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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 16

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Sechzehntes Kapitel. Das Accelerando und Rallentando.

<332> Die im vorigen Kapitel erörterten Vortragsschattirungen bezogen sich auf die Veränderungen der Kraft. Denselben entsprechen in bezug auf die Zeit das Rallentando und Accelerando, zu denen wir jetzt übergehen. Es bedarf kaum der Bemerkung, daß die begrifflich hiervon nicht unterschiedenen Ausdrücke wie Ritardando, Stringendo usw. keiner besonderen Besprechung bedürfen, sowie denn auch im Vorhergehenden die mit Crescendo und Decrescendo identischen Wörter nicht einzeln namhaft gemacht wurden. Es kommt bei der ganzen Vortragslehre auf begriffliche Anschauung an; es genügt nicht mehr die Vorschrift, der Spieler solle die Ausdrücke des Komponisten beachten und darnach vortragen. Er soll mit dem letzteren mitschaffen und empfinden, und steht er ihm auch nicht an produktiver Phantasie gleich, so soll er an ästhetischer Kritik sich ihm ebenbürtig zeigen. Die letztere ist ein gesondertes Recht jeder persönlichen Bildung, und von der Naturkraft schöpferischer Phantasie zu unterscheiden.

Die dem vorigen Kapitel vorangeschickte Einleitung gestattet, die jetzt in Rede stehenden Nüancirungen kürzer zu behandeln. Formellen und inhaltliche Bestimmungsgründe entscheiden auch hier über die Anwendbarkeit der letzteren.

Das Accelerando ist im Allgemeinen nicht so oft zulässig, als das Ritardando. Die Gründe werden sich aus dem Folgenden ergeben.

Die Bestimmungsursachen für beide sind, wie bemerkt, äußerlicher oder innerlicher Art. Entweder drückt der Inhalt einer Stelle Gefühlsbewegungen aus, die ein Langsamerwerden oder ein Beschleunigen fordern, oder die äußerliche Structur der Komposition <333> macht eine derartige Abweichung vom gleichmäßigen Tempo nothwendig. Das Prinzip der Abwechslung rein aus Gründen des sinnlichen Reizes würde sich gleichfalls den äußerlichen Motiven anschließen.

Was den Inhalt betrifft, so sei es gestattet, hier Worte von Czerny aus dessen Pianoforteschule [Op. 500] (III. Theil, S. 25) anzuführen. Für das Rallentando macht er folgende Eigenheiten der bezüglichen Stellen als Bestimmungsgründe namhaft: Sanfte Ueberredung, leise Zweifel, unschlüssiges Zaudern, zärtliche Klage, ruhige Hingebung, Uebergang aus einem aufgeregten Zustand in einen ruhigen, überlegende oder nachdenkende Ruhe, Seufzer und Trauer, Zulispeln eines Geheimnisses, Abschiednehmen usw. Für das Accelerando führt er an: Plötzliche Munterkeit, eilende oder neugierige Fragen, Ungeduld, Unmuth und ausbrechender Zorn, kräftiger Entschluß, unwillige Vorwürfe, Uebermuth und Laune, furchtsames Entfliehen, plötzliche Ueberraschung, Uebergang aus einem ruhigen Zustand in einen aufgeregten usw.

Zur näheren Berichtigung muß hinzugefügt werden, daß die Aufzählung solcher aus dem Leben sich in den Tönen abspiegelnder Vorgänge nicht erschöpft werden kann. Czerny giebt nur einige Beispiele. Es ist in Kurzem nur das festzustellen, daß die symbolisirende Kraft der Töne Gefühlsvorgänge und Lebensereignisse andeutet, welche auf der einen Seite ein Innehalten der Bewegung, auf der anderen ein Beschleunigen derselben gestatten und wünschenswerth machen. - Da aber das Material nicht frei von sehr erheblichen sinnlichen Ansprüchen ist, so darf die Einheit des Rhythmus im Ganzen durchaus nicht zu sehr der Veränderung unterworfen werden. - Die Tonmaterie muß ihre rhythmische Plastik, neben aller poetischen Inhaltlichkeit, bewahren. Es muß also im Ganzen taktische Einheitlichkeit herrschen, und die hier in Rede stehenden Nüancirungen haben eine etwas geringere Anwendbarkeit als die im <334> Vorigen namhaft gemachten. Damit ist aber nicht gesagt, daß sie in ihrem engeren Kreise nicht ein wesentliches Moment der musikalischen Schönheit ausmachen. Namentlich ist das Rallentando von so ausdrucksvoller Bedeutung, daß es fast in keinem Werke fehlt. Selbst die kleinste Komposition hat ein Plätzchen, wo es hinpaßt. - Wir geben zu den Hauptfällen aber, in denen zuvörderst das Rallentando angewendet wird.