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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 15

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<330> b) Die in Rede stehende Vortragsweise kann auch, abgesehen von dem besprochenen Grunde, als besondere Nüance bei verschiedenen anderen Höhen- oder Tiefenbewegungen angewendet werden. Am häufigsten wohl so, daß steigende Passagen am Anfange crescendo und gegen Ende decrescendo vorgetragen werden. Abgesehen von dem oben angedeuteten Prinzip der Abwechselung, welches zuweilen derartige Auffassungen ebenso zuläßt, wie die normale vorher in Nr. 1-5 erörterte Darstellungsregel, liegt ein eigenthümlicher Sinn in solchem Vortrage. Eine natürliche, zum Ausbrechen berechtigte Kraft, mildert sich plötzlich in ihrem Drange. Dies ist ein Zug von Grazie und Feinheit, der sich in allen Fällen da anwenden läßt, wo das ganze Werk mehr Eleganz und Zartheit athmet als Größe und Kraft, also in Notturnos, modernen Gedanken, die mehr raffinirte Kultur und Glätte aufzuzeigen haben. Aber auch klassische Werke werden sie zuweilen nicht ablehnen dürfen, wo ein besonders feiner, lieblicher Inhalt vorliegt. Das Maaßhalten im Losbrechen einer Kraftäußerung, deren Richtung der Hörer errathen kann, hat den Vortheil des Edlen, Ungewöhnlichen vor dem Natürlichen, das zuweilen solcher Vortragsweise gegenüber als das Ordinäre erscheint. - Man muß nun auch hierin nicht zu weit gehen, der modernen Sitte namentlich nicht zu viel einräumen, die zuweilen mehr auf gesuchten, hyperfeinen Vortrag ausgeht, als auf das Gesunde, Wahre.

Leitet eine steigende Passage zu einem Gedanken über, der eine besondere Zartheit im Vortrage beanspruchen darf, so ist das Abschwächen derselben in der Ordnung.

Beispiele:

Ein nicht geringer Theil der Hummelschen Coloraturen im Larghetto Op. 18, oder in den Mittelsätzen seiner Konzerte wird diesen Vortrag gestatten. Hummel ist so recht der Komponist, dessen nur halb gediegener aber noch keineswegs flacher Inhalt diese Wendungen <331> der Zartheit, man könnte sagen Zärtlichkeit, gestattet. Wir führen absichtlich die früher citirte Stelle an, die nunmehr auch diese Schattirung erhalten kann:

Hummel Op. 18.

[Notenbeispiel S. 331, Nr. 1: Hummel, op. 18]

Folgende Stellen erhalten wegen der Uebertretung zu leisen Gedanken das decrescendo:

Beethoven Op. 10 Adagio molto.

[[Notenbeispiel S. 331, Nr. 2: Beethoven, Klaviersonate op. 10,1 - 2. Satz]

Beethoven Op. 31 Es-dur-Sonate, erster Satz.

[[Notenbeispiel S. 331, Nr. 3: Beethoven, Klaviersonate op. 31,3 - 1. Satz]

Diese Andeutungen für eine der allerwichtigsten Färbungen des Vortrags mögen genügen. Ganz erschöpfen läßt sich das Kapitel wohl kaum. Aber die angeführten Hauptgründe einer geschmackvollen Abwechselung, einer verständigen Symbolisirung von Gefühlsregungen, geleitet von dem Allgemeingeiste und dem einheitlichen Charakter der Komposition, bleiben wohl ausreichend, wenn ihre Bewähr in alle Unterfälle auch nicht bis zu Ende verfolgt werden kann.