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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 15

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1. Jeder Uebergang von tieferen Tönen zu höheren ist seiner ursprünglichen Idee nach eine Steigerung und erfordert das Crescendo.

Diese Regel bezieht sich auf Passagen wie auf Melodien. Die in die Höhe fahrenden Schritte der letzteren oder die aufsteigende Figuration der Passagen haben sehr verschiedene Ausdehnung. Die genannte Vortragsart findet sowohl bei kleinen als bei großen, ja größesten Dimensionen ihre Anwendung. Ist der Zug in die Höhe ein auf eine große Strecke vertheilter, so sind die einzelnen Theile desselben, die gleichfalls momentane Steigerungen enthalten, auch mit Crescendo zu versehen. Die Steigerung im Ganzen muß aber vorherrschen, und sind deshalb die einzelnen Anschwellungen ebenfalls in einem Verhältniß der Zunahme abzumessen. Die Senkungen von der Höhe in die Tiefe sind decrescendo vorzutragen.

Beispiele:

Adagio aus Beethovens Sonate Op. 27 Nr. 1.

[Notenbeispiel S. 322, Nr. 1: Beethoven, Klaviersonate op. 27,1 - 1. Satz]

Finale derselben Sonate

[Notenbeispiel S. 322, Nr. 2: Beethoven, Klaviersonate op. 27,1 - 3. Satz]

<323> Das Thema des ersten Satzes der Sonate pathétique Op. 13 hat für die Crescendo's treffende Beispiele. Selbstverständlich ist folgender Gang seines Herunterfallens halber decrescendo:

[Notenbeispiel S. 323, Nr. 1: Beethoven, Klaviersonate op. 13 - 1. Satz (1)]

Ein langes Crescendo findet in der weiteren Stelle derselben Sonate statt:

[Notenbeispiel S. 323, Nr. 2: Beethoven, Klaviersonate op. 13 - 1. Satz (2)]

Dasselbe hat im zehnten Takte seinen Gipfelpunkt, und hat der Spieler seine Kräfte wohl zu berechnen. Damit keine Ermüdung oder Ueberanstrengung sichtbar wird, ist in solchen Fällen ganz piano zu beginnen und mit großer Mäßigung die Kraftzunahme einzurichten. - In noch höherem Grade gilt dies im II. Theile des 1. Satzes der Beethovenschen C-dur-Sonate Op. 53 von der Stelle, welche nach dem Thema überleitet, in welcher der Baß folgende Figur hat:

[Notenbeispiel S. 323, Nr. 3: Beethoven, Klaviersonate op. 53 - 1. Satz]

Hier ist ein Crescendo auf 14 Takte zu berechnen, in welchem zwar nicht continuirlich gesteigert wird, da die rechte Hand ihre kurzen Phrasen im einzelnen zunehmen läßt, und jede neue wieder piano einsetzt. Im Ganzen muß aber doch die oben bezeichnete Steigerung so ausgedrückt werden, daß die einzelnen Crescendos immer stärker werden.

<324> Bei melodiösen Sätzen, welche eine brillant figurirte Begleitung haben, ist die letztere neben der Melodie, häufig sogar im Vordergrunde vor der letzteren, mit den in Rede stehenden Nüancen zu versehen (Chopin Op. 10 Nr. 12). Steht das Thema aber in der ersten Linie des Reizes, so muß die Begleitung unterdrückt [untergeordnet] behandelt werden und drängt sich sich nur hier und da mit ihrem psychischen Lebenszeichen hindurch. In den meisten Fallen schmiegt sie sich dem Vortrage des Themas in allen Nüancirungen an (z.B. Theodor Kullak: au bord d'un ruisseau Op. 73). Ist sie ganz schwacher und folienartiger Hintergrund, so enthält sie sich jeden Vordrängens und geht nur bei dem höchsten Aufschwunge der Melodie ein wenig mit in den Ausdruck der Leidenschaft ein. Sonst bleibt sie in einförmigem piano. -