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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 17

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Ueber alle Anschlagsfarben ist im Allgemeinen folgendes noch festzustellen. -Zweck um ihrer selbst willen können sie 1. nur in Etüden sein, welche der Bildung halber gespielt werden; 2. in derjenigen Gattung von Musik, welche nicht den psychischen, sondern den sinnlichen Inhalt zu ihrer Aufgabe macht. Wo das Gehör sich also weniger denkend und sich vertiefend ergötzen will, muß der Spieler die rein mechanische Eleganz vorwiegen lassen. Die durch Thalberg eingeführte Salonliteratur, besonders seine eigenen Werke, wechseln mit diesen Klangfarben der sinnlichen Mannigfaltigkeit halber. - Die ältere Salonmusik kennt diese Reizfülle nicht - ihr gegenüber muß die neuere geschätzt werden.

Zweck um eines höheren Inhaltes willen zu sein, ist allerdings <355> die edlere Bestimmung der Anschlagsfarben. Es ist dringend zu warnen, inder Auffassung das sinnlich Schöne der letzteren zuerst in der Phantasie Platz nehmen zu lassen. Die Bedeutung der Töne, das echt musikalische Denken muß den Sinn beschäftigen, und in zweiter Linie mag da die Geschmeidigkeit der modernen Handbildung mit allen ihren Vortheilen zur Verfügung stehen. Der sinnliche Reiz wird in seiner ganzen Fülle zur Anwendung kommen - aber wo die Auffassung nicht von der innersten Erwärmung am Inhalt ausgeht, wird solch mechanisches Material geradezu Schaden bringen können.

Wer Beethovens G-dur-Sonate Op. 14 spielt und bei der Oberstimme folgender Stelle:

[Notenbeispiel S. 355, Nr. 1: Beethoven, Klaviersonate op. 14,2 - 1. Satz]

nur an den Handgelenkanschlag denkt, nicht aber die zarte jungfräuliche Innigkeit dieser bittenden fünf Noten d empfindet, wird dem Klange nicht den richtigen Charakter geben. Der Geist muß vorangehen; in seinem Dienste gereicht die moderne Schulung zum Segen; wo er aber durch das vorwiegende Interesse für die letztere verloren gegangen ist, hat sie Schaden gebracht.

Gleiches gilt z.B. von den letzten Akkorden der ersten Passage des Thema's im Finalsatze der Cis-moll-Sonate. Wer da bloß an den Armanschlag denkt, und nicht von einem poetischen Bilde ausgeht, etwa von einer Wogenmasse, die, immer mächtiger gegen einen Felsen heranrollend, sich an ihm zersplittern muß, der weiß nichts von der Aufgabe künstlerischer Auffassung. -

<356> Reiner, übersinnlicher Gedanke ist die Musik nicht, - die Materialität ist ihr nicht wegzuleugnen - aber es ist ein Unterschied, ob der Glanz dieser Materialität bloß deren formelle Umrisse leuchten läßt, oder ob er in seinem Lichtkreise Gestaltungen höherer Sphären erkennen läßt. Nur der elementare Schüler oder der elementare Virtuose (es giebt auch solche) hat bei allem die mechanische Schulung zum ersten und letzten Gedanken gemacht. Dieser Standpunkt kennzeichnet die Schülerhaftigkeit im ächten Sinne; ihn zu überwinden muß das höchste Streben des Lernenden sein.

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