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Kullak: Ästhetik des Klavierspiels - Kap. 18

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Zwei Komponisten stehen an der Spitze der Literatur, und das Pianoforte mag stolz darauf sein, von dem Einen das Schönste, von dem Andern einen Theil seines Besten in seinem Besitz aufzuweisen: Der Erste ist Beethoven, der Andere Bach. Sie unterscheiden sich in der Weise, wie die Poesie des Dogma von der des eigenen Erhebens über die irdische Welt. Bach ist der von jenem erfüllte Dichter, und darum charakterisirt ihn die festgefügte, plastischformende Stylweise, die Erhabenheit und Innigkeit, die Frömmigkeit, die ungetheilte innere Einheit. Beethoven schafft in eigener Brust die Sphären der Ewigkeit, in den aufgewühlten Tiefen seines Herzens eine überirdische Welt. Die hiermit zusammenhängende Stimmung ist die Erhabenheit, die Melancholie, die Wehmuth. - Psychologisch <382> consequent reiht sich der Humor daran - die Größe des Schmerzes, der Ernst seines in sich gekehrten weltumfassenden Gemüthes reibt sich auf, wenn er nicht über sich selbst und über diese ganze irdische Nichtigkeit lacht.

In diese Stimmungen einzudringen, jede an geeigneter Stelle zu verstehen, und in alle Einzelheiten die Allgemeinheit des Seelenbildes herauszufinden - für das Ganze sich warm zu begeistern - dies ist die Aufgabe des darstellenden Spielers. Wo das innere Verständniß receptiv gewonnen ist, da nur kann in der reproductiven Wiedergabe Richtiges geleistet werden. - Nach jenen beiden Gipfeln hinanzustreben ist die schönste - und ernsteste Pflicht des Spielers. Von solcher Höhe - von dem Verständniß eines Beethoven und Bach - schaut es sich leicht herab auf die niederen Geister - ihre Erfassung ist Spielarbeit.

Der Spieler begeistere sich am Höchsten, versage seine Liebe und seine Vertiefung aber auch nicht den anderen Sphären der Literatur. Auch eine schöne Sinnlichkeit ist ein berechtigtes Moment. Das perlende Tonelement ist ein dem Klaviere einzig zufallender Reiz - die vielen anderen Tonfarben haben zwar nimmer die Wirkung der orchestralen Mannigfaltigkeit, ersetzen aber durch den Gedanken der virtuosen Geschicklichkeit - einer Art Geistigkeit, in welche das Orchester nicht eindringt - und durch Feinheit des Reizes Vieles.