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Koch: Musikalisches Lexikon

Musik.

<992> Mit diesem aus dem Griechischen abstammenden Worte1 bezeichnet man heut zu Tage die Kunst durch Töne Empfindungen auszudrücken. Die alten Griechen hingegen verbanden damit einen weit ausgedehntern Begriff: sie verstanden darunter nicht bloß die Tonkunst und den Tanz, sondern zugleich die Dichtkunst, Beredsamkeit, Philosophie <993> und Grammatik,2 oder alles, was nachher die Römer studia humanitatis nannten. Kurz, man bezeichnete den Inbegriff aller damals erworbenen Kenntnisse mit dem Worte Musik.

So wie sich nach und nach jeder besondere Zweig dieser Kenntnisse erweiterte, vervollkommnete, und wieder Nebenzweige trieb, waren die Fähigkeiten eines Menschen zu eingeschränkt, sie alle gehörig zu umfassen, und Absonderung der Künste und Wissenschaften wurde nothwendige Folge der steigenden Kultur und Perfektibilität der Menschheit.

"Doch blieb" (sagt Forkel) [FN: Allg. Geschichte der Musik. Th. I. S. 275] "sowohl unter den Griechen als unter den Römern noch immer ein gewisser Zusammenhang unter der Musik und den übrigen Kenntnissen; das commune vinculum omnium scientiarum war noch sichtbar, und die Verfeinerung desselben bis zu dem Grade, daß es den Augen der meisten unsichtbar wurde, oder die gänzliche Absonderung erfolgte erst in den neuern Zeiten, da alle einzelnen Künste und Wissenschaften, welche vorher wenigstens zum Theil, gleichsam nur noch kleine Sprößlinge waren, nach und nach zu großen Bäumen heran wuchsen."

- Diese empor gewachsenen Künste und Wissenschaften erhielten in der Folge besondere Namen, und der Tonkunst, als einer der ältesten, ließ man den allgemeinern Namen Musik.

Ehedem suchte man die erste Veranlassung der Menschen zum Ausdrucke ihrer Empfindungen durch Töne außerhalb ihrer Natur; bald glaubte man sie in dem Gesange der Vögel, bald in einem besondern Zufalle u.s.w. gefunden zu haben, und es kamen darüber oft sehr ungereimte Meinungen zum Vorscheine. Endlich fing man an einzusehen, daß die Natur selbst den Keim derselben in den Menschen gelegt habe; denn jeder ihm durch Freude oder Schmerz entlockte Ton, ja selbst das erste Lallen eines Kindes, <994> ist nichts anders, als Ausdruck seiner Empfindung.

"Die Natur" (sagt Sulzer) "hat eine ganz unmittelbare Verbindung zwischen dem Gehör und dem Herzen gestiftet; jede Leidenschaft kündigt sich durch eigene Töne an, und eben diese Töne erwecken in dem Herzen dessen, der sie vernimmt, die leidenschaftliche Empfindung, aus welcher sie entstanden sind. Ein Angstgeschrey setzt uns in Schrecken, und frohlockende Töne wirken Fröhlichkeit."

Es ist wohl keinem Zweifel unterworfen, daß die Menschen in ihrem ursprünglichen und noch ganz rohen Zustande sich der Organe der Kehle und des Mundes bloß dazu bedient haben, durch unartikulirte Töne ihre Empfindungen auszudrücken. Ihre Bedürfnisse nöthigten sie jedoch mit diesen unartikulirten Tönen oder mit diesen Empfindungslauten etwas zu verbinden, wodurch sie nicht bloß auf die Empfindung, sondern auch auf das Gedächtniß, und überhaupt auf den Verstand ihrer Mitmenschen, wirken konnten. Die Empfindungslaute wurden nach und nach immer mehr artikulirt, und die Sprache des Verstandes eher ausgebildet, als die ihnen von der Natur selbst verliehene Sprache der Empfindungen. An die Anwendung der Empfindungslaute zum Vergnügen oder zu einer Art des Gesanges konnte nicht eher gedacht werden, als bis für die ihnen nothwendigsten Bedürfnisse des Lebens gesorgt war, denn nur dann erst konnte sich bey der Menschheit der Hang des Geistes zu Vergnügungen entwickeln. Es scheint jedoch, als ob sich die Menschen der Anwendung der Empfindungslaute zum Vergnügen oder zur ersten Anlage zum Gesange sehr früh, und auf einer noch niedern Stufe der Kultur, bedient haben. Ja es scheint sogar, als habe dieses auf einer niedern Stufe der Kultur leichter, als auf einer höhern, geschehen können; denn ohne Zweifel liegen Gesang und Sprache <995> bey einem noch rohen Volke einander näher, als bey einem ausgebildeten, weil bey jenem die Empfindungslaute der noch mangelhaften Artikulation der Töne oder der Armuth der Sprache zu Hülfe kommen müssen, da hingegen bey zunehmender Kultur diese Empfindungslaute in eben dem Grade unbedeutender werden, in welchem die Sprache an Bestimmtheit und Reichthume zunimmt. Dem sey nun wie ihm wolle, so stimmen doch alle aus dem Alterthume übrig gebliebene Nachrichten darinne überein, daß sich die Menschen schon in einem sehr frühen Zeitraume des Gesanges bedient haben.

