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Koch: Musikalisches Lexikon

Rhetorik.

<1251> So nennen einige Tonlehrer diejenige zur Setzkunst gehörige Wissenschaft, nach welcher einzelne melodische Theile nach einem bestimmten Zwecke zu einem Ganzen verbunden werden. Durch die Grammatik wird der materielle Theil der Kunstausdrücke berichtigt; die Rhetorik hingegen bestimmt die Regeln, nach welchen sie bey einem Kunstwerke dem auszuführenden Zwecke gemäß zusammengesetzt <1251> werden müssen. Obgleich viele Materialien zu einer musikalischen Rhetorik in den Schriften über die Tonkunst, und in solchen, die den schönen Künsten überhaupt gewidmet sind, hier und da zerstreuet liegen, so hat es dennoch dem menschlichen Geiste noch nicht glücken wollen, sie in eine wissenschaftliche Ordnung zu bringen, und die dabey noch befindlichen Lücken auszufüllen. Der Tonsetzer muß daher einstweilen diese Bruchstücke sammeln, und den Mangel ihres Zusammenhanges durch feines Kunstgefühl zu ersetzen suchen.

Verschiedene zu dieser Wissenschaft gehörige Theile findet man aber auch schon in den Grammatiken der Setzkunst, oder in den Anleitungen zur Berichtigung des mechanischen Theils derselben, vorgetragen. Siehe Grammatik.

"Diese musikalische Rhetorik (sagt Forkel) [FN: Allg. Geschichte der Musik, Einl. S. 39] ist in sehr vielem Betrachte von der Grammatik bloß darin verschieden, daß sie das im Großen lehret, was jene nur im Kleinen lehrte. Sie hat aber auch viele Theile, die ihr ganz allein eigen sind. In ihrem ganzen Umfange begreift sie alles in sich, was

  1. zur zweckmäßigen Erfindung und Anordnung der Hauptgedanken.
  2. zur besten Anwendung der verschiedenen musikalischen Schreibarten, und endlich
  3. zur besten Art des äußerlichen oder öffentlichen Vortrags der Tonstücke gehört.

"Das letzte, oder der Vortrag ist das nemliche, was in der eigentlichen Rhetorik die Deklamation ist. Jeder dieser Theile zerfällt wieder in eine beträchtliche Anzahl von Unterabtheilungen. So kann z.B. ein Gedanke rhythmisch und logisch betrachtet werden, das heißt, nach seiner äußern Form und innern Bedeutung. - Sowohl das rhythmische als logische Verhältniß musikalischer Gedanken unter einander, gewinnt wiederum eine außerordentliche Verschiedenheit durch die Anwendung derselben zu <1253> fröhlichen oder traurigen, erhabenen oder niedrigen Ausdrücken. Aus dieser Verschiedenheit entspringt die Lehre von den musikalischen Schreibarten. Aus noch nähern und bestimmtern Anwendungen musikalischer Ausdrücke zu gewissen Absichten, entstehen endlich die verschiedenen Musikgattungen, die innere Einrichtung und Anordnung ihrer Theile, nach den Graden von Umfang, welchen jede derselben hat, der Gebrauch der so genannten rhetorischen Figuren, und der jeder Bestimmung eines Tonstücks angemessene Vortrag desselben. So wie die musikalische Grammatik, außer ihren Haupttheilen, auch einige Hülfstheile enthielt, so enthält die musikalische Rhetorik als Hülfswissenschaft zuletzt noch die musikalische Kritik, die sich über alle Theile der gesammten musikalischen Theorie erstreckt, und sowohl aus der innern Natur der Kunst, als aus den Empfindungen der Menschen bestimmt, in wie weit in einem Kunstwerke die besten und zweckmäßigsten Mittel zur Erreichung gewisser Absichten angewendet worden, oder nicht."

- Die Rhetorik bestehet daher aus fünf Haupttheilen, und einer Hülfswissenschaft, und begreift

  1. den musikalischen Periodenbau;
  2. die musikalischen Schreibarten;
  3. die verschiedenen Musikgattungen;
  4. die Anordnung musikalischer Gedanken in Rücksicht auf den Umfang der Stücke, nebst der Lehre von den Figuren;
  5. den Vortrag der Tonstücke, und
  6. die musikalische Kritik.