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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 2

S. 42 - Texterweiterung der 8. Auflage (1920)

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[Die Seitenzählung entspricht der 8. Auflage.]

<*34> Führten Clara Schumann mit ihrer Schwester Marie Wieck am treuesten die lebendige Tradition des Schumannspiels weiter, so Ferdinand Hiller (1811-1884), der als Komponist des Meisters Formglätte mit Heineschem Geist mischte, und der Ludwig Richter der musikalischen Nachromantik, Karl Reinecke (1824-1910), die des Mendelssohnspiels. Es ist für seine zierliche, perlende Flüssigkeit, glatte Formbehandlung und singende Anmut bezeichnend, dass beide, etwa noch mit dem Wiener Ignaz Brüll, zu den feinsten Mozartspielern ihrer Zeit gehörten. Mendelssohns und Schumanns Bahnen folgten die Nachromantiker. Die Klaviervirtuosität der grossen Romantiker erscheint in ihren Werken meist fürs Haus, die Form jener Meister vielfach zur aller Brillanz bewusst aus dem Wege gehenden Miniatur verkleinert. <*35> Die geistig Bedeutendsten und gemütlich Tiefsten sind Schumanns Jünger: der edle, weitgriffige und weiche Lyriker Adolf Jensen (1837-1879), der kräftige, rhythmisch und melodisch gern magyasierende Epiker Robert Volkmann (1815-1883). Dem oben bereits begrüssten und in der französisch-durchsichtigen Klarheit seines pastellartig blass getönten Klaviersatzes noch über E. Haberbier (1813-1869) zu stellenden Meister der poetischen Etüde, Stephen Heller, schliesst sich der erste grosse Meister der Klavierminiatur, Theodor Kirchner (1823-1903) an. Von Mendelssohns zahllosen und zum sehr bedeutenden Theile auf die Hausmusik gedrängten Jüngern stellt Reinecke die Vereinigung mit denen Schumanns her.

Die streng-zeichnerisch und kontrapunktisch-polyphon gesponnenen Faden des auf Wilhelm Taubert und Ludwig Berger zurückgehenden norddeutsch-berlinischen Klassizismus mit Friedrich Kiel (1821-1885), des mitteldeutsch-leipzigerischen mit Heinrich von Herzogenberg (1855-1900), des süddeutsch-münchnerischen mit Josef Rheinberger (1839-1901) und die des norddeutschen Schumannstils (Woldemar Bargiel, Karl G.P. Grädener, Rudolph Niemann, Heinrich Stiehl, Karl Lührss, Louis Ehlert u.a.) laufen in der klanglich spröden, weitgriffigen, niederdeutsch-gefühlsschweren und technisch gern mit weichen Doppelgriffen (Terzen, Sexten, Oktaven mit innerer Terz) arbeitenden neuen und eigenen Klaviervirtuosität von Johannes Brahms (1833-1897) zusammen. Er ist der letzte grosse Klassizist im Konzertsaal, der Meister einer tief vergeistigten, herben und gross gebauten Klaviervirtuosität, deren Wurzeln in Beethoven wie - namentlich anfangs - in Schumann gleichermassen liegen. Nach ihm hat die Klaviervirtuosität grossen Stiles nur noch einen Tonsetzer von gewaltiger kontrapunktischer Routine gefunden, der in vielfach dickflüssig-orgelmässigem Klaviersatz von Bach, Beethoven und Brahms zur Moderne vermittelt: Max Reger (1873-1916).

Die Klaviervirtuosität in den lyrischen Stücken der führenden ausländischen nationalgefärbten Romantiker - der Däne Niels W. Gade (1810-1890), die Norweger Halfdan Kjerulf (1818-1861), Edvard Grieg (1843-1907), Christian Sinding (geb. 1856), der Russe Peter Tschaikowsky (1840-1893) - folgt im ganzen den Bahnen unserer deutschen Romantiker; die der beiden Erstgenannten ist durchaus zeichnerisch, eher Mendelssohnisch als Schumannisch und schon im Titel "Aquarellen" (Gade) ein wenig zart und blass getönte musikalische Pastellkunst. Griegs und Tschaikowskys Klaviervirtuosität ist lyrisch-farbig und kräftig <*36> national gerichtet und im Satz gleich der des Schweden Emil Sjögren von Schumann ausgehend. Die Sindings unterstreicht das Wort "Virtuosität"; sie giebt sich virtuos, heroisch, und bevorzugt neben breitausladendem Kraft- und Massenspiel die harfenmässig rauschenden Arpeggienformen eines nordischen Barden. - Die deutsche Klassik, mehr noch aber die deutsche Schumannsche und die Chopinsche Romantik ist es, die die Klaviervirtuosität auch der übrigen bedeutenderen ausländischen Romantiker - wir weisen im Vorübergehen etwa auf die Franzosen Camille Saint-Saens und Gabriel Fauré, den Tschechen Anton Dvorak, die Polen Xaver Scharwenka und Moritz Moszkowski (Salon), den Italiener Enrico Bossi und so viele andere - bei allem schärfer geprägten und verschiedenen musikalischen Nationalcharakter ihrer Klaviermusik im wesentlichen bestimmt.

Die Klaviervirtuosität der führenden ausländischen Modernen der Klavierkomposition - etwa Claude Debussy (1862-1918) und Maurice Ravel (geb. 1875) in Frankreich, Cyril Scott (geb. 1879) in England, Alexander Scriábin (1872-1915) in Russland - passt sich der fortschreitenden formellen, thematischen, rhythmischen und metrischen Auflösung bei äusserster harmonischer und nervöser Ueberfeinerung und Differenzierung in der exotischen Färbung durch Ganztonleiterformen und ausgesprochen malerisch-programmatische Richtung dieser modernsten Klavierpoesien möglichst an. Die ältere Klaviervirtuosität ist überwiegend der Zeichnung und Formgestaltung, die modernste einzig der Farbe, Charakteristik und poetischen Stimmung unterworfen.

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