Es ist sehr begreiflich, daß der Anfang der Kunst, oder die ersten Versuche im Gesange, so wie der Anfang aller unserer Kenntnisse, sehr unbedeutend gewesen seyn müsse. Je unbeträchtlicher er nun war, desto mehr bedurfte der Ausdruck desselben, besonders bey Menschen, deren Werkzeuge der Empfindungen noch nicht ausgeschliffen waren, einer versinnlichten Unterstützung. Wir finden, daß bey Nationen, die sich schon auf eine höhere Stufe Kultur geschwungen haben, eine abgemessene Bewegung, die in gleichen Zeiten gleich weit fortrückt, etwas Anziehendes und Unterhaltendes fürs Gefühl hat; diese taktmäßige Bewegung mußte nothwendig auf ganz sinnliche Menschen, die erst anfingen, sich aus der Roheit zu winden, und bey denen der Verstand noch wenig Spielraum gewonnen hatte, noch weit anziehender und unterhaltender seyn. Daher verbanden sie diese rhythmische oder taktmäßige Bewegung mit der Folge der Töne, und der Rhythmus wurde in der Musik der Alten der anziehendste Theil derselben. Aus dem Vergnügen, welches ihnen bey der Musik vorzüglich der Rhythmus gewährte, läßt sich übrigens auch die Verbindung des Tanzes mit dem Gesange erklären; denn in der uralten Musik scheinen beyde unzertrennlich verbunden gewesen zu seyn.

Wahrscheinlich hatten die Menschen schon die ersten Fortschritte <996> im Gesange gemacht, ehe sie auf den Einfall kamen, die verschiedenen Töne, die sie vermittelst der Singorgane hervorbringen konnten, auch vermittelst eines Instrumentes zu versuchen; denn nur dann erst konnten sie auf das Tönen des Rohrs, in welches der Wind blies, auf den Klang, den die ausgespannten Sehnen an der Schale einer von der Sonne ausgetrockneten Schildkröte verursachten, oder auf andere Gegenstände, die zu der Erfindung der Instrumente Gelegenheit gegeben haben sollen, aufmerksam gemacht, und dadurch zur Erfindung der Blas- und Saiteninstrumente veranlaßt worden seyn.

Die Instrumente dienten Anfangs nur zur Begleitung des Gesanges, und besonders zur Heraushebung des Rhythmus; bloße Instrumentalmusik war in den ältesten Zeiten ganz unbekannt. Nur erst gegen die 84ste Olympiade, oder ohngefähr 580 Jahre vor Christo, zeigen sich die ersten Spuren von den Trennung des Gesanges und Instrumentalmusik; denn in der zweyten Pythiade [FN: Siehe Musikalische Wettstreite] ließ sich Sacadas aus Argos auf der Flöte allein hören. Diese beweißt, daß man in diesem Zeitraume die Instrumentalmusik so weit ausgebildet hatte, daß man im Stande war, die Zuhörer auch ohne damit verbundenen Gesang zu vergnügen.

Das älteste Volk, von dem wir mit Zuverläßigkeit wissen, daß die Musik bey demselben ausgeübt worden sey, sind die Aegyptier. Von diesen erlernten sie nicht allein die Hebräer, die in Aegypten zu einem sehr zahlreichen Stamme empor wuchsen, sondern auch die Griechen; diese reisten (so wie man in den neuern Zeiten nach Italien gehet, um sich in den bildenden Künsten und in der Musik zu vervollkommnen) nach Aegypten, um daselbst ihre Kenntnisse in den Künsten und Wissenschaften zu erweitern. Die Römer erlernten die Musik von den Griechen, und theils durch die Römer, theils durch die Griechen, die nach der Zerstörung des griechischen Kaiserthums aus ihrem Vaterlande auswanderten, <997> wurde diese Kunst auch in den nördlichern Gegenden von Europa bekannt.

Die Musik der Aegyptier, von deren Beschaffenheit keine Nachrichten bis auf uns gekommen sind, konnte von nur sehr geringem Gehalte seyn. Es läßt sich dieses nicht bloß aus dem Grade ihrer Ausbildung überhaupt, und aus ihrer Verfassung, nach welcher alle Neuerungen und Vervollkommungen in den Künsten verboten waren, sondern auch besonders daraus schließen, daß die Griechen, welche die in der Musik gemachten Entdeckungen und Erfahrungen der Aegyptier benutzten, sich genöthigt sahen, das Material der Musik oder die Töne erst in eine gewisse Ordnung oder in einen Zusammenhang zu bringen. Hätten sie dieses Material bey den Aegyptiern schon geordnet und in einem Zusammenhange gefunden, so würden sie nicht nöthig gehabt haben, sich einen langen Zeitraum hindurch zu bemühen, ehe sie ein durch Zwang verbundenes System von 15 Tönen erhielten.3

