheit läßt, in welchem Sinne man diese Frage eigentlich verstanden, oder aus welchem Gesichtspunkte man sie gefaßt hat. Ihr Sinn läßt sich in zwey verschiedene Fragen auflösen, die eigentlich zwey ganz von einander verschiedene Gesichtspunkte der Sache selbst voraussetzen, die man aber oft mit einander vermischt hat, nemlich

  1. ist der Grundstoff der Musik Melodie oder Harmonie? Und
  2. entstehet im Geiste des schaffenden Komponisten zuerst Melodie oder zuerst Harmonie?

Diese zweyte Frage erklärt sich gewissermaßen von selbst aus der Beantwortung der ersten. Sie völlig zu zergliedern, würde hier zu weitläuftig seyn. Wem aber daran <728> gelegen ist, einige Bemerkungen darüber zu lesen, findet dazu Gelegenheit in der ersten Abtheilung des zweyten Theils meiner Anleitung zur Komposition, von Seite 70 bis 94. Hier haben wir es eigentlich mit der Beantwortung der Frage zu thun: ob Harmonie oder Melodie den ersten Stoff zu Musik abgebe? Das Wesentlichste, was sich hierüber kürzlich bemerken läßt, ist folgendes.

Die Melodie besteht aus successiver Darstellung solcher Töne, die unter einander eine gewisse Beziehung, ein gewisses bestimmtes Verhältniß haben; die Harmonie aber bestehet in einer gleichzeitigen Darstellung solcher in einem gewissen bestimmten Verhältnisse stehenden Töne. Harmonie und Melodie bearbeitet daher einen und eben denselben Stoff, nur auf verschiedene Art. Durch diese Verschiedenheit der Bearbeitung wird aber noch nicht entschieden, ob der Stoff zuerst harmonisch oder melodisch entstehe. Wir müssen demnach, um über die Frage zu entscheiden, noch weiter zurück gehen, und untersuchen, ob dieser Stoff sich harmonisch, oder melodisch entwickele; und dieses zeigt uns die Sympathie oder das so genannte Mitklingen der Töne. Es ist nemlich bekannt, daß in jedem angegebenen Tone alle diejenigen Töne (es geschehe nun für unser Ohr in einem mehr oder minder merklichen Grade) mitklingen, welche unter allen übrigen möglichen Tönen die nächste Beziehung auf diesen angegebenen Ton haben, oder welches gleich viel ist, die mit demselben in einer solchen Verbindung oder Verwandschaft stehen, daß sie unter sich eine besondere Tonfamilie ausmachen, von welcher jedes Glied in einem nähern oder entferntern Verhältnisse sowohl mit diesem Tone, als mit dem Haupte der Familie oder mit dem Grundtone, als auch mit jedem andern Gliede der Tonfamilie stehet. Werden nun diese in einem angegebenen Tone gelinde mittönenden Töne vermittelst anderer sonorer Körper unserm Empfindungsvermögen mehr versinnlicht, oder in eben dem Grade der Stärke dem Ohre hörbar gemacht, in welchem es den angegebenen <729> Grundton empfindet, so wird der Stoff entwickelt, aus welchem sowohl die Melodie, als die Harmonie, verarbeitet wird, nemlich eine Reihe Töne, von denen jeder insbesondere eine ihm eigenthümliche Beziehung auf den angegebenen Ton hat, oder mit demselben in einem bestimmten Verhältnisse stehet. Wollte man bey der Verarbeitung dieses Stoffes, und bey dieser Versinnlichung der in einem Grundtone mitklingenden Töne, auch wieder auf diejenigen Töne Rücksicht nehmen, die in jedem nunmehr durch einen eigenen sonoren Körper versinnlichten Tone wieder besonders mitklingen, und die zwar auch zur allgemeinen Tonfamilie gehören würden, weil ihr Grundton zu der Familie des allgemeinen Grundtones gehört, so würde diese Tonfamilie so weitläuftig, und die Beziehung vieler ihrer Glieder sowohl auf den Grundton selbst, als auch unter einander so entfernt werden, daß sie unser Empfindungsvermögen nicht mehr zu fassen im Stande seyn würde. Daher bedient man sich bey der Verarbeitung der Töne zu Melodie und Harmonie bloß derjenigen, die mit dem Grundtone in näherer Beziehung stehen, oder in ihm allein mitklingen, das heißt in der Sprache der Kunst, man bedient sich nur solcher unter einander verwandter Töne, die eine besondere Familie oder eine Tonart ausmachen.

