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Koch: Musikalisches Lexikon

Arie,

<159> , ital. Aria, bezeichnet im weitläuftigen Sinne des Wortes sowohl einige für den Gesang gedichtete lyrische Verse, in welchen eine bestimmte Empfindung ausgedrückt wird, als auch die zu diesen Versen gesetzte Melodie; daher ist dieses Kunstwort sowohl in der Poesie, als auch in der Musik gebräuchlich. Weil aber der Ausdruck einer Empfindung in der Poesie sowohl als in dem Gesange theils in verschiedene Formen eingekleidet, theils auch mehr oder weniger ausgeführt oder zergliedert werden kann, so ist man gewohnt die dadurch zum Vorscheine kommenden verschiedenen Gattungen1 mit besondern Namen zu bezeichnen, und verstehet daher unter Arie im engern Sinne des Wortes einen solchen Satz eines Singstückes, in welchem eine Person <160> in einem ausgeführten und völlig ausgebildeten Gesange diejenige Empfindung bis zu einem gewissen Grade der Sättigung, oder bis zur völligen Ausgießung des Herzens, schildert, in welche sie durch Veranlassung des Inhaltes, welcher im Singstück dargestellet wird, gesetzt worden ist.

Die Poesie zu einer solchen Arie bestand ehedem jederzeit aus zwey Sätzen, von welchen einer die allgemeine Aeußerung der Empfindung, der andere aber eine besondere Wendung derselben enthielt. Die musikalische Einkleidung derselben hatte bis ohngefähr gegen das letzte Viertel des verwichenen Jahrhunderts eine bestimmte Form, von der man nicht abwich. Sie bestehet nach Sulzers Beschreibung [FN: Allg. Theorie der schönen Künste, Art. "Arie"] aus folgender Einrichtung.

"Zuerst machen die Instrumente ein Vorspiel, das Ritornell genannt, in welchem der Hauptausdruck der Arie kürzlich vorgetragen wird; hierauf tritt die Singstimme ein, und singt den ersten Theil der Arie ohne große Ausdehnung ab; wiederholt hernach die Sätze und zergliedert sie;2 alsdenn ruht die Stimme etliche Takte lang, damit der Sänger wieder frey Athem holen könne. Während dieser Zeit machen die Instrumente ein kurzes Zwischenspiel, in welchem die Hauptpunkte des Ausdruckes wiederholt werden; hierauf fängt der Sänger wieder an, die Worte des ersten Theils noch einmal zu zergliedern, und hält sich vornehmlich bey dem Wesentlichen der Empfindung auf; alsdenn schließt er den Gesang des ersten Theils;3 die Instrumente aber fahren fort den Ausdruck immer mehr zu bekräftigen; und schließen endlich den ersten Theil der Arie. Der andre <161> Theil wird hernach ohne das viele Wiederholen und Zergliedern, das im ersten Theile statt gehabt, hinter einander abgesungen, nur daß die Instrumente ab und zu, bey kurzen Pausen der Singstimme den Ausdruck mehr bekräftigen. Wenn der Sänger ganz fertig ist, so machen die Instrumente wieder ein Ritornell, nach welchem der erste Theil der Arie noch einmal eben wie zuvor wiederholet wird. Diese ist die allgemeine Form der heutigen Arien."

Diese Form war in dem Falle die Schicklichste, wenn der Dichter, wie es ehedem auch am gewöhnlichsten geschah, das Wesentliche der vorhandenen Empfindung in den ersten Theil der Arie gelegt, und in dem zweyten nur eine besondere Modifikation derselben geschildert hatte, welche wieder unmittelbar auf die Vorstellung des ersten Theils hinleitete. Weil aber die Macht der Gewohnheit veranlaßte, daß man sich dieser Form auch bey solchen Texten bediente, bey welchen der Inhalt des zweyten Theils zur Ausdehnung und Zergliederung schicklicher war, als der erste, und weil die Wiederholung des ganzen ersten Theils bey vielen Texten zweckwidrig, und überhaupt, bey allen Arien angebracht, nothwendig langweilig werden mußte, so hat man in späteren Jahren, im Falle der Text aus zwey Sätzen bestehet, von welchen der erste nothwendig wiederholt werden muß, diese Form dergestalt abgeändert, daß der zweyte Satz, ebenfalls ausgeführt und zergliedert, eine besondere Periode erhält, und daß, anstatt der Wiederholung des ganzen ersten Theils, der erste Satz des Textes in der letzten Periode der Arie nochmals durchgeführet wird. Macht aber bey einem Texte von zwey Sätzen der Inhalt des zweyten Satzes keines Wiederholung des ersten nothwendig, so pflegt anjetzt die Arie aus zwey Theilen zu bestehen, in welchen jeder Satz des Textes ausgeführt und zergliedert wird. Gemeiniglich wird der <162> erste dieser Sätze in einer langsamen oder mäßigen, der zweyte aber in einer geschwindern Bewegung vorgetragen. Zuweilen bedient man sich auch, wenn es die Einrichtung des Textes erlaubt, der Form des Rondo, und bindet sich überhaupt an keine ganz bestimmte Form, sondern man richtet sich mit derselben, wie billig, in den mehresten Fällen nach der äußerlichen Einrichtung des Textes.