Von der Beschaffenheit der Musik der Hebräer wissen wir, ungeachtet die Verfasser der Bücher des alten Testamentes sehr oft der Ausübung derselben gedenken, und ungeachtet der außerordentlichen Anstalten, die unter Davids und Salomons Regierung zur Verherrlichung derselben bey dem israelitischen Gottesdienste statt fand, sehr wenig. Aus dem dieser Nation eigenthümlichen Charakter, außerordentlich fest an den Sitten und Gewohnheiten ihrer Vorfahren zu hängen, aus ihren besondern Verhältnissen, und aus dem Grade ihrer Kultur sowohl überhaupt, als in Hinsicht auf Kunst und Wissenschaft, läßt sich jedoch sehr leicht der Schluß machen, <998> daß sie keine sehr merklichen Fortschritte in der von den Aegyptiern erlernten Musik gemacht haben, ohngeachtet viele ältere und neuere Gelehrte behaupten, daß die hebräische Musik von außerordentlicher Wirkung gewesen sey. Einer der stärksten Beweise wider diese Behauptung ist der gänzliche Mangel, oder die Unvollkommenheit einer hebräischen Tonschrift. Sey es auch, daß, wie man mehrmals zu beweisen gesucht hat, die Hebräer ihre Accente wirklich zur Bezeichnung der Töne gebraucht haben, so ist dieses noch immer kein Beweis für die höhere Vollkommenheit ihrer Musik; denn diese Accente konnten (eben so wie bey den Griechen und Römern die Buchstaben des Alphabets) weiter nichts, als bloß die Höhe oder Tiefe der Töne, nicht aber die Dauer derselben, bezeichnen, und waren daher noch viel zu unvollkommen, als daß sie einen Beweis für die der hebräischen Musik angedichtete Vollkommenheit abgeben könnten.

Die Griechen machten ohne Zweifel unter allen Nationen der Vorzeit in der Musik die merklichsten Fortschritte. Sowohl ihre Religionsgebräuche, als ihre Staatsverfassung, begünstigte die Aufnahme dieser Kunst, die sie nicht bloß praktisch, sondern auch theoretisch betrieben.4 Von der Beschaffenheit der griechischen Musik unterrichten uns nicht allein viele noch übrig gebliebene Schriften und Bruchstücke aus denselben, die, ob sie gleich nicht leer von Widersprüchen und Dunkelheiten sind, uns dennoch mit dem Tonsysteme der Griechen, und mit der bestimmten Größe, in welcher sie jedes Intervall ausübten, mit ihren Tonarten und Oktavengattungen, mit ihrem <999> Gebrauche des Rhythmus, mit ihrer Tonschrift u.s.w. bekannt machen, sondern man hat auch einige praktische Ueberbleibsel oder einige Tonstücke derselben entdeckt, deren Aechtheit nicht bezweifelt werden kann, weil bey denselben alles mit den in den übrig gebliebenen theoretischen Werken enthaltenen Lehrsätzen auf das genaueste übereinstimmt. - Allein welcher Zauberstab verwandelt die Musik, die dem griechischen Ohr und Geschmacke Schönheit war, in dem unsrigen in eine widrige, unverständliche, und von aller Schönheit entblößte Tonfolge? Oder wie war es möglich, daß ein Volk von so feinem Geschmacke an einer Musik Vergnügen finden konnte, wie sie uns in den auf uns gekommenen griechischen Schriften beschrieben wird, und wie wir sie in den wenigen praktischen Ueberbleibseln finden? - Ein Problem, von dem alle, die es mit Unpartheilichkeit zu entwickeln gesucht haben, gestehen müssen, daß sie damit an einen, endlosen Abgrund gerathen. Die Entwickelung desselben scheint noch überdies dadurch erschwert zu werden, daß die in allen übrigen Künsten von den Griechen anerkannten Schönheitsgesetze mit unserm Gefühl conform sind, und daß wir nur in Ansehung der Musik nicht mit ihrem Gefühle sympathisiren können. Wollte man auch annehmen, daß der Geschmack in der modernen Musik so sehr überfeinert, von der Natur entfernt, und so luxuriös geworden sey, daß wir an der hohen Simplicität des griechischen Geschmackes in der Musik kein Vergnügen finden könnten, so würde man, obgleich dieses alles nicht gänzlich geleugnet werden kann, auf der andern Seite mit den allgemeinen Schönheitsgesetzen aller Künste, deren Zusammenhang oder Uebereinstimmung mit den Schönheitsgesetzen der modernen Musik unverkennbar ist, in einen neuen Widerspruch gerathen. Kurz, es ist schwer zu entscheiden, ob die mit so vielem Genie und mit einem so feinen Geschmacke begabten Griechen, die in den übrigen Künsten so vorzügliche Kunstwerke hinterlassen haben, daß sie durch alle spätere Jahrhunderte hindurch den übrigen <1000> aufgeklärten Völkern zum Muster dienten, in der Musik allein, mit der sie sich doch sehr fleißig beschäftigten, und die bey ihnen in so hohem Werthe stand, so weit zurückgeblieben sind, als wir glauben, und durch ihre auf uns gekommenen Schriften zu glauben berechtigt sind; oder ob noch etwas vorhanden ist, welches uns hindert in die Schönheiten derselben einzudringen.

Von der Musik der Römer ist im Allgemeinen wenig zu bemerken; es war bloß griechische Musik auf Latiums Boden verpflanzt, wo sie mit weniger Sorgfalt gepflegt, und bloß der niedrigsten Volksklasse (den Leibeigenen) überlassen, sich nicht veredeln konnte. Jedoch fehlte es ihr auch unter dieser Nation nicht gänzlich an Aufmunterung und Unterstützung, so daß sie sich ohne merklichen Verfall bis gegen das dritte Jahrhundert der neuen Zeitrechnung erhielt. Späterhin fing sie an mit den übrigen schönen Künsten merklich zu sinken, bis endlich in dem fünften Jahrhunderte Italien von fremden Völkern überströmt, und der Herrschaft der Römer ein Ende gemacht wurde. Diese große Staatsumwälzung hatte auf Künste und Wissenschaften den nachtheiligsten Einfluß. Die vorzüglichsten Werke der Baukunst und der bildenden Künste waren von den Völkern, die sich in Italien festgesetzt hatten, zertrümmert, und die Hülfsmittel zur Unterstützung, Fortpflanzung und Vervollkommnung der übrigen Künste und Wissenschaften, nemlich Schulen und Büchersammlungen, größtentheils zerstört worden. Künste und Wissenschaften konnten bey den fortdauernden Unruhen, besonders unter Völkern, die sie kaum dem Namen nach kannten, nicht gedeihen. Alle Stände des entstandenen neuen Reiches hatten aufgehört sich denselben zu ergeben, und Geschmack daran zu finden. Nur unter der Geistlichkeit und den Mönchen erhielten sich noch einige Ueberbleibsel derselben; und so entstand die lange Barbarey und Unwissenheit der mittlern Jahrhunderte in den Abendländern von Europa.

