Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Übersicht Koch, Musikalisches Lexikon  

Koch: Musikalisches Lexikon

Duett,

<497> (ital. Duetto oder Duo) ist ein Tonstück für zwey obligate Stimmen, von denen eigentlich jede insbesondere, und zwar durchgehends mit gleichem Rechte, den Charakter einer Hauptstimme behaupten muß. Es giebt zwey Arten des Duetts, die merklich von einander verschieden sind. Die erste bestehet aus zwey concertirenden Stimmen ohne alle Begleitung; bey der zweyten Art hingegen werden die beyden Hauptstimmen mit einer Grundstimme, und mit verschiedenen andern Nebenstimmen begleitet.

Das Duett, in welchem die beyden Hauptstimmen von andern Stimmen begleitet werden, ist bloß in großen Singstücken gebräuchlich, bey welchen der Gesang durch Instrumentalmusik <498> unterstützt wird. So drücken z.B. in der Oper zwey Personen von verschiedenem Charakter, die sich von einer gewissen Empfindung hingerissen fühlen, diese Empfindung unter Begleitung der Instrumente, vermittelst verschiedener Worte, bald wechselsweis, bald vereint, und zwar jeder Person nach ihrer individuellen Empfindungsart, bis zur völligen Ausgießung des Herzens aus. Weil die größte Schönheit eines solchen Duetts darinne bestehet, daß, sobald beyde Singstimmen sich zusammen vereinigen, gewisse melodische Sätze bald von dieser, bald von jener Person, nach ihrer individuellen Empfindungsart modificirt, vorgetragen werden, wobey die andere Stimme immer in einer ihr eigenen abstechenden Melodie fortgehet, so ist zur Bearbeitung eines solchen Tonstückes Genie und gründliche Kenntniß der Harmonie und der Regeln des doppelten Contrapunktes unumgänglich nöthig. Ohne hinlängliche Kenntniß der polyphonischen Setzart ist es unmöglich, zwey gleich hervorstechende Melodien zusammen harmonisch richtig zu vereinigen, und ohne Genie ist es eben so unmöglich, diesen beyden vereinigten Melodien ästhetischen Werth zu geben, und sie den besondern Charaktern der singenden Personen anzupassen.

In Ansehung der äußerlichen Form, das ist, in Ansehung der Ritornelle, der Modulation der <499> Hauptperioden, des Umfanges, der Haupttheile des Ganzen u.d.gl. ist das Duett von der Arie nicht sehr verschieden, und es gilt dabey alles, was im Betreff dieser Gegenstände schon in dem Artikel Arie errinnert worden ist.

In solchen Cantaten, bey welchen der Text nicht in die dramatische Form gegossen, und der Charakter der singenden Personen weder durch den Plan, noch durch den Verfolg des Singstückes bestimmt ist, wie z.B. in der gewöhnlichen Kirchencantate, kömmt zuweilen eine besondere Gattung des Duetts vor, die sich in Ansehung der innern Beschaffenheit des Satzes von der Arie durch weiter nichts auszeichnet, als daß eine zweyte Stimme hinzugefügt ist. Der Tonsetzer läßt nemlich zuweilen die Worte einer Arie (wenn sie zu diesem Gebrauche keinen Widerspruch in sich enthalten) von zwey Sängern zugleich vortragen, ohne daß er die Absicht hat, daß jede Stimme insbesondere durchgehends den Charakter einer Hauptstimme behaupten soll. In einem solchen Duette gehen die beyden Stimmen größtentheils in Terzen- und Sextengängen fort, und enthalten nur hier oder da zuweilen eine Nachahmung, oder zwey verschiedene gleich stark hervorstechende Melodien. Ein Tonstück dieser Art, ob es gleich am rechten Orte gebraucht, von sehr guter Wirkung seyn kann, verdient dennoch hier weiter keine besondere Betrachtung. -

Die Frage, ob bey dem vorhin beschriebenen eigentlichen Duette gleiche oder ungleiche, hohe oder tiefe Stimmen, bessere Wirkung thun, läßt sich durchaus nicht im Allgemeinen beantworten, denn es kömmt dabey nicht sowohl auf die Gleichheit oder Ungleichheit, nicht auf die Höhe oder Tiefe der Stimmen, sondern vielmehr auf eine den gewählten Stimmen angemessene glückliche Anlage des Ganzen an. <500> Wenn daher Rousseau, der in seinem Dictionnaire de Musique [FN: Art. "Duo"] über das Duett sowohl dem Dichter als dem Tonsetzer so bedeutende Winke giebt, sagt:

"Die Duette, welche die mehreste Wirkung thun, sind diejenigen, die aus zwey gleichen Stimmen bestehen, weil dabey die Harmonie nicht so zerstreuet ist; und unter den gleichen Stimmen haben zwey Soprane den Vorzug, weil ihr Umfang der Töne hellautender, und ihr Ton rührender ist;"

- so ist diese Behauptung ohne Zweifel eine Folge seiner bekannten für die italiänische Musik geschöpften Vorliebe,1 die sich durch tausend Beyspiele widerlegen läßt. Viele Kenner des Schönen behaupten sogar, und vielleicht mit überwiegenden Gründen, daß nicht der Discantstimme, sondern dem Tenor im Allgemeinen betrachtet der Vorzug bey dem Ausdrucke des Rührenden zukomme.