Wenn nun die in einem Tone mitklingenden Töne, die durch andere sonore Körper deutlicher gemacht werden, und das Material zu Harmonie und Melodie ausmachen, in dem angegebenen Tone völlig gleichzeitig erklingen, so entstehet nothwendig die Harmonie eher als die Melodie, oder mit andern <730> Worten, so entwickelt sich der Stoff zur Musik harmonisch; erklingen hingegen diese mitklingenden Töne successiv, so entwickelt sich dieser Stoff melodisch, und sodann ist nothwendig die Melodie eher als die Harmonie. Weil es höchst unwahrscheinlich, und wenn man tiefer ins Detail der Sache eingehet, sogar unmöglich ist, daß sich z.B. bey einer zu Schwingungen veranlaßten Saite alle die Schwingungsknoten völlig gleichzeitig bilden können, die nothwendig sind, um die Töne hervorzubringen, welche in dieser Saite mitklingen, so ist es ja offenbar, daß sich der Stoff der Musik, oder die in dem angegebenen Grundtone erklingenden Töne seiner Tonart successiv entwickeln, und daß demnach Melodie eher entstehet als Harmonie,5 daß jene Ausfluß der Natur, diese aber Sache der Kunst sey. Auch das Spiel der Aeolsharfe ist ein Beweis für diese Behauptung, denn sobald der Windstrom ihre in den Einklang gestimmte Saiten rührt, entwickeln sich die Töne, die sie hervorbringt, successiv. Dünkt es ja dabey unserm Ohre, als höre es Harmonie, so kann dieses theils die Mehrheit der in den Einklang gestimmten Saiten, die nicht zu gleicher Zeit gleiche Schwingungsknoten bilden, theils auch die Geschwindigkeit der successiven Folge der Töne, verursachen, deren Zwischenräume zu unterscheiden, unser Ohr nicht fein genug ist.

Auch die vorhin berührte zweyte Frage, ob der Melodie oder der Harmonie, als Ausdrucksmittel der Kunst betrachtet, der Vorzug gebühre, hat zu gelehrten Fehden Veranlassung gegeben. Viele behaupteten mit Rameau, die Harmonie sey das einzige Fundament <731> der Musik, und nur durch mehrstimmigen Gesang könne sie ihren eigentlichen Zweck als Kunst betrachtet erreichen; andere glaubten mit Rousseau, der Vorzug gebühre bloß der Melodie, weil unter allen Völkern der Erde, welche Musik ausgeübt haben, die Europäer die einzigen wären, die an einer vielstimmigen Musik Vergnügen finden könnten, die weiter nichts sey, als ein vollstimmiges Geräusch, welches dem Mangel der Annehmlichkeiten der Accente und der lieblichen Wendungen der Melodie der Alten als Ersatz dienen sollte u.s.w.

Um hierüber entscheiden zu können, oder um Melodie und Harmonie gehörig zu würdigen, ist vor allen Dingen nöthig, dabey von dem Begriffe auszugehen, den man sich von Musik macht. - Soll sie sich bloß als Tochter der Natur behaupten, bloß in die engern Grenzen eingeschlossen bleiben, innerhalb welcher sie sich nach der ersten Entwickelung ihres Keimes befand, (siehe Musik) soll sie nur gleichsam die Nerven unserer Gefühle zu rühren, so ist Melodie zu dieser Absicht hinreichend, denn der natürliche Ausdruck unserer Gefühle durch Töne ist ursprünglich einstimmig. - Soll sie sich aber als ausgebildete Kunst behaupten, soll sie als Sprache der Empfindungen eben solche vollendete Tongemälde für das Empfindungsvermögen darstellen, wie man vermittelst einer ausgebildeten Sprache des Verstandes vollendete Ideengemälde für den Verstand darstellen kann, so muß sie sich, so wie eine ausgebildete Sprache des Verstandes, aller möglichen Kunstmittel bedienen, die sie umgrenzen kann; und dann ist Harmonie für sie der größte Gewinn, den sie je erlangen konnte. (Siehe Baß.)

