Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Cantate.

<300> Ein lyrisches Gedicht, welches in verschiedene abwechselnde Sätze eingekleidet mit Instrumentalbegleitung gesungen wird. Die abwechselnden Sätze, woraus das Ganze bestehet, sind, die Arie mit ihren Abarten, und das Recitativ oder Accompagnement, nebst dem Arioso, zwischen welche in den größern Gattungen dieses Kunstproduktes auch oft Chöre eingestreuet werden. Die Cantate ist demnach aus eben solchen einzelnen Ganzen zusammengesetzt, wie das Drama, demohngeachtet aber von demselben wesentlich verschieden. Das Drama enthält den Ausdruck solcher Empfindungen, die sich aus Handlungen entwickeln, die uns vor Augen gestellet werden; die Cantate hingegen drückt Empfindungen aus, die durch Betrachtungen über göttliche Wohlthaten, über moralische Gegenstände, über große Naturscenen, oder auch über besondere Veranlassungen in dem menschlichen Leben, entstehen.

"Die Cantate, bloß als Werk der Dichtkunst betrachtet," (sagt Heydenreich,) [FN: Handwörterbuch über die schönen Künst] "hat keinen eigenthümlichen Charakter, und kann nicht als eine besondere Gattung angesehen werden. Sie ist jederzeit ein lyrisches Gedicht; ihr Auszeichnendes liegt in ihrer Zweckmäßigkeit für musikalische Darstellung der in ihr enthaltenen Leidenschaften und Gefühle. Die Cantate muß ein harmonisches Ganzes dichterisch ausgedrückter Vorstellungen seyn, welche zu Hervorbringung einer musikalisch darstellbaren Hauptleidenschaft oder Hauptgefühls durch eine Mannigfaltigkeit von Arten und Graden musikalisch ausdrückbarer Rührung zusammenstimmen. Dieses Ganze von Vorstellungen kann bald den Charakter der Hymne und Ode, bald den der Elegie, bald den des Liedes, bald einen aus ihnen zusammengesetzten Charakter besitzen, <301> in welchem jedoch Eine Stimmung die herrschende seyn muß."

Auf Seiten des Tonsetzers bestimmt der Gegenstand, aus dessen Betrachtung die in der Cantate herrschenden Empfindungen fließen, den Styl und die Behandlungsart der einzelnen Sätze. [FN: Siehe Schreibart] Man theilt die Cantate diesem Gegenstande zu Folge in die geistliche und die weltliche. Jene begreift nicht allein die gewöhnlichen Kirchenstücke, sondern auch das Oratorium, welches von größerer Ausdehnung ist, und bey welchem eine wichtige religiöse Begebenheit zum Grunde gelegt wird. [FN: Siehe Oratorium] Zu der weltlichen Cantate gehören insbesondere die so genannten Gelegenheits-Cantaten; eine Gattung der Kunstprodukte, die ehedem weit fleißiger, als anjetzt, bearbeitet wurde, und die seit geraumer Zeit fast gänzlich von der Operette verschlungen zu werden scheint. Die Cantate ist italiänischen Ursprunges, und hat sich wahrscheinlich aus den ehemals gebräuchlichen Madrigalen entwickelt. [FN: Siehe Madrigal]