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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 17

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Das einfache piano schattirt das rein Schöne durch ein sinnlich wohltuendes Reizelement zum Lieblichen, Sanften, Anmuthigen, Zarten, Graziösen, und wird, falls es auf ganze Tonwerke angewendet werden soll, den allgemeinen Grundton in dieser Farbe voraussetzen müssen. - Besonders ist es eine unentbehrliche <369> Eigenschaft des Graziösen, indem es das Gewicht und die Schwere der stärkeren Tonmassen aufhebt und Leichtigkeit an ihre Stelle setzt. Mendelssohn und Mozart werden daher am häufigsten das einfache piano in ganzen Tonsätzen anwenden können. - Als Gegensatz zum forte ist es als Mittel der Abwechselung von derselben Wichtigkeit wie decrescendo und crescendo, wie rallentando und accelerando. Zwei gleiche oder ähnliche Stellen werden in der Mehrzahl der Fälle das erste Mal forte, das andere Mal piano, bei besonderem dramatischen Inhalt wohl auch umgekehrt vorgetragen; noch mehrere ähnliche Figuren wechseln mit diesen Schattirungen. - Der Spieler muß bei Werken, die sich in einer mittelbedeutenden Inhaltlichkeit bewegen und weder zu vorherrschendem forte noch piano hinneigen, in einer feingefühlten Abwägung diese Farben vertheilen, und es kann sich ereignen, daß er von dem vorgezeichneten Vortrage abweicht, ohne zu verstoßen. - Wer z.B. die beiden Passagen gegen Ende des ersten Theiles im ersten Satze der F-moll-Sonate Op. 2 von Beethoven stark gespielt, und besonders in das Ende der zweiten

[Notenbeispiel S. 369, Nr. 1: Beethoven, Klaviersonate op. 2,1 - 1. Satz (1)]

einen starken Ausdruck gelegt hat, ist vollkommen im Rechte, den folgenden Gedanken

[Notenbeispiel S. 369, Nr. 2: Beethoven, Klaviersonate op. 2,1 - 1. Satz (2)]

<370> zart vorzutragen, obgleich der Komponist con espressione hingesetzt hat, um erst die Wiederkehr dieses noch zweimal sich wiederholenden Gedankens zu steigern. - Nach dem Prinzip der Abwechselung, der unbedingten Vermeidung der Monotonie, sind solcher Auffassungen bei einem und demselben Werke oft mehrere gleichberechtigt. - Der empfangende Gehörssinn ist befriedigt, wenn er in der Vertheilung der Stärkegrade eine proportionirte Abwechselung wahrnimmt. Es wäre z.B. auch nicht unrichtig, bei obigem Beispiel die zweite dem Schlußgedanken vorangehende Passage piano zu spielen und die letztere, der Beethoven'schen Vorzeichnung gemäß, forte vorzutragen. Dann müßte aber dessen Wiederkehr umgekehrt, nämlich decrescendo behandelt werden.

Es bedarf keiner Hinzufügung, daß Werke von präciserem Inhalte nicht unter der eben ertheilten Regel stehen, sich ihr wenigstens in dem Grade entziehen, als der in ihnen liegende Ausdruck bestimmt ist. - Der letzte Satz der F-moll-Sonate Op. 57 gestattet in allen Fällen nur eine Auffassung.

Das pianissimo ist zum Theil bei der Besprechung des Verschiebungspedales erledigt. Damit ist natürlich nicht gesagt, daß diese Klangfarbe nicht auch ohne Hülfe dieses Pedales gebildet werden könnte. Im Gegentheil hat der gute Spieler seine mechanische Meisterschaft durch ein hingehauchtes Spiel ohne jegliche Pedalhülfe zu bewähren.

Das pianissimo ist analog dem Schmelz de Farbe in der Malerei, welcher die Mateialität der Körper durch eine Art Leuchten in den Aether hineinzuziehen und dadurch zu vergeistigen scheint. (Vergl. Hierüber Vischer § 670.)

Weitreichende Verbreitung hat daher die Redensart gefunden: "der oder jener Vortrag habe mehr Poesie als der eines anderen Spielers", wofern nämlich der erstere sich in der eben besprochenen Klangfarbe hält, der letztere aber die mittlere Tonart wählt. - <371> Solche Phrasen haben aber eben so viel Berechtigung in einer Art, als sie in der anderen zu weit gehen können. Ein Spieler, welcher passende Stellen herausfindet, um diesen feinen Klangduft über sie auszubreiten, hat wohl mehr Geschmack als ein anderer, dessen Sinn auf solche nicht aufmerksam geworden ist; es ist aber nicht außer Acht zu lassen, daß, wo Technik und geschickte Anwendung der Verschiebung mit Leichtigkeit die in Rede stehene Tonfarbe einmal zu bilden wissen, solch ein Mittel ein wohlfeiler Reiz ist, der eben so viel schaden kann, als er im vorigen Falle nützte.

Der Effekt des pp sei also mit Ueberlegung angewendet. - Ein Wechsel von p und pp ist allerdings das Feinste, was die Klaviertechnik geben kann.

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