Die Harmonie gab

  1. die Veranlassung, daß die natürlichen Tongrößen, oder die Verhältnisse der Töne und Intervallen, die sich durch das Mitklingen der Töne entwickeln, unter einander in ein künstliches und völlig zusammenhängendes <732> Tonsystem, oder zu einer solchen allgemeinen Tonfamilie gebildet werden konnten, in welcher jedes Glied, jeder vorher bloß mitklingende Ton, wieder als Grundton seiner eigenen Tonart gebraucht werden kann, ohne daß durch das Verhältniß, in welchem die zu seiner Tonleiter nöthigen Töne erscheinen müssen, das Verhältniß dieser Töne in Rücksicht ihres Gebrauches zu andern Tonarten zerstört würde, das heißt mit andern Worten, die Erfindung der Harmonie gab Gelegenheit zu unserm temperirten Tonsysteme, nach welchem man aus allen Tonarten ohne Beleidigung des Ohres spielen kann.
    Die Harmonie gewährt
  2. auch da, wo sie bloß einer Hauptstimme zur Begleitung dient, den Vortheil, daß sie theils den einzelnen Tonfolgen der Melodie mehr Bestimmtheit ertheilt, theils und hauptsächlich aber auch den Ausdruck der ganzen Folge derselben unterstützt und verstärkt. Sie ertheilt erstlich den einzelnen Tonfolgen mehr Bestimmtheit des Ausdruckes, weil es in jeder einzelnen Tonart Tonfolgen giebt, die auch andern Tonarten gemein sind, und bey welchen erst die Harmonie völlig bestimmt, welcher Tonart sie in dem vorhandenen Fall zugehören.

"Solche Tonfolgen müssen daher" (sagt Forkel) [FN: Allg. Geschichte der Musik, Einl. S. 13] "stets eine gewisse Zweydeutigkeit und Unbestimmtheit behalten, wenn sie nicht durch irgend ein Mittel genau von einander unterschieden werden, und dadurch außer allen Zweifel gesetzt wird, wofür eine jede zu nehmen ist. So gehört z.B. folgender Satz:

Notenbeispiel Sp. 732

nach unsern heutigen Tonarten sowohl in C und G dur, als ins A und E moll, und hat unstreitig in jeder dieser vier Beziehungen eine andere Bedeutung. Wohin soll sie aber der Zuhörer rechnen wenn nicht ein näherer Bestimmungsgrund <733> damit verbunden ist, der zum Führer dienen kann? Diesen Führer erhält der Zuhörer durch die hinzukommende Harmonie, <|> die das Verhältniß oder die Beziehung, folglich auch die Bedeutung dieser Melodie außer Zweifel setzt, z.B.

Notenbeispiel Sp. 733/734

<733> "Es ist zwar wahr, daß die jedesmalige Beziehung dieser Melodie auch ohne Harmonie, durch vorhergehende und nachfolgende bloß melodische Töne einigermaßen hätte bestimmt werden können; aber auch nur einigermaßen, und auf keine Weise weder so kurz, noch so ganz ohne alle Zweydeutigkeit, als es vermittelst der Harmonie geschehen kann. Es ist daher unleugbar, daß jede bloße Melodie unbestimmte und zweifelhafte Beziehungen behält, wenn nicht wenigstens bisweilen ein harmonischer Ton als näheres Bestimmungsmittel hinzukommt. Eben diese in den bloßen Melodien liegende Ungewißheit der Beziehungen macht es möglich, daß man ganze Lieder durch hinkommende Harmonie, oder durch Veränderung derselben, so vielseitig in ihren Bedeutungen machen kann, daß man nie glaubt, das nemliche Lied zu hören, obgleich die Melodie stets die nemliche bleibt."

