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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 17

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In der ihres feinen Vortrages wegen hier so oft zitierten ersten Bagatelle von Beethoven kommt folgende Stelle vor:

[Notenbeispiel S. 364, Nr. 1: Beethoven, Bagatelle op. 33,1]

Dieselbe ist in der so gegebenen Wiederkehr derselben Figur monoton; erhält die zweite Figur die Verschiebung, so bekommt sie den Reiz der Abwechselung. Die Phantasie zaubert aus der Fülle ihrer Vorstellungen sogleich ein Echo, oder eine Antwort, eine dialektische Beziehung zweier sich verständigenden Stimmen, in den Inhalt dieser Stelle.

<365> Ein anderes Beispiel findet sich am Ende des ersten Themas der C-moll-Sonate Op. 10. Hier kommt dreimal dieselbe Figur vor; Beethoven will sie zwar ebenso oft stark haben. Früher angegebenen Gesetzen zufolge kann aber auch ein Decrescendo eintreten. Indem wir uns zu dieser noch feineren Vortragsweise hinneigen, würde die Stelle so zu spielen sein:

[Notenbeispiel S. 365, Nr. 1: Beethoven, Klaviersonate op. 10,1 - 1. Satz]

Beim Decrescendo ist der Uebergang in die Verschiebung geschickt zu machen, nämlich so, daß die letzten Töne der Passage ohne Verschiebung piano genommen werden, der Eintritt in die Verschiebung aber ein wenig stärker, so daß die ersten Töne in diesem Pedal den letzten des vorhergehenden Registers etwa noch gleich klingen und allmälig erst zum leisesten Klange abgeschwächt werden. -

Stücke von poetischer Malerei, wie z.B. der "Abendwind" von Th. Kullak, die Einleitung zur elften ungarischen Rhapsodie von Liszt vertragen die Vereinigung beider Pedale, ebenso die nach der oben zitierten Stelle aus Beethoven Op. 111 eintretende hinflüsternde Diskantpassage. - Eine lichte Geisterregion antwortet einer dunklen.

In anderen Fällen ist die Verschiebung nicht gerade nothwendig, ihre Anwendung kann aber auch nicht getadelt werden; dahin gehört so manche der Lisztschen zarten perlenden Passagen (z.B. in au bord d'une source); auch folgende Stelle aus Beethovens Es-dur-Sonate Op. 31 kann so vorgetragen werden:

[Notenbeispiel S. 365, Nr. 2: Beethoven, Klaviersonate op. 31,3 - 1. Satz]

<366> Kompositionen, die über eine Figur gearbeitet sind, werden als Abwechselungsmittel stellenweise die Verschiebung benutzen dürfen und ist zuweilen selbst ein plötzliches Uebergehen in das leiseste piano von guter und malerischer Wirkung, wie z.B. auf der dritten Reihe S. 6 in des Verfassers Etüde Lore-Ley, Op. 2.

In der Benutzung der Pedale liegt, wenn sie geschickt geschieht, ein wesentliches Mittel, den Klavierton zu modificiren, und muß hier Dreyschock's, als eines meisterhaften Vorbildes, gedacht werden. - Bemerkenswerth ist, wie derselbe dem Gesange einen Ausdruck von großer Klangschönheit, in einer von der bisherigen Manier abweichenden Weise, dadurch zu ertehilen wußte, daß er die mit der Federkraft des Fingers (wie er sich ausdrückte), und mit dem Handgelenk zugleich angeschlagene Singnote nicht sogleich mit dem Dämpferpedale unterstützte, sondern das letztere einen Moment nach dem Anschlage erst andrückte. Hierdurch wurde das Mitsummen der Begleitung, welches oft dem Gesange schadet, verhindert, und die von der stärkeren Betonung noch vibrirende Saite der Singnote erhielt vom Pedale noch so viel, um weithin eine liebliche, schwebende Tonfarbe auszubreiten. So wirkte das hohe fis auf der ersten Seite des Fis-dur-Notturnos von Chopin Op. 15 Nr. 2, welches dabei noch mit der Verschiebung gemildert wurde. -

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