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Koch: Musikalisches Lexikon

Komposition,

<877> Setzkunst. Wenn es wahr ist, daß die Musik schon in der ersten Entwickelung ihres Keimes nichts anders war, als Ausdruck der Empfindungen durch unartikulirte Töne, [FN: Siehe Musik] und wenn hieraus folgt, daß sie auch bey ihrer Ausbildung, und bey der Anwendung derselben zur Unterhaltung des Geistes, keinen andern Zweck haben kann, als Empfindungen auszudrücken, so kann der mit <878> dem Worte Komposition verbundene Begriff nichts anders bezeichnen, als die Kunst, Töne so zu verbinden, daß dadurch Empfindungen ausgedrückt werden können.

Das Vermögen solche Kunstprodukte hervorzubringen setzt voraus, daß der Tonsetzer im Stande sey, in seiner Vorstellung aus Tönen ein ganzes, oder ein solches Tongemälde zu bilden, wodurch der Zweck der Kunst erreicht wird, und daß er sodann dieses in seiner Vorstellung enthaltene Tongemälde durch die gewöhnlichen Zeichen so darstelle, daß es bey der Ausführung ohne Anstoß empfunden werden, und seinen Zweck erreichen kann. Die Komposition enthält demnach einen formellen und einen materiellen Theil, das heißt, sie bestehet sowohl in der Erfindung der Tonstücke, als auch in der richtigen Darstellung derselben durch Noten.

Der formelle Theil der Setzkunst, oder das Vermögen Tonstücke zu erfinden, die dem Zwecke der Kunst <879> entsprechen, kann nicht durch Studium erlangt, nicht durch Regeln gelehrt werden; es gehört dazu das angebohrne Vermögen, welches man Genie nennet. Der materielle Theil derselben hingegen, oder die Darstellung der durch Genie hervorgebrachten Kunstwerke, die man auch den mechanischen Theil der Setzkunst nennet, ist eine Wissenschaft, die gelehrt und erlernet werden kann, und die man eigentlich meint, wenn von dem Studium der Komposition die Rede ist. Der Inbegriff der dazu nöthigen Kenntnisse und Regeln sollte eigentlich in zwey Haupttheile, in die Grammatik und Rhetorik, zerfallen; weil aber dieser letzte Theil im Fache der Musik noch nicht wissenschaftlich bearbeitet ist, und weil die dazu nöthigen Materialien noch hier und da zerstreut liegen, ohne in eine zusammenhängende Ordnung gebracht zu seyn, so ist man bis jetzt noch gewohnt, die nothwendigsten Theile der Rhetorik mit der Grammatik zu verbinden. [FN: Siehe Grammatik]

Obgleich das höhere Bedürfniß des Künstlers, welches man Genie nennet, nicht durch Studium und Befolgung der mechanischen Regeln der Kunst erlangt werden kann, so darf es dennoch nicht ohne Kultur und Leitung sich selbst überlassen werden, wenn es nicht Gefahr laufen soll, in seinen Wirkungen auf Abwege zu gerathen. Man hat daher aus den durch vorzügliches Genie hervorgebrachten Kunstwerken aller Art, und aus den Wirkungen, die sie hervorbringen, gewisse Erfahrungssätze und Regeln abgezogen und in einem wissenschaftlichen Zusammenhang gebracht, nach welchem der Künstler das durch sein Genie hervorgebrachte Kunstwerk beurtheilen und berichtigen kann. Man nennet diese jedem Künstler unentbehrliche <880> Wissenschaft die Aesthetik oder die Philosophie des Schönen. - Aesthetik und eigene Kritik sind daher die beyden Stützen des Genies, wodurch die Wirkungen und Ausflüsse desselben innerhalb der Schranken des allgemein anerkannten Schönen erhalten werden müssen. Weil jedoch weder die Aesthetik noch die Kritik in ihrer Beziehung auf die Musik insbesondere in demjenigen Grade als Wissenschaften ausgebildet sind, daß man jeden Theil eines Tonstückes in jedem besondern lokalen Falle mit völliger Entscheidung beurtheilen könnte, so muß dieser Mangel durch eine aus gutem Geschmack und Erfahrung verbundene Kenntniß ersetzt werden, die man Kunstgefühl nennet.

