Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Startseite

Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 14

[Seite 16 von 16]

Die Accentuation kennzeichnet den Spieler, und man kann sagen, daß sich in ihrer Art und Weise ein gewisser Styl ausprägt. Der eine Virtuos wird sich mehr auf Feinheit, ein anderer mehr auf Klarheit und Korrektheit, ein dritter auf machtvolle Kundgebung der Accente legen. Zwar verlangt die absolute Objektivität die vollkommene Auslösung aller den Accent betreffenden Aufgaben; aber die Individualitäten sind physisch und geistig doch verschieden. Die Klangfarbe der Accente bleibt bei aller Vollendung der Schule doch eine subjektive, und ein großer Reiz der Virtuosität liegt in der Verschiedenheit der geistigen und physischen Persönlichkeiten. Wer hätte nicht den machtvollen Aufschwung der Accente in der Liszt'schen Schule, den pikanten Reiz tänzelnder Rhythmen in Th. Kullak's Spiel den schönen declamatorischen und regulären klaren Accent Thalberg's, die edle Tonfülle Dreyschock's und seine im leisesten Spiel klar bleibenden zartsinnigen Accente als charakteristische Spielweise der Künstler überhaupt, bemerken müssen. Die Rubinstein'sche Accentuationsweise ist, wie sein ganzes Spiel, hinreissend, von der feurigsten Kraft, der zartesten Poesie, in Einzelheiten aber mitunter nicht getreu, zuweilen selbst nicht formell schön. Seine genial-schöpferische Reproduktion erzwang manchmal dem gewichtlosen Ton eine hervorragende Bedeutung. Hingegen kann man sich keine proportionirteren Accente denken, als in dem klar reflectirten Spiel Tausig's. - Schließlich darf die üble Gewohnheit, irreguläre und stechende Accente eines nicht zu billigenden Virtuoseneffektes halber, zu häufen, nicht unerwähnt bleiben, Das Effektvollste liegt im Wahren, nicht im Auffallenden.