<1001> Die Griechen, bey welchen die schönen Künste so herrlich geblühet hatten, waren schon vor dem Anfange der christlichen Zeitrechnung von den Römern unterjocht, ihr Land zu einer römischen Provinz gemacht, und in der Folge zu dem orientalischen Kaiserthume geschlagen worden. Dieses verursachte, daß auch diese geistreiche Nation, ihrer Freyheit und der in derselben genossenen Aufmunterungen beraubt, nach und nach in Künsten und Wissenschaften sank. Jedoch wurden sie von ihnen noch geschätzt und getrieben. Nachdem endlich auch das griechische Kaiserthum entnervt, und im 15ten Jahrhunderte von den Türken zerstört wurde, flohen viele Einwohner dieses Reichs, Nachkommen der alten Griechen, welche die Künste und Wissenschaften ihrer Vorfahren, so viel möglich gewesen war, unter sich zu erhalten gesucht hatten, in die abendländischen Gegenden von Europa, und besonders nach Italien, wo sie die in Vergessenheit gerathenen Geistesprodukte ihrer Vorfahren von neuem verbreiteten, den Grund zu einem verfeinerten Geschmacke legten, und von neuem die Lehrer der mehresten europäischen Völker wurden.

Unterdessen hatte sich schon vorher für Künste und Wissenschaften eine angenehme Morgendämmerung über den südlichen Horizont von Europa verbreitet, die dem neuen Aufleben des feinern griechischen Geschmacks sehr zu statten kam. - Auch in Ansehung der Musik hatte es vorher in Italien wieder angefangen zu tagen. Die frühere Einführung der Hymnen und Psalmen in der abendländischen Kirche war auch nach Rom übergegangen, wo der Pabst Gregor der Erste gegen das Ende des sechsten Jahrhunderts den ersten Grundstein zur Verbesserung des Gesanges legte. Er sammelte nicht allein die aus dem Alterthume noch vorhandenen, und in der griechischen Kirche gebräuchlichsten, besten Gesänge in ein Antiphonarium, <1002> sondern er stiftete auch eine besondere Schule zur Vervollkommnung des Gesanges, [FN: Siehe Cantor] in welcher er selbst der erste Lehrer wurde. Ueberdies schreibt man ihm auch die Abschaffung der alten weitläuftigen Tonschrift, und die Einführung der ersten sieben Buchstaben des Alphabets zur Bezeichnung der Töne zu. [FN: Siehe Noten]

Im ersten Jahrtausende der christlichen Zeitrechnung kannte man jedoch noch keine andere Musik, als solche, die auf die alten Grund- und Lehrsätze der Griechen gebauet war. - Die Harmonie wurde wahrscheinlich erst nach diesem Zeitpunkte erfunden, und es vergingen verschiedene Jahrhunderte, ehe sie so weit berichtigt wurde, daß sie theils der Melodie zu näherer Bestimmung dienen, theils auch als Vermehrung der Ausdrucksmittel der Kunst betrachtet werden konnte. In der ersten Hälfte des elften Jahrhunderts begann der Benediktiner-Mönch Guido aus Arezzo eine der merkwürdigsten Reformen der Tonkunst. Er simplificirte nicht allein die Tonschrift dadurch, daß er die Noten, die man vorher nur auf die Linien geschrieben hatte, auch zwischen die Linien setzte, sondern er änderte auch das ganze Tonsystem der Griechen, welches er mit neuen Tönen bereicherte, ab, und verwandelte die Tetrachorde in Hexachorde, [FN: Siehe Solmisation] von denen er jedes zum Behufe seiner Singschüler mit den Sylben ut, re, mi, fa, sol, la, bezeichnete, wodurch er den Grund zu der nacher so berüchtigten Solmisation legte. Der Vortheil dieser Reformen war, daß die in seiner angelegten Singschule unterrichteten Schüler ungleich geschwindere Fortschritte machten, als bey dem Unterrichte nach der ältern Methode, denn viele behaupten, er habe durch diese Einrichtung seinen Schülern dasjenige in einem Jahre beygebracht, wozu vor ihm zehen Jahre gehörten. Nicht minder wichtig, als diese von Guido getroffene Einrichtung, war in dem letzten <1003> Viertel des elften Jahrhunderts die Erfindung des Zeitmaaßes der Noten, die wir einem Deutschen aus Cölln, mit Namen Franco, zu verdanken haben.5 Er legte dadurch den ersten Grund zur Figuralmusik, daß er den Tonzeichen, die vorher als bloße Punkte keine bestimmte Zeitdauer hatten, durch Verschiedenheit ihrer Formen eine Bestimmtheit ihrer Dauer gab. [FN: Siehe Noten]

