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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 17

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4. Hiermit sind wir dem vierten Falle bereits nahe getreten. - Das Pedal hat die Eigenthümlichkeit, dem Klange etwas Verschwebendes mitzutheilen. Schon der einzelne Ton, mit Pedal gespielt, <361> klingt anders als ohne Pedal. Dieser Eindruck steigert sich um ein Bedeutendes, wenn dasselbe durch eine fortlaufende Tonfolge hindurch niedergedrückt bleibt. Das Unbestimmte, Verschwimmende, welches damit dem Klange verliehen wird, hat seinen unleugbaren, poetischen Reiz ;nur muß man vorsichtig mit solchen Effekten umgehen, da ein Mißbrauch sie leicht trivial macht und andererseits die Sauberkeit stört. Hochliegende Partien, namentlich im piano, vertragen das Pedal noch am häufigsten. Doch ist es auch in tiefen Stellen zuweilen unentbehrlich, wie z.B. im Finale der letzten Sonate [Op. 111 von Beethoven]:

[Notenbeispiel S. 361, Nr. 1: Beethoven, Klaviersonate op. 111 - 2. Satz]

Aus dunklem, durch seine Eintönigkeit melancholischem Hintergrunde tauchen zerrissen einzelne Laute wie unstäte Visionen auf; das Ganze ist so verschwommen, so phantastisch, so dem bestimmt Sinnlichen entrückt, daß es das Gefühl unwillkührlich in überirdische Sphären führt. Auf diese acht Takte folgt nun im höchsten Diskant ein ähnliches Flüstern und Lispeln, wie Antwort von Geisterhauch. - An solchen Stellen ist das Pedal, der poetischen Malerei halber, an seinem Orte. Ein ähnliches Beispiel findet sich in der Bagatelle Nr. 4 des dritten Heftes Op. 126 von Beethoven gegen Ende des Mitteltheiles in H-dur. Die letzten dreizehn Takte erhalten das Pedal; ein und derselbe Baß geht durch alle diese Takte hindurch; die rechte Hand spielt eine immer schwächer werdende Figur. Das Ganze muß verschwimmen - es gleicht einem Traumbilde, welches die Seele über Haide und Wald bei einer idyllischen Szene <362> vorbeiziehen läßt, in welcher Reminiszenzen von Dudelsack und Pfeife auftauchen - das Ganze verfliegt - es war eine Jugenderinnerung der darauf folgende Theil in H-moll atmet einen gebrochenen Humor.

Im Allgemeinen ist noch über das Pedal zu bemerken, daß seine Anwendung jetzt - und dies mit Recht - sparsamer vorkommt als in jener Zeit des Thalbergianismus, wo ganze Kompositionen auf seiner Wirkung beruhten. Chopin nimmt es ohne Frage zu häufig. Beethoven soll es sehr geliebt haben; seine C-dur-Sonate Op. 53 im letzten Theile ist wesentlich darauf berechnet und für dasselbe komponiert worden. - Das Aesthetische ist aber über das Historische zu stellen, und auch für Beethovens Kompositionen ist im ganzen ein nur sparsamer Gebrauch des Pedals zu empfehlen. In der Cis-moll-, F-moll-, D-moll-Sonate dürfte es noch die häufigste Anwendung erfahren.