- Daß nach der vorhin geäußerten Behauptung die harmonische Begleitung einen Gesang in Ansehung des Ausdruckes unterstützen, und sehr merklicher verstärken könne, folgt theils von selbst aus der so <734> eben eingerückten Stelle, theils stimmt damit die tägliche Erfahrung so überzeugend überein, daß mehr Beweise für diese Behauptung unnöthig sind.

Die Harmonie bereichert endlich
  1.  
  2.  
  3. die Kunst mit einer außerordentlichen Menge von Ausdrucksmitteln. Schon in dem unmittelbar vorhergehenden Absatze, in welchem wir die Harmonie als bloße Begleiterin eines Gesanges betrachteten, zeigte sie sich uns als ein Mittel, die Kunstausdrücke zu vervielfältigen; denn sobald sie die Fähigkeit besitzt, der Melodie verschiedene Beziehungen, verschiedene Bedeutungen zu geben, sobald zeigt sie sich auch schon als Mittel, die Kunstausdrücke zu vervielfältigen. Noch weit glänzender und noch weit reichhaltiger an Ausdrucksmitteln zeit sie sich jedoch, sobald ein Satz polyphonisch behandelt wird, das ist, sobald sich mehrere Stimmen nicht bloß als Begleitung, sondern als Hauptstimmen vereinigen. Weil der Umfang dieses Werks zu eingeschränkt ist, um vollstimmige Beyspiele dieser Art als Beweise dieser Wahrheit einzurücken, so muß ich mich wieder auf die Erfahrung berufen; und hier mag ein einziges allgemein <735> bekanntes Beyspiel hinreichend seyn, nemlich das Finale des ersten Aktes aus Mozarts Don Giovanni. Wodurch erhält dieser Satz seine Allgewalt, seinen überströmenden und alles mit sich fortreißenden Ausdruck wohl anders, als durch die Harmonie, oder durch die Vereinigung mehrerer Hauptstimmen zu einem gemeinschaftlechen Zwecke? - Kurz, nur durch Harmonie konnte die Tonkunst sich zu einer ausgebildeten Sprache der Empfindungen erheben.

Es hat dem menschlichen Verstande nach und nach geglückt, alle mögliche harmonische Vermischungen der Töne, oder das ganze harmonische Gewebe der Tonstücke eben so wie einzelne Theile auszulösen, wie man die Sprache des Verstandes in einzelne Worte aufgelöset hat. Man nennet diese einzelnen harmonischen Theile Akkorde. Diese Akkorde wurden in dem ersten Viertel des verwichenen Jahrhunderts von Rameau, mit der natürlichen Erzeugung der Töne durch das Mitklingen in eine gewisse Verbindung gebracht, und in ein System geordnet, nach welchem sich ihr Zusammenhang unter einander auf eine vernünftige Art erklären läßt. Die Einrichtung dieses Systemes hat man bald mehr, bald weniger beybehalten, um den theils schon vorher aus dem Gebrauche der Harmonie abgezogenen, theils auch den daraus unmittelbar herfließenden Regeln und Maximen, bey dem Gebrauche der Harmonie sowohl mehr Zusammenhang und Bestimmtheit zu geben, als auch die Ursachen derselben aus einem vernünftigen Grunde herzuleiten. Dadurch hat sich die Harmonie zu einem wissenschaftlichen Theile der Setzkunst erhoben, der nach bestimmten und zusammenhängenden Regeln gelehrt und erlernet werden kann, und dessen Inhalt schon in dem Artikel Grammatik angezeigt worden ist.