In den folgenden vier Jahrhunderten scheint im Fache der Musik die Aufmerksamkeit aller fähigen Köpfe bloß auf die Vervollkommnung der Harmonie, des doppelten Contrapunktes und der Fuge, gerichtet gewesen zu seyn. Es ist nicht zu leugnen, daß sich die Kunst des Contrapunktes in diesem Zeitmaaßes in einem hohen Grade entwickelt hatte; denn die gegen das sechzehnte Jahrhundert gewöhnlichen Tonstücke, als Missen, Psalme, Motetten und Madrigale, enthielten nicht allein sehr viel Hauptstimmen, sondern bestanden auch, im Falle sie auch nicht im strengern Sinne des Wortes Fuges waren, aus einem beständigen Gewebe von Nachahmungen und contrapunktischen Künsten. Dadurch war aber der Nachtheil entstanden, daß man die Reize der Melodie ganz verkannt, und die zweckmäßige Behandlung des Textes, und den natürlichen Ausdruck desselben, ganz vernachläßigt hatte. - Nach vielen darüber geführten Klagen verbanden sich gegen das Ende des 16ten Jahrhundertes zu Florenz einige Kenner der schönen Künste, die ihren Geschmack durch die Schriften der Griechen geläutert, und den Vorsatz gefaßt hatten, ein dem griechischen so viel als möglich ähnliches Drama mit Gesang wieder herzustellen. Drey berühmte Sänger und Tonsetzer dieser Zeit, Emilio Cavaliero, Giulio Caccino und Giacomo Peri, nahmen Antheil an diesem Vorheben, und machten Versuche in einer <1004> neuen Art des einstimmigen Gesanges mit Instrumentalbegleitung. Der Beyfall, den diese Art von Musik erhielt, die ein noch nicht völlig ausgebildetes Recitativ war, und die sich sehr schnell in Italien verbreitete, gab Gelegenheit zu rersten durchgehends mit Gesang verbundenen Oper Daphne, die Rinuccini dichtete und Peri komponirte, und die man zu Florenz in dem Hause des Corsi mit allgemeinem Beyfalle aufführte. Dieser folgte die Oper Eurydice, ebenfalls von Rinuccini gedichtet, und von Peri und Caccino gemeinschaftlich komponirt, die im Jahre 1600 bey Gelegenheit der Vermählung des Königs Heinrich IV. öffentlich aufgeführt wurde. Diese neue Art der Musik, und der allgemeine Antheil, den man daran nahm, wurde in der Folge ein Sporn für die Tonsetzer, die vorher vernachläßigte Melodie wieder in Aufnahme zu bringen, ihre Reize zu entwickeln, und sich einer richtigern Deklamation des Textes zu bedienen, als in den ältern vielstimmigen und fugenartigen Tonstücken geschehen war. Ueberdies war die Erfindung der Oper ohne Zweifel die erste Anlage zu derjenigen Setzart, die man anjetzt mit dem Namen der freyen Schreibart bezeichnet.

Auch das Material der Musik erhielt gegen die Mitte des sechzehnten Jahrhundertes einen vollkommnern Zusammenhang durch einen berühmten Kapellmeister zu Venedig, mit Namen Zarlino. Er brachte die Intervallen in ein besseres Verhältniß, bereicherte die Musik mit den ihr noch fehlenden Tönen gis, dis oder as und es, und theilte also die Oktave in zwölf halbe Töne ab. Nach ihm erfand zu Anfange des 17ten Jahrhunderts Ludw. Viadana6 den Generalbaß und die Kirchenconcerte, und in der ersten Hälfte des verwichenen Jahrhunderts <1005> ging die Tonkunst mit Riesenschritten dem höhern Ziele der Vollkommenheit entgegen, in der sie anjetzt ausgeübt wird.

Von der Beschaffenheit der Musik solcher mit uns gleichzeitigen Völker, die sich noch nicht auf unsern höhern Grad der Kultur geschwungen haben, wissen wir, ohngeachtet der darüber uns von den Reisebeschreibern mitgetheilten Nachrichten, genau genommen wenig mehr, als daß sie von der unsrigen sehr verschieden und weit einfacher sey, und daß ein an unsere Musik gewöhntes Ohr daran gemeiniglich eben so wenig Interesse findet, als sie sich durch die unsrige interessirt fühlen. Dieses ist aber noch viel zu wenig zureichend die Beschaffenheit derselben einzusehen.7 Selbst der Grad der Wirkung, den bey vielen solchen Völkern ihre Nationalmusik auf ihr Gefühl macht, ist uns noch unbekannt. So viel scheint jedoch ausgemacht zu seyn, daß bey keinem dieser mit uns gleichzeitigen Völker die Musik so genau mit ihrem Staatssysteme und mit ihren Religionsgebräuchen verbunden sey, wie in den ersten Zeiten Griechenlands. Hieraus läßt sich der Schluß ziehen, daß die Musik für diese Völker weniger Interesse habe, und auf sie nicht die starke Wirkung machen könne, welche die griechische Musik auf die ältern Griechen machte. Bey alledem würden uns mehr hinreichende Nachrichten zur Kenntniß der Musik solcher Völker auch in Rücksicht auf die genauere <1006> Kenntniß der Musik der Vorzeit sehr zu statten kommen; denn schon anjetzt entdeckt man bey den so mangelhaften Nachrichten über dieselbe manche Aehnlichkeiten mit der Musik der Griechen, wie sie uns nemlich in den auf uns gekommenen Schriftstellern dieser Nation beschrieben wird. -

