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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 3

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Drittes Kapitel. Kritik und geschichtlicher Ueberblick der Klavierschulen und Schriften über Klavierspiel.

Allgemeine Betrachtungen

<46> Die Geschichte des praktischen Klavierspiels, wie sie im Vorhergehenden zusammengefaßt wurde, verlangt zur Ergänzung einen Ueberblick über die von den Meistern und Lehrern schriftlich niedergelegten Methoden. Theorie und Praxis gehören eins zum Andern, jede dient zur Besthätigung der anderen, und die Erkenntniß beider vereinigt giebt erst das vollkommene geschichtliche Bild. Dieser Umstand möge die Stellung dieses Kapitels innerhalb des allgemeinen Theiles der Klavierästhetik rechtfertigen - diese Rechtfertigung ist deßhalb aber namhaft zu machen, weil ein näheres Eingehen in so manches Detail auch eine Anreihung des Kapitels an die besondere Ausführung der Lehrmethode im zweiten Theile natürlich erscheinen läßt. Indeß ist dieses Detail wieder nicht ausführlich genug, so daß das geschichtliche Interesse das methodische doch überwiegt. Diesen ganzen Abschnitt aber dem Werke überhaupt vorauszuschicken und ihn vielleicht mit der Ueberschrift: "Angabe der Quellen" <47> zu versehen, schien deßhalb unzulässig, weil das methodische System des zweiten Theiles eine selbstständigere und unabhängigere Stellung einnehmen muß, als eine rein historische Darstellung ihren Quellen gegenüber nöthig hat. Ueberdem wird ein solches Vorausschicken durch den kritischen Gehalt eben so abgelehnt, wie die Unterbringung unter den zweiten praktischen Theil durch die Beschränkung der detaillirten Ausführung.

Die methodischen Werke der länger und der nächst vergangenen Zeit haben natürlich einen verschiedenen Werth. Man muß ästhetisches Leben in der Theorie von dem in der Praxis unterscheiden. Ein Theil der großen Meister des Spiels war schriftstellerischer Darstellung entweder nicht geneigt oder nicht gewachsen. Beides läßt sich aus einer gewissen Trockenheit reflexiver Betrachtungen erklären, die dem lebensvollen Ausathmen künstlerischer Productivität gegenüber eine strenge und ernste Abstraction sein muß, zu der sich die an unmittelbares Genießen gewöhnte Lebenskraft nicht immer entschließt. Somit fehlen von einem Theile der bedeutendsten Gewährsmänner Aufschlüsse, und es muß den Darstellungen der Zeitgenossen das Vertrauen geschenkt werden, daß sie mit gewissenhafter Treue und dem nöthigen Scharfsinn die Theorie aus den Erscheinungen der künstlerischen Praxis abgenommen haben. Aber auch diese Darstellungen stehen auf sehr verschiedenen Standpunkten, und muß hier in Rücksicht auf die ästhetische Anschauung wiederum der geschichtlichen Mittheilung eine ähnliche Einschränkung auferlegt werden, wie im vorigen Kapitel. Es werden aus der großen Zahl von Schulen und Lehrbüchern nur diejenigen namhaft zu machen sein, die in Form und Material bedeutsam und selbstständig erscheinen, oder wenigstens von wirklichen Künstlern herrühren, deren Mittheilung in solchem Falle zunächst zu berücksichtigen ist. Die große Zahl der Schriften, welche, durch keine absonderliche Selbstständigkeit hervortretend, sich nur an die Hauptwerke anlehnen und in Wiederholungen oder Ausführungen <48> von unnöthiger Breite oder ungenügender Kürze bestehen, wurde im Folgenden übergangen.

Daß die Hauptwerke unwillkührlich in etwas den Einfluß von Quellen auf die im nächsten Theile gegebene Ausführung ausgeübt haben und ausüben mußten, liegt in der Natur der Sache, wären sie auch nur zur Besthätigung eigener Erfahrungen des Verfassers zu Rathe gezogen worden; überdem steht jede Erkenntniß auf historischem Grunde. Mehr aber wurdn doch die praktische Anschauung des Meisterhaften, sowie die auf den Unterricht gerichteten und in das eigene Spiel sich anatomisch vertiefenden Beobachtungen dabei zu Grunde gelegt, und müssen, wenn einmal von Quellen die Rede ist, hauptsächlich hervorgehoben werden. Was nebenbei dem ganzen Umkreise aller im Folgenden aufgeführten Schriften fehlt, ist die Zurückführung der Regeln auf die Einheit ästhetischen Gesetzes; so reichhaltig das Material von der Empirie angehäuft wurde, so trägt es mehr oder weniger eine sporadische Form, oder wo es vollständiger vorliegt, den Charakter reiner Erfahrungswissenschaft an sich. Daß der nächste Fortschritt das Viele auch hier zur Einheit der Idee erheben und den Schein der praktischen Willkühr auf Kunstgesetze zurückführen muß, liegt im Bedürfnisse der Zeitanforderungen, und in diesem Versuche dürfte das Element liegen, das als ein neues die nachfolgenden Abhandlungen gegen die jetzt unmittelbar folgenden Quellen abzeichnet.

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