Weil im Duette keine Stimme über die andere herrschen darf, sondern beyde sich mit gleichem Rechte als Hauptstimmen behaupten müssen, so stechen beyde vor der Begleitung so stark hervor, daß jede mangelhafte Tonverbindung, die in andern Tonstücken durch die Begleitung gedeckt wird, hier eine unangenehme Wirkung verursacht. Die Theoristen verlangen daher, daß die beyden Hauptstimmen des Duetts so gearbeitet seyn sollen, daß der Baß und die Mittelstimmen wegbleiben können, ohne daß dadurch die Harmonie mangelhaft oder gar fehlerhaft werde.

"Sollten also die beyden Hauptstimmen so beschaffen seyn," (sagt Sulzer) [FN: Art. "Duett"] "daß sie zur Reinigkeit der Harmonie einer dritten Stimme bedürften, so würde das Fehlerhafte gar zu fühlbar werden, wenn das Gehör sich, wie es allemal geschieht, vorzüglich mit den beyden Hauptstimmen beschäftigte. Dieses wird durch folgendes Beyspiel begreiflich werden:

Notenbeispiel Sp. 501

<501> "Dieser Satz hat so, wie er hier steht, nichts gegen die gute Harmonie; inzwischen könnte man ein Duett nicht nach dieser Art setzen; denn wenn man den Baß wegließe, so würden die beyden obern Stimmen in Quarten gegen einander stehen, und sehr unangenehm werden. Man muß also bey solchen Duetten, auch ohne Rücksicht auf die Umkehrung der Stimmen, die Regeln des doppelten Contrapunktes in der Oktave vor Augen haben, weil nur dadurch die beyden Hauptstimmen auch ohne den Baß ihre harmonische Richtigkeit bekommen."

Angehenden Tonsetzern, die sich durch das Studium der Partituren in dieser Art der Tonstücke orientieren wollen, sind vorzüglich die Duetten des Kapellmeisters Graun anzuempfehlen.

Die zweyte Art des Duetts, welche bloß aus zwey obligaten Stimmen ohne alle Begleitung bestehet, ist nur für Instrumente gebräuchlich, und gehört zu den verschiedenen Gattungen der Sonate. Man setzt dieses Duett sowohl für zwey gleiche als für zwey verschiedene Instrumente, und es bestehet, gemeiniglich aus drey besondern Sätzen, von denen jeder seinen eigenen durchgeführten Charakter enthalten muß. Es wird auf zwey ganz von einander verschiedene Arten bearbeitet, die man, weil die Art des Satzes dabey so sehr verschieden ist, auch billig durch besondere Namen unterscheiden sollte. So wie diejenige zweystimmige Sonate, die man das Solo nennet, aus einer Hauptstimme bestehet, die von einer Grundstimme begleitet, und unterstützt wird, so bestehet hingegen das eigentliche Duett aus zwey Hauptstimmen, die das ganze Stück hindurch beyde gleich obligat, das ist, so gearbeitet sind, daß sie <502> zwey gleich hervorstechende Melodien ausmachen, von denen keine der andern untergeordnet ist, und die in ihrer Verbindung schon selbst so reich an abwechselnder Harmonie sind, daß sie einer Grundstimme zur Unterstützung und Berichtigung nicht bedürfen, ja nicht einmal eine Grundstimme ohne besondern Zwang zulassen. Es ist also leicht einzusehen, daß diese Art des Duetts ebenfalls nach der polyphonischen Setzart behandelt werden müsse, und daß zu der Verfertigung desselben die Kenntniß des doppelten Contrapunktes eben so nothwendig ist, als bey dem vorhin beschriebenen Duette mit Begleitung.

Diese Art des Duetts wird seit geraumer Zeit ziemlich vernachlässigt, denn diejenigen Duette, die zeither von neuern Tonsetzern bekannt worden sind, enthalten gemeiniglich eine zweystimmige Composition, die fast durchgehendes homophonisch ist, und die sich von dem Solo durch weiter nichts unterscheidet, als dadurch, daß beyde Stimmen wechselsweis die Melodie führen, und sich wechselsweis mit einer etwas mehr als gewöhnlich figurirten Grundstimme akkompagniren.

Da man auch dieser Gattung der zweystimmigen Tonstücke die Erreichung des eigentlichen Endzwecks der Kunst nicht streitig machen kann, so wäre es ungereimt, sie deswegen ganz zu verwerfen, weil sie dem Begriffe nicht vollkommen entspricht, den man sich von dem eigentlichen Duette gebildet hat. Billig wäre es aber, diese beyden Arten der Instrumental-Duette durch besondere Namen zu unterscheiden, damit man wenigstens im voraus beurtheilen könnte, welche Art der Behandlung des Satzes man dabey zu erwarten habe.

Es giebt noch eine Gattung des Duetts für zwey Hörner oder Trompeten, die aus kurzen und wenig ausgeführten Sätzen bestehet. Diese Gattung des Duetts ist mehrentheils von einem sehr geringen harmonischen Gehalte, und die Stimmen bestehen gewöhnlich bloß aus Terzen- und Sextengängen. Man unterscheidet sie von dem größern und ausgeführten Sätzen des Duetts durch den Namen Bicinien.

Sehr gute Bemerkungen über die Beschaffenheit des Instrumental-Duetts findet man in der Vorrede zu den 6 Duetten von Quanz, die im Jahre 1759 zu Berlin herausgekommen sind.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 499/500):

Weil nemlich in Italien die männlichen Hauptrollen in der Oper von Kastraten ausgeführt werden, so trift es sich gemeiniglich, daß die Duetten zwey Liebenden von zwey Sopranstimmen gesungen werden.