Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Übersicht Mattheson, Vollkommener Capellmeister Startseite  

Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 1

Erster Theil. Welcher die wissenschaftliche Betrachtung der zur völligen Ton=Lehre nöthigen Dinge begreifft.

1. Von einem allgemeinen Grund=Satze der Music. [§. 1-12]

<1> [...]

<2>§. 6. Wir halten demnach unmaaßgeblich dafür, daß der allgemeine [FN: ...] Grund=Satz der gantzen Music, auf welchem die übrigen Schlüsse dieser Wissenschaft und Kunst zu bauen sind, in folgenden vier Wörtern bestehe:
Alles muß gehörig singen.

§. 7. Unter dem Wörtlein gehörig, als worauf die meiste Stärcke dieses allgemeinen Grund=Satzes ankömmt, begreiffen wir hieselbst, wie leicht zu ermessen, alle angenehme Umstände und wahre Eigenschafften des Singens und Spielens, sowol in Ansehung der Gemüths=Bewegungen, als Schreib=Arten, Worte, Melodie, Harmonie, u.s.w.

§. 8. Wenn, z.E. in Mittel=Parteien viele künstliche Manieren und Verbrämungen angebracht werden wollten, so gehörte sich solches von Natur nicht, sondern würde dem vornehmsten Satze, alles Singens ungeachtet, mit Unrecht Eintrag thun. So ist auch von den übrigen Erfordernissen zu urtheilen.

§. 9. Auf sothanem Haupt=Grund=Satze beruhet der gantze Zweck des musicalischen Wesens, und es fliesset daraus, gleichsam als aus der reinen Quelle, alles folgende nothwendig. Nehmlich:

Daß man zu solchem Singen einen vorgängigen Unterricht von dem Wesen der Ton Lehre haben, und
Daß der Klang, nach seiner Natur, untersuchet werden müsse.
Daß es dabey nöthig sey, die Geschichte der Music einzusehen;
Ihren Gebrauch und Nutzen im gemeinen Wesen,
Die dazu erforderliche Leibes=Stellungen,
Die Intervalle, nach ihrer Maasse oder Gestalt,
Die Zeichen der Klänge,
Die Ton=
und
Die Schreib=Arten der Setz=Kunst wol zu verstehen.

§. 10. Es folget, daß man sehr wol unterrichtet seyn müsse

Von der Pflegung menschlicher Stimme;
Von den besondern Eigenschafften eines Music=Vorstehers;
Von der eigentlichen, zierlichen Singe=Kunst;
Von der Erfindung eines Gesanges;
Von der Melodie und deren Verfertigung;
Von des Klanges Länge und Kürtze;
Von der Zeit=Maasse; Vom Nachdruck im Gesange;
Von dessen Ab= und Einschnitten;
Von den zur Melodie bequemen Reim=Gebänden;
Von der Wörter Eigenschafft und Laut;
Vom Unterschied der Sing= und Spiel=Melodien;
Von den Gattungen derselben;
Von ihrer Einrichtung, Ausarbeitung und Zierde
.

§. 11. Ferner sol man auf das gründlichste kennen

Die Harmonie;
Die Bewegung der Stimmen;
Die Consonantzen nach ihrem Gebrauche;
Den Einklang, in der Zusammenstimmung;
<3> Die Tertz und ihre Folge;
Die Quint samt ihrer Folge;
Die kleinen und grossen Sexten
, in eben dem Verstande;
Die Octave;
Die Dissonantzen, mit ihren Auflösungen;
Die unharmonischen Queer=Stände;
Die Secunde
, ins besondere;
Die Quarte;
Die kleine Quinte;
Die Sept;
Die None
iede nach ihrem mannigfaltigem Gebrauch.
Die Nachahmung, und wie umzugehen sey
Mit zwo=stimmigen und
Mit drey=stimmigen Sätzen;
Mit gebrochenen Accorden;
Mit vier= und fünfstimmigen Sachen;
Mit Fugen;
Mit Circkel=Melodien;
Mit dem doppelten Contrapunct und
Mit den Doppel=Fugen. Endlich auch soll man wissen, was da gehöre
Zum Orgel=Bau;
Zum Instrument=Spielen und
Zur An= Auf= Ausführung und Vollziehung einer Music.

§. 12. Dieses zwar kurtzgefaßte doch allerwichtigste Haupt-Stück wird zugleich eine richtige Einleitung zum gantzen Wercke abgeben.