Die verschiedenen Beschäftigungen des Geistes bey der Erfindung und Bearbeitung der Kunstprodukte sind schon in andern Artikeln beschrieben worden; [FN: Siehe Begeisterung, Genie, Anlage, Ausdruck, Ausführung u.s.w.] es bleibt daher nur noch ein kurzer Hinblick auf den mechanischen Theil der Komposition übrig.

Um den grammatischen Theil der Setzkunst gehörig zu würdigen, muß man zweyerley bedenken:

  1. daß ein Tonstück allen Regeln der Grammatik auf das vollkommenste Genüge leisten könne, ohne daß es dadurch das Recht bekomme, auf den Namen eines schönen Kunstproduktes Anspruch zu machen. Ein Tonstück, in welchem zwar der Satz rein, der Rhythmus richtig ist, u.s.w. wobey aber aus diesem grammatisch richtig verbundenen Material der Geist der Kunst, oder der Ausfluß des Genies, nicht wehet, ist weiter nichts, als eine gute Schulübung, die bloß in Beziehung auf Wissenschaft, aber nicht in Beziehung auf schöne Kunst, einigen Werth hat.1

     <881> Man muß aber auch
     
  2. bedenken, daß jeder Fehler wider die Grammatik einen Anstoß enthalte, das von dem Genie entworfene Tongemälde aufzufassen, und daß also der Mangel der Befolgung der Regeln ein Hinderniß in dem Kunstgenusse werde. So wie in der Sprache die Vernachläßigung grammatischer Regeln entweder das Gefühl des Gewöhnlichen beleidigt, oder Undeutlichkeit und Verwirrung im Ausdrucke erzeugt, eben so verhält es sich mit der Vernachläßigung der mechanischen Regeln bey einem Tonstücke. Ein Tonsetzer, der Kunstwerke voll von grammatischen Fehlern dem Publikum übergiebt, stellt sich dadurch in ein ihm eben so nachtheiliges Licht, in welchem sich in diesem Falle ein Dichter zeigen würde, der die Sprache, in welcher er dichtet, nicht gehörig kennt.

Das Verzeichniß aller zu dem grammatischen Theile der Komposition gehörigen Gegenstände, von denen übrigens jedem insbesondere ein Artikel in diesem Werke gewidmet ist, findet man in dem Artikel Grammatik.

Nächst den wissenschaftlichen Theilen der Setzkunst, welche die Grammatik umfaßt, gehört dazu noch insbesondere die Kenntniß der Natur und Wirkung derjenigen Instrumente, derer man sich bey den Tonstücken bedient, und in Rücksicht auf die Singekomposition, Kenntniß der Sprache, ihrer Accente, Prosodie u.d.gl.

Von den grammatischen Theilen der Komposition handeln die Schriften, die man in den Artikeln Harmonie und Melodie angezeigt findet. Besondere Schriften über denjenigen Theil der Setzkunst, der bloß von dem Genie abhängt, sind nicht vorhanden, es sey denn, daß man die Schriften über die Aesthetik, oder den musikalischen Roman Hildegard von Hohenthal, dahin rechnen wollte. Beyläufig hingegen beschäftigen sich mit einzelnen dahin einschlagenden Gegenständen, Reichards Kunstmagazin, Forkels kritische Bibliothek, die allg. musikal. Zeitung, und andere mehr.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 879/880):

Man sollte daher eigentlich jederzeit zwischen einem bloß guten Contrapunktisten, und zwischen einem guten Komponisten, einen Unterschied machen, ohne bey dem ersten den letzten vorauszusetzen. Bloß der gute Komponist ist Ausüber der schönen Kunst; der gute Contrapunktist hingegen stellt im Fache der Musik ohngefähr dasjenige vor, was man im litterarischen Fache unter einem Sprachkenner verstehet. Man kann eine Sprache vollkommen rein sprechen, ohne in derselben dichten zu können. Nie kann man aber ohne Kenntniß der Sprache, in der man dichtet, ein guter Dichter seyn.