Es ist schon zu Anfange dieses Artikels gezeigt worden, daß die Musik in ihrem Ursprunge nichts anders gewesen sey, als leidenschaftlicher Ausdruck durch Töne. Da uns nun der Trieb eigenthümlich ist, wo nicht bey allen, doch bey den mehresten Empfindungen gern bis zu einem gewissen Grade der Ausgießung des Herzens zu verweilen, so konnte auch die weitere Ausbildung des uns von der Natur verliehenen Vermögens des leidenschaftlichen Ausdruckes durch Töne, oder die Ausbildung der Musik, keinen andern Zweck haben, als Empfindungen durch Töne bis zu einem gewissen Grade der Sättigung auszudrücken. Daß die Tonkunst dieses Vermögen wirklich besitze, daran hat wohl noch nie ein Mensch von gesundem Ohre und Herz gezweifelt.

Der Fehler, daß sie auf den höhern Stufen ihrer Ausbildung so oft zweckwidrig gebraucht, zum Spielzeuge bloß mechanischer Künste des Contrapunktes oder der Kehle, Finger und Zunge herab gewürdiget, und zu einem unabsichtlichen Tongeräusche gemacht worden ist, und noch oft gemacht wird, trifft nicht <1007> die Kunst, sondern den Künstler - 8 und der Nachtheil, daß ihre Wirkung heut zu Tage nicht so kraftvoll wie im Alterthume ist, trifft nicht den Künstler, sondern die jetzige Einrichtung der Staatsverfassungen. Die Schriften der Alten sind voll von außerordentlichen Wirkungen, welche die Musik in der grauen Vorzeit hervorgebracht haben soll. Um diese Nachrichten gehörig zu würdigen, darf man dabey nicht vergessen, daß viele derselben nicht wörtlich, sondern figürlich oder in einem bildlichen Sinne verstanden werden müssen. So sollen sich z.B. bey der Erbauung der Mauern um die Stadt Megara die Steine von selbst, durch die Kraft der Musik des Apollo auf der Lyra, an den Ort ihrer Bestimmung bewegt haben. Es ist eine bekannte Sache, daß den Menschen bey gewissen anhaltenden schweren Arbeiten durch eine abgemessene Bewegung, die in gleichen auf einander folgenden Zeiträumen geschieht, die Anstrengung ihrer Kräfte erleichtert wird; denn es ist sehr begreiflich, daß z.B. bey dem Fortwälzen schwerer Massen die Arbeit leichter von statten gehen müsse, wenn die Kräfte aller Arbeiter bey jedem Schlage des Rhythmus vereinigt und gleichzeitig wirken, als wenn die Kräfte desselben successiv angewandt werden. Ohne Zweifel bediente man sich dieses Vortheils auch bey der Erbauung der Mauern der Stadt Megara, wo Apollo durch das Spiel seiner Lyra nicht allein die Arbeiter aufmunterte, sondern ihnen auch insbesondere durch den Rhythmus seiner Musik (der überhaupt in der alten Musik sehr hervorstechend war) die Zeitpunkte bezeichnete, in welchen die Kräfte aller Arbeiter wirksam seyn mußten, wenn die Arbeit mit Leichtigkeit von statten gehen sollte. Da nun Apollo noch überdies in jenen rohen Zeiten Griechenlands, in welchen das Leben und Eigenthum der Einwohner noch nicht hinlänglich gesichert war, ihnen durch die Erbauung <1008> der Mauern eine Wohlthat von hohem Werthe erzeigte, so konnte es nach der Art aller noch unkultivirten Völker gar nicht fehlen, daß die Erzählung und mündliche Ueberlieferung der dabey vorgefallenen Umstände nicht ins Fabelhafte hätten übergehen sollen. Was Wunder daher, wenn die zur Ermunterung zur Arbeit behülflich gewesene Lyra, zumal in der Hand ihres Wohlthäters selbst, an dieser fabelhaften Beschreibung Antheil bekam! Eine ähnliche Bewandniß hatte es wahrscheinlich auch mit andern ins Wunderbare fallenden Wirkungen der Musik, die man in den Schriften der Alten findet.

Diese allegorischen Erzählungen abgerechnet, ist es übrigens sehr begreiflich, daß bey den Griechen die Musik ungleich stärkere Wirkung thun mußte, als in den jetztigen Zeiten. Diese Kunst war in den ersten Zeiten Griechenlands so genau in die Staatsverfassung verwebt, und so unzertrennlich mit den Religionsgebräuchen (die ebenfalls die genaueste Beziehung auf den Staat hatten,)9 verbunden, daß keines ohne das andere bestehen konnte. Alle Gesetze des Staates, alle Thaten der Wohlthäter des Vaterlandes, wurden abgesungen und bey der Nation durch Gesang verbreitet und im Andenken erhalten. Mit allen Religionsgebräuchen stand Gesang und Instrumentalbegleitung in der nächsten Beziehung. Der Inhalt der Musik hatte daher sowohl für die ganze Nation, als für jedes Individuum derselben Interesse. Was unter diesen Umständen ein Gesang bey einer Nation wirken kann, hat sich durch neuere Erfahrungen bestätigt, und ist aus der Geschichte der französischen Staatsumwälzung bekannt; denn wer sollte wohl die Wirkungen verkennen, die unter dieser Nation ihr Ca ira oder ihr Marseiller-Marsch so oft hervorgebracht hat! - Stärker noch mußte nothwendig die Musik in den frühern Zeiten Griechenlands wirken; <1009> denn die Erfahrung lehrt, daß ein noch wenig gebildetes Volk sinnliche Eindrücke weit stärker und schneller auffaßt, als eine schon ausgebildete Nation. Wer Beweise für diese Behauptung verlangt, findet sie zur Genüge in der Beschreibung des Charakters und der Sitten der Insulaner des Südmeers, die uns Forster in seiner Reise um die Welt gegeben hat.

Ich kann mich nicht enthalten, in Rücksicht auf Gebrauch und Wirkung der modernen Musik, hier eine Stelle aus Forkels allg. Geschichte der Musik einzurücken:

"Sie" (die Tonkunst, sagt er S. 442) "hat durch ihre größere Vervollkommnung in den neuern Zeiten von ihren moralischen und medicinischen Wirkungen nicht nur nichts verloren, sondern vielmehr gewonnen, und würde selbst noch die Wunder übertreffen, welche man von der griechischen Musik erzählt, wenn unsere Gesetzgeber einen weisern Gebrauch von ihr zu machen wüßten, wenn sie unter dem Schutze der Gesetze zu Schilderung einheimischer Gegenstände, und bürgerlicher oder häuslicher Tugenden, die dem Herzen eines jeden gleich wichtig sind, angewendet würde. Allein, hieran denkt man nicht! Man singt Thaten griechischer und römischer Götter und Helden, von welchen wir entweder nicht viel wissen, oder die doch für unser Herz so wenig Interesse haben, daß wir nichts dabey empfinden können. Die Tugenden der Helden und Wohlthäter unsers Vaterlandes, deren lebhafte Erinnerung zur Nacheiferung anreizen, und überhaupt auf unsere Empfindungen die nützlichsten und wohlthätigsten Wirkungen verbreiten könnte, bleiben unbesungen, werden nicht durch öffentliche Feste verewigt, nicht mit Dankbarkeit in unser Andenken zurück gerufen. Nur halb so vollkommen, wie sie jetzt ist, würde unsere Musik bey einer weisern Anwendung nicht nur ähnliche, sondern noch weit größere, weit wichtigere Wunder wirken, als die Musik der Griechen nur je gethan hat." -

<1010> Von den besondern Kunstmitteln, wodurch die Musik das Vermögen erhält, Empfindungen auszudrücken, wird in mehrern Artikeln dieses Werkes gehandelt; eine kurze Uebersicht derselben findet man in dem Artikel Leidenschaft. - Es bleibt daher nur noch übrig, auch einen Blick auf die gewöhnlichen Eintheilungen der Musik zu werfen. In so ferne man sich mit derselben entweder objektivisch oder subjektivisch beschäftiget, wird sie eingetheilet in die theoretische und praktische Musik.

Zur Theorie der Tonkunst gehört alles, was den speculativen oder wissenschaftlichen Theil derselben umfaßt; man rechnet dahin,

  1. die Wissenschaft von der Entstehungsart des Klanges überhaupt, der besondern Gattungen, der Dauer, der Verbreitung und des Zurückprallens desselben, und von der Sympathie der Töne, oder die Akustik;
  2. die Eintheilungslehre der Klänge nach ihrem äußern Maaße und Verhältnisse, oder die mathematische Klanglehre, die man mit ihrem eigentlichen Kunstnamen Canonik nennet;
  3. die Grammatik und Rhetorik, oder die Regeln, nach welchen die Töne melodisch und harmonisch sowohl in einzelnen Fällen, als auch in ganzen Tonstücken verbunden werden;
    Hierzu kann man allerdings noch rechnen
  4. die Philosophie des Schönen in der Tonkunst, oder die musikalische Aesthetik.

Die praktische Musik beschäftigt sich mit der successiven Darstellung der Töne durch welche Empfindungen ausgedrückt werden sollen, und zwar

<1011> Diese Kunstprodukte sind von verschiedener Beschaffenheit, und haben verschiedene Bestimmungen; dieses verursacht wieder besondere Eintheilungen der praktischen Musik.

Die Tonkunst ist nemlich

  1. entweder für den Gesang bestimmt, das heißt eigentlich, die Musik ist mit der Dichtkunst vereinigt, oder sie vereinigt sich
  2. mit Geberden und Bewegungen des Körpers zum Ausdrucke der Empfindungen, oder sie sucht
  3. ihre Absicht ganz allein durch die Töne verschiedener Instrumente zu erreichen.

Im ersten Falle nennet man sie Vokalmusik, im zweyten Pantomimische oder Tanzmusik, und im dritten Instrumentalmusik. Wird sie im letzten Falle bloß durch Blasinstrumente ausgeübt, so nennet man sie alsdenn noch insbesondere Harmoniemusik.

Eine andere Art der Eintheilung der praktischen Musik hat ihren Grund darinne, daß die Stimmen eines Tonstückes entweder bloß in lauter gleichartigen melodischen Hauptnoten zusammen fortgehen, oder daß sie mit melodischen Nebennoten auf mannigfaltige Arten vermischt sind, und sich in ungleicher Bewegung zusammen vereinigen; jene Art wird Choralmusik, diese aber Figuralmusik genannt.

Endlich hat auch die Art des Styls, die von dem besondern Zwecke der Musik abhängt, und mit dem der Ort, wo sie aufgeführt wird, in Verbindung kömmt, eine besondere Eintheilung derselben veranlaßt. Sie wird nemlich entweder gebraucht, um religiöse Empfindungen auszudrücken und den Gottesdienst zu verherrlichen, und in diesem Falle geistliche Musik, oder Kirchenmusik genannt; oder man bedient sich ihrer zum Ausdrucke moralischer Gefühle bey theatralischen Handlungen, und nennet sie theatralische Musik, oder man braucht sie auch als eine geistreiche Unterhaltung und zum Ausdrucke vermischter Empfindungen, und nennet sie in diesem Falle Kammer- oder Concertmusik. <1012>

In Rücksicht auf den besondern Gebrauch der einfachern oder mehr zusammengesetzten Ausdrucksmittel, oder in Rücksicht auf einfachen oder mehrfachen Gesang, theilt man die Musik sehr gewöhnlich auch ein, in Melodie und Harmonie.

Der Eintheilungen der Musik der ältern Tonlehrer in eine musica antica, moderna, modulatoria, didactica, conjuncta u.s.w. werden mich ohne Zweifel meine Leser sehr gerne entlassen.

Sowohl von den Schriften der Alten, die uns über die Musik übrig geblieben sind, als auch von dem neuern ins Fach der Tonkunst einschlagenden Schriften, mit ihren Inhaltsanzeigen, findet man ein systematisch geordnetes Verzeichniß in Forkels allgemeiner Litteratur der Musik.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 991/992):

Die Mehresten leiden es von den Musen her, die von den Griechen als Erfinderinnen und Beschützerinnen der Künste und Wissenschaften verehrt wurden. (Siehe Musen.) Wem daran gelegen ist, auch die übrigen Herleitungen desselben kennen zu lernen, findet dazu Gelegenheit in Walthers Musik. Lexikon, im Artikel Musica.

Fußnote 2 (Sp. 993/994):

Nach dem Quintilian wurde auch die Grammatik als ein Theil der Musik betrachtet. Siehe. lnstitut. Orator. Librum I. cap. 10.

Fußnote 3 (Sp. 997/998):

Ich sage ein durch Zwang verbundenes Tonsystem, denn das Anreihen ihrer Tetrachordes Diezeugmenon an das Tetrachord Synemmenon ist offenbar erzwungen. Siehe Tetrachord.

Fußnote 4 (Sp. 997/998):

Die Griechen theilten ihre Musik in die theoretische und praktische. Die theoretische unterschieden sie wieder in die natürliche, welche die arithmetische und physische begriff, und in die künstliche, zu der die harmonische, rhythmische und metrische gehörten. Die praktische Musik wurde eingetheilet

  1. in Rücksicht auf die Verfertigung der Kunstprodukte, in die Melopöie, Rhytmopöie und Poetik;
  2. in Rücksicht auf die Ausführung der Kunstprodukte, in die organische, das ist, in die Instrumentalmusik, in die odische, oder Vocalmusik, und in die hypocritische oder pantomimische Musik.

Fußnote 5 (Sp. 1003/1004):

Franco ist der älteste und bekannte Contrapunktist und Schriftsteller dieses Faches. Er war vom Jahre 1046 bis gegen 1087 Scholasticus an der Cathedralkirche zu Lüttich.

Fußnote 6 (Sp. 1003/1004):

Er war aus Lodi im Mayländischen gebürtig, stand zu Anfange des 17ten Jahrhunderts am Dome zu Fano, und späterhin an der Domkirche zu Mantua als Kapellmeister.

Fußnote 7 (Sp. 1005/1006):

Man kann billiger Weise auch von den aufmerksamsten Reisenden, die einen andern Zweck haben, als die Musik solcher Völker zu untersuchen, selbst wenn sie Dilettanten sind, keine solche Nachrichten fordern, die uns in den Stand setzen, die wahre Beschaffenheit der Musik eines Volkes kennen zu lernen. Hierzu würde theils eine genaue Bestimmung der Verschiedenheit gehören, in welcher diese Völker ihre von den unsrigen verschiedenen Intervallengrößen ausüben; theils müßten mehrere Gesänge derselben, so weit es vermittelst unserer Tonschrift möglich ist, auf das pünktlichste ausgezeichnet werden, damit wir im Stande wären, einige der Nation selbst noch unbekannte Regeln heraus zu finden, nach welchen sie, von ihrem Gefühle geleitet, die Töne verbinden; theils müßte auch derjenige, der uns solche Nachrichten geben wollte, so weit in die Sprache des Volkes eingegangen seyn, daß er uns die Qualität und Quantität der Sylben des Textes ihrer Lieder anzeigen könnte, um daraus den Gebrauch ihres Rhythmus kennen zu lernen u.s.w. Wie viel eigener Antrieb, Zeit und Kenntnisse dazu gehören, ist leicht einzusehen. Uebrigens sind die Nachrichten, die wir in diesem Fache den Missionärs zu verdanken haben, noch die vollständigsten, weil ihr langer Aufenthalt unter solchen Völkern, und besonders die Nothwendigkeit, die Sprache derselben in einem höhern Grade der Vollkommenheit zu erlernen, als andere Reisende, sie zur Beschreibung ihrer Musik fähiger machten.

Fußnote 8 (Sp. 1007/1008):

Leider aber auch oft die lokale Verfassung desselben, die ihn nöthigt mit den Wölfen zu heulen, wenn er seine Bedürfnisse befriedigen will.

Fußnote 9 (Sp. 1007/1008):

Alle imaginirte Gottheiten der Griechen waren Menschen, die ihren Vorfahren besondere Wohlthaten erwiesen hatten.