Bey dem Studium der Setzkunst, welches bekanntlich in zwey Haupttheile zerfällt, nemlich in das Studium und in die Ausübung der Melodie, und in das Studium des Contrapunktes, pflegt man insgemein den Anfang mit dem Studium <736> der Harmonie oder mit dem Contrapunkte zu machen. Dieses scheint dem ersten Ansehen nach etwas widersinnig zu seyn, weil man bey der Erlernung der Künste und Wissenschaften immer erst von dem Einfachern auf das mehr Zusammengesetzte übergehet. Dieser Schein des Widersinns verliert sich jedoch, wenn man bedenkt, daß die Melodie so eingerichtet oder erfunden seyn muß, daß sie fähig wird, mit einer abwechselnden und kräftigen Harmonie begleitet zu werden, und daß man nicht eher geschickt seyn kann, einer zu erfindenden Melodie diese Eigenschaft zu geben, als bis man die darzu nöthigen harmonischen Kenntnisse besitzt. Durch das Studium des Contrapunktes, und durch die damit verbundenen Uebungen wird das Gefühl für solche melodische Tonfolgen geschärft, die einer mannigfaltigen Abwechslung der einzelnen harmonischen Theile fähig sind; die Kennzeichen einer solchen zu einer schönen Verwebung der Harmonie schicklichen Melodie gehen durch diese Uebungen unvermerkt ins Gefühl und in die Vorstellungskraft über, so, daß es demjenigen, der einmal die nöthigen Fortschritte in dem Contrapunkte gemacht hat, leicht fällt, bey dem Uebergange zum melodischen Theile der Komposition, seine Melodie so zu erfinden, daß sie die so eben angezeigte Eigenschaft besitze.

Ueber das Studium der Harmonie äußert Sulzer in seiner Theorie der schönen Künste folgende allerdings sehr wichtige Gedanken.

"Man kann es nicht anders," (sagt er in dem Artikel Harmonie,) "als eine, sich dem Verfalle der Kunst nähernde, Veränderung der Musik ansehen, daß gegenwärtig das Studium der Harmonie mit weniger Ernst und Fleiß getrieben wird, als es vor unsern Zeiten - geschehen ist. Da man nicht wohl anders zu einer völligen Kenntniß der Harmonie kommen kann, als durch solche Uebungen und Arbeiten, die sehr mühsam und trocken sind, so werden sie von vielen für Pedanterey gehalten. Aber diese Pedanterey, die vollstimmigen Chorale, alle Arten <737> der Fugen und des Contrapunktes, sind die einzigen Arbeiten, wodurch man zu einer wahren Fertigkeit in der Harmonie gelanget. Es ist deswegen zu wünschen, daß die Art zu studiren, die ehedem gewöhnlich war, da man die Schüler in allen möglichen Künsteleyen der Harmonie übte6, nicht ganz abkommen möge. Durch diesen Weg sind Händel und Graun groß worden, und durch die Verabsäumung desselben sind andere, die vielleicht eben so großes Genie zur Musik gehabt haben als diese, weit hinter ihnen zurück geblieben."

Anleitung zur Kenntniß und zum Studium der Harmonie geben folgende Schriften: Kirnbergers Kunst des reinen Satzes; Albrechtsbergers gründliche und vollständige Anleitung zur Composition; Knechts gemeinnützliches Elementarwerk der Harmonie; der erste Theil meiner Anleitung zur Composition u.a.m.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 723/724):

Nach verschiedenen alten griechischen Schriftstellern hatte Cadmus, der aus Phönicien nach Griechenland kam, und daselbst eine Colonie anlegte, eine Gemahlin mit Namen Harmonia. Diese soll eine Flötenspielerin gewesen seyn, und die Musik zuerst nach Griechenland gebracht haben, und die Griechen sollen dadurch veranlaßt worden seyn, den Namen Harmonie auf Gegenstände der Kunst selbst überzutragen.

