Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Startseite

Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 14

[Seite 6 von 16]

3. Ein noch besonderer Fall für die irreguläre Accentuation tritt da ein, wo ganze Tonstücke dieselbe durchführen. Dies ist zwar mehr ein nur quantitativer als wesentlicher Unterschied im Vergleich zu den beiden vorigen Fällen, mag der Genauigkeit halber aber besonders angeführt werden. Bisher fand sich nur in vorübergehenden Stellen die in Rede stehende Rhythmik vor und diente als abwechselnder Contrast dem Eindrucke der regulären Betonung zur Folie. Es kann sich nun der Fall ereignen, daß ein ganzer Theil einer Komposition die Syncopation oder negative Accentuation annimmt, um gegen andere Theile einen Gegensatz zu bieten, oder gar, daß ganze Kompositionen ihren Charakter darin haben. Für den ersteren [Fall] liefert das Trio in dem zweiten Satze der Beethoven'schen <292> Cis-moll-Sonate Op. 27 ein treffendes Beispiel; der andere liegt im Mazurek vor.

In diesem Tanze, der durch Chopin aus der sinnlichen Ursprünglichkeit in den feinsten Duft der Poesie erhoben worden ist, erhält das dritte, zuweilen auch das zweite Viertel den Hauptaccent. Die Rhythmik entfaltet aber ein Doppelleben, denn auch der normale Accent erhebt sich auf Momente triumphirend über seinen Widersacher. Ueberhaupt wird bei dieser irregulären Accentuation im Hintergrunde die normale Grundlage vorausgesetzt und voraus empfunden. Auf solcher Basis baut sich eine zweite rhythmische Idee auf, die im dritten Viertel einsetzt und, parallel mit der ersten gehend, durch den Conflikt mit derselben den Sinn in angeregter Spannung erhält. Gerade als Abnormität reizt sie. Genau genommen, kann man also nicht sagen, daß die irreguläre Accentuation streng durchgeht; theils wird sie in sich selbst inconsequent, indem sie auch auf das zweite Viertel fällt, theils wird sie zeitweise von der regulären verdrängt. Folgende Beispiele von Chopin und Schulhoff zeigen dies:

[Notenbeispiel S 292, Nr. 1: Chopin, Mazurka op. 7,1]

[Notenbeispiel in Abreit: Schulhoff, op. 30.]

<293> Was bei Gelegenheit des Mazureks vom negativen Accente gesagt wurde, gilt übrigens allgemein. Die stärkste Betonung schlechter Takttheile, mag sie vereinzelt, gehäuft oder durchgehend in irgend einem Satze vorkommen, kann den positiven Accent nicht aufheben. Im ersten Grade des Empfangens wohnt das Taktgefühl allemal in dem Sinne des Regulären, und hat für die irreguläre Betonung nur Urtheil und Interesse auf einer klaren positiven Grundlage.

* * *