Im Chore, wo die Empfindung einer ganzen Volksmenge ausgedrückt wird, können nur die vorzüglichsten und auffallendsten Modifikationen der allgemeinen Empfindung, und nur die hervorstechendsten Züge der individuellen Empfindugsart einzelner Glieder dieser Menge ausgedrückt werden. Die feinern Modifikationen der Empfindung jedes besondern Gliedes würde weder die Tonkunst in der Darstellung des Stroms der allgemeinen Empfindung ausdrücken, noch der Zuhörer fassen können. Ganz anders aber verhält es sich in der Arie, in welcher nur eine einzige Person ihre Empfindung, und zwar nach ihrer individuellen Empfindungsart ausdrückt. Hier sind keine Hindernisse vorhanden zur Darstellung und Auffassung der feinsten Modifikationen der Empfindung; daher muß auch der Gesang der Arie im höchsten Grade ausgebildet seyn, das heißt, er muß nicht blos die merklichsten und hervorstechendsten Züge der Aeußerung der Emfindung, sondern auch diejenigen feinern Züge enthalten, die man in dem Ausdrucke der Empfindung einer einzelnen Person wahrnehmen kann.4

Es bedarf wohl kaum der Erinnerung, daß zur Hervorbringung solcher Gesänge und zur angemessenen Instrumentalbegleitung derselben ein Tonsetzer erfordert werde, der Genie und Geschmack genug besitzt, auch die feinern Züge einer Empfindung zu sammlen, und in sein Werk überzutragen.

Uebrigens ist für den Sänger die Arie dasjenige, was für den Instrumentisten <163> der Vortrag der Solostimme ist, nemlich dasjenige Tonstück, bey welchem der richtige Ausdruck der in der Arie enthaltenen Empfindung von ihm und seinem Virtu ganz allein abhängt. Nur Schade, daß auch bey dem Gebrauche des reizendsten Werkzeuges zur Hervorbringung der Töne, nemlich bey der menschlichen Stimme, oft mehr auf Bewunderung mechanischer Fertigkeit, als auf Rührung des Herzens abgezweckt wird. Nicht allein der Sänger, sondern auch der Tonsetzer, der für die Singstimme setzt, sollte nie aus der Acht lassen,

"daß der Sänger nicht darum singen soll, um die Zuhörer für seine Geschicklichkeit einzunehmen, sondern ihm das Bild eines von Empfindung durchdrungenen Menschen auf das vollkommenste darzustellen. Je mehr es ihm gelingt, den Zuhörer vergessen zu machen, daß er nur einen Schauspieler oder Sänger vor sich hat, desto größer wird sein Ruhm seyn. Die verständigen Zuhörer wollen nicht seine Kehle, sondern sein Herz bewundern, sobald sie merken, daß er sie von der Sache selbst abführen, und ihnen die Bewunderung seiner Kunst abzwingen will, so werden sie frostig." [FN: Sulzer, Allg. Theorie der Schönen Künste, Art. "Arie"]

Ueber den Vortrag der Arie findet man ausführlichen Unterricht in der Anleitung zur Singkunst, aus dem Italiänischen des Tosi, mit Erläuterungen und Zusätzen von Joh. Fried. Agricola.

Fußnoten:

Fußnote 1 (Sp. 159/160):

Aus dieser Verschiedenheit entstehet das Lied und die Ode, das Rondo und die Romanze, die Arie und Ariette oder Cavatine, und wenn zwey, drey oder vier Personen zusammen, jede insbesondere ihre Empfindungen ausdrücken, das Duett, Terzett, Quartett u.s.w. Von allen diesen besondern Gattungen wird in ihren eigenen Artikeln gehandelt.

Fußnote 2 (Sp. 159/160):

Dabey wendet sich aber die Modulation zugleich nach der Tonart der Quinte, oder wenn die Arie in einer weichen Tonart gesetzt ist, nach der Tonart der Terz hin, in welcher diese erste Periode schließt.

Fußnote 3 (Sp. 159/160):

Und zwar in der Haupttonart, in welcher auch das darauf folgende Ritornell geschlossen wird.

Fußnote 4 (Sp. 161/162):

Weitläuftiger findet man diesen Gegenstand in dem zweyten Stücke meines Journals der Tonkunst zergliedert, und zwar in der Abhandlung: Ueber den Charakter der Solo- und Ripienstimme.