Fußnote 2(Sp. 723/724):

Die Grundlage zu diesen Regeln, so wie überhaupt das erste in der Natur der Töne vorhandene Grundgesetz, nach welchem sich verschiedene Töne harmonisch vereinigen lassen, findet man in dem Artikel Contrapunkt. Die übrigen speciellern Regeln der Harmonie sind in den, in diesen Gegenstand einschlagenden, Artikeln dieses Werkes zerstreuet.

Fußnote 3 (Sp. 723/724):

Das Wichtigste über diese Streitigkeiten, und die Gründe, warum man die oben angeführte Frage mit Nein beantworten muß, findet man zusammen in dem vierten Kapitel der allgem. Geschichte der Musik von Forkel, und zwar von dem 147sten bis 157sten §.

Fußnote 4 (Sp. 725/726):

Dieses Discantiren wurde einen langen Zeitraum hindurch als ein Verderbniß des ächten Gesanges betrachtet, in mehrern römischen Bullen verboten, und noch im 14ten Jahrhunderte von vielen als eine nachtheilige Neuerung verachtet.

Fußnote 5 (Sp. 729/730):

Wenn verschiedene neuere Schriftsteller, die diese alte Streitfrage gelegentlich berühren, das Gegentheil behaupten, wenn sie sagen, die Melodie sey Ausfluß der Harmonie, sey eine Zergliederung, Auflösung und Verzierung der Grundakkorde, deren Töne nach einander folgend angegeben werden, so betrachten sie ohne Zweifel das Erklingen der in einem angegebenen Tone mitklingenden Töne als völlig gleichzeitig. Auch die Einwendung hält nicht Stich, daß bey den Alten, die sich eine Tonreihe zu melodischem Gebrauche gebildet haben, diese Tonreihe aus einem dunkeln Gefühl der Harmonie entstanden sey, weil sie unter sich eine Folge von Consonanzen ausmachen. Da aber die Alten die Harmonie eben so wenig kannten als die Sympathie der Töne, so kann man wenigstens mit eben so viel Rechte behaupten, daß bey ihnen diese Töne aus einem dunkeln Gefühle der Sympathie der Töne entstanden sind.

Fußnote 6 (Sp. 737/738):

So wahr und wohlgemeint diese hier eingerückte Stelle ist, und so wenig geleugnet werden kann, daß nur durch Uebungen im ernsthaften und fugenartigen Style eine völlige Gewandtheit in der Harmonie zu erlangen ist, so wenig ist einem Lehrer der Setzkunst zu rathen, seinen Schülern viele Zeit mit den Uebungen in allen möglichen Künsteleyen der Harmonie zu verderben, die vor Zeiten üblich waren, und die Sulzer hier zu meinen scheint. Unsere Vorfahren, die über dem Werthe der Harmonie den Werth der Melodie ganz aus dem Gesichte verloren, haben verschiedene Arten solcher so genannten harmonischer Künsteleyen erfunden, welche, wenn man den angehenden Tonsetzer zumuthen wollte, sich in denselben zu orientiren, den ohnehin zum gründlichen Studium des Contrapunktes nöthigen ansehnlichen Zeitraum um vieles verlängern würden, ohne ihm einen wesentlichen Nutzen zu schaffen. Von dieser Beschaffenheit ist z.B. die Nachahmung in der rückgängigen Bewegung, oder sogar in der verkehrten rückgängigen Bewegung u.d.gl. Ich kann mich bey dieser Gelegenheit der Bemerkung nicht enthalten, daß es (aus Ursachen, die heir zu zergliedern zu weitläuftig seyn würde,) für den Schüler im Contrapunkte nachtheilig ist, wenn der Lehrer an jeder contrapunktischen Uebung des Schülers im strengen Style, die keine ausdrücklich bestimmte Form haben soll, so lange schnitzet und ändert, bis sie zu einem Canon oder doch wenigstens zu einer Quintenfuge umgeformt ist. Muß denn nothwendig ein Satz im strengen Style, wenn er gute Wirkung thun soll, in eine ganz bestimmte Form gegossen seyn?