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Übersicht Mattheson, Vollkommener Capellmeister Startseite  

Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 10 [Seite 2 von 20]

10. Von der musicalischen Schreib=Art. [§. 1-120]

Allgemeines

Einführung

<68> §. 1. Weil die besondre Anwendung und Zusammenfügung gewisser Wörter, Redens=Arten, Ausdrücke und Formalien, sowol in heiliger Schrifft, als im Gericht, bey Hofe, in Kantzeleien, auf Lehr=Stühlen, in Briefen und täglichem Umgange einen mercklichen Unterschied des Styls, es sey im reden oder schreiben, hervorbringt: so stehet leicht zu erachten, daß die Ton=Kunst, da sich ihr Nutz und Gebrauch über Gottes=Häuser, Schaubühnen und Zimmer erstrecket, nothwendig auch, durch dergleichen Anwendung und Zusammenfügung gewisser Klänge, Gänge, Fälle, Zeit=Ordnungen und Geltungen, in ihrer Schreib= und Setz=Art, sehr verschieden seyn müsse.

§. 2. So leicht nun einem ieden solches in die Augen fällt, und so sehr es einem Componisten obliegen sollte, diese Sache vor allen andern wol zu untersuchen, sich einen deutlichen Begriff davon zu machen, und hernach selbst, mit Verstande und Unterschied, die Ausübung darüber anzustellen; so wenig finden wir, daß diejenigen, welche die Noten=Feder kühnlich zu ergreiffen und zu führen sich gelüsten lassen, hievon den gehörigen Unterricht haben; sondern ohne selbst zu wissen, in welchem Styl sie auch nur arbeiten wollen, alles, wie Kraut und Rüben unter einander hacken: weil dieser Punct in ihren Lehr=Büchern nur gantz sparsam berühret; nirgend aber gehörig aus einander geleget und deutlich ausgeführet worden ist.

§. 3. Nun ist zwar in der zweiten Eröffnung des Orchesters von gegenwärtiger Materie bereits eins und anders vorgetragen, welches hiebey aufs neue mit zu Rathe gezogen werden kan: allein wir dürffen deswegen doch keinen Anstand nehmen, ein mehres davon, dieses Orts, zu melden. Denn es finden sich noch so viele nöthige Dinge disfalls zu erinnern und die Styl=Wissenschaft ist so wichtig, auch von so wenigen bisher eingesehen, daß nicht leicht zu weitläuffig davon gehandelt werden mag.

§. 4. Marco Scacchi, ein berühmter welscher Ton=Künstler seiner Zeit, und dreissigjähriger Capellmeister zweer Könige in Polen, Sigismunds I. und Uladislas IV. deren erster auch zugleich Schweden beherrschte, bekräfftiget in einem mit der Feder geschriebenen, ungedruckten <69> Buche, welches auf dem öffentlichen Hamburger Bücher=Saal zu St. Johannis befindlich, und an den damahligen Cantoren in Dantzig, Christian Werner, gerichtet ist, daß die Eintheilung aller musicalischen Schreib=Arten in drey [FN: ...] Classen, nehmlich in Kirchen= Theatral= und Kammer=Styl nicht nur ihre völlige Richtigkeit habe; sondern auch nothwendig also, und auf keine andre Haupt=Weise, gemacht werden könne noch müsse, ungeachtet man dieselbe drey Schreib=Arten wol auf verschiedene Neben=Arten ausdehnen und betrachten möge.

§. 5. Damahls aber, etwa vor hundert Jahren, hat der Kirchen=Styl nur vier schlechtunterschiedene Gattungen unter sich begriffen; der Kammer=Styl hatte deren drey, und der theatralische wollte sich noch gar nicht theilen lassen, sondern blieb einfach; daß man also mit Mühe nur acht Neben=Arten berechnete. Man kan nun leicht dencken, daß sich, seit der Zeit, viele Veränderungen in diesen Dingen zugetragen haben, und die Anzahