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Koch: Musikalisches Lexikon

Ueberladen.

<1609> Ein Kunstwerk nennet man überladen, wenn mehr einzelne Ausdrucksmittel der Kunst, oder mehr zufällige Schönheiten daran verschwendet sind, als nöthig ist. Die Ueberladung bestehet jederzeit in einer Ueberhäufung der Ausdrucksmittel der Kunst, sie mögen nun im Einzelnen betrachtet bestehen worinne sie wollen. In dem Artikel Begleitung, ist schon von der Ueberladung des Akkkompagnements gehandelt worden; das Tonstück kann aber auch auf mehrere Arten überladen werden; hieher gehört z.B. die Ueberhäufung des Gebrauchs der Spielmanieren, <1610> die Ueberhäufung dissonirender Akkorde bey Charaktern, die dem Gebrauche vieler Dissonanzen nicht entsprechen u.s.w. Derjenige Tonsetzer, welcher glaubt jede Kleinigkeit ausdrücken zu müssen, die er bey der Ausarbeitung seines Tonstückes empfindet, fällt sehr leicht in den Fehler der Ueberladung.

Zu dem Fehler des Ueberladenen muß noch gerechnet werden der zu große ästhetische Aufwand an geringfügige Gegenstände. Wer z.B. bey der Bearbeitung eines kleinen Gedichtes von geringfügigem Inhalte die Komposition zu einer weitläuftigen Cantate ausdehnt, einen <1611> Einleitungssatz vorangehen läßt, der in Ansehung des Materials und der Form zu dem ausgeführtesten und größten Kunstprodukte hinreichend wäre, und alle Kunstmittel aufbietet, um diesen Gegenstand hervorstechend zu machen, der fällt offenbar in den Fehler der Ueberladung seines Kunstproduktes.

Ueberladung der Kunstwerke ist oft eine Folge von Mangel an feinem Geschmacke und glücklichem Genie. Oft will man durch Anhäufung der Kunstmittel dasjenige erzwingen, was das Genie nicht bewirken konnte. Das wahre Genie verachtet alles Flittergold, alle Ueberhäufung der Ausdrucksmittel; es wirkt durch einfache Mittel und durch große Züge, und erreicht dadurch mehr, als durch das Zusammendrängen vieler Kunstmittel.