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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels

Vorwort zur ersten Auflage.

<s*V> Die allgemeine musikalische Bildung heutiger Zeit, so wie die zu höchster Ausbildung gelangte Kunst des Klavierspiels, bedürfen eines theoretischen Werkes, welches das in Technik und Vortrag praktisch Erreichte in zusammenfassender Weise zum Bewusstsein bringt. Gegenwärtiges Werk stellt sich die Aufgabe, den gedachten Bedürfnissen zu entsprechen. Nothwendig war dabei sowohl Neues überhaupt, was bis dahin nur in der Praxis geübt oder in andern Lehrbüchern umgangen wurde, zur Sprache zu bringen, als auch Altes, Besprochenes in anderer Weise einer methodischen Form zu unterwerfen. Besonders mußte auf die Zurückführung der gangbaren Regeln auf höhere ästhetische Gesetze gesehen werden, weil die allgemeine Bildung gerade ihren vorzüglichsten Anspruch auf wissenschaftliche Begründung erhebt und über die Zeiten empirischer Formlosigkeit sowie wohlfeiler poetischer Phrasen, die allerdings immer noch ihre Vertretung finden, hinüber ist. Solchen Ansprüchen zu genügen, war ein nicht leichtes Unternehmen, und bittet der Verfasser, das geneigte Publikum sowie die geehrten Kritiker bei Beurtheilung vorliegender Schrift um Nachsicht.

Die Aesthetik des Klavierspiels wurde außer den gedachten Gründen auch noch vom allgemeinen aesthetischen Bedürfnisse hervorgerufen. In der Schönheitslehre behauptet großentheils die theoretische Beredtsamkeit ein Übergewicht über detailliertes Erkennen der Kunstverhältnisse. - Dabei stehen Idealismus und Realismus in unversöhntem Kampfe. Es kann eine Ausgleichung Hegel'scher und Herbart'scher Richtungen nur durch vertiefteres Eindringen in die speziellsten Kunstverhältnisse ermöglicht werden. Erst wenn im Einzelnen die Schönheitsformen genauer aufgezeigt sind, kann die allgemeine Theorie ein Recht haben, ihr Resultat zu ziehen. Möge vorliegendes Werk - allerdings nicht in den Theilen, wo es vielleicht noch Mißlungenes enthält - <VI> aber in seinem allgemeinen Sinne, auch für andere Specialgebiete, z.B. für den Gesang, für andere Instrumente, Nachahmung finden - es liefert einen Stein zu einem größeren Bau, einen Begriff zu einer höheren Idee; mögen meine Kunstgenossen in andern Gebieten der Tonkunst sich mit mir zur Gewinnung des gedachten Zieles vereinigen. - Auf diesem Wege steht ein fester Grund für die allgemeine Musikästhetik in Aussicht.

Für Diejenigen, welche ernstlich und gewissenhaft Belehrung aus diesem Werke schöpfen wollen, sei zum Schluß noch der Fingerzeig ertheilt, dass auf die bei der Vortragslehre citierten, meist den Klassikern entnommenen Beispiele im dritten Abschnitte, ein großes Gewicht zu legen ist. Der geneigte Leser wolle jedes dieser Beispiele im Originaltexte - wofern er denselben nicht ganz im Gedächtnisse hat - aufsuchen, den Geist desselben in seinem Zusammenhange erfassen und hierauf erst die Angaben für den Vortrag auf dasselbe mit eigener Prüfung anwenden.

Berlin, im Sommer 1860.

Der Verfasser.
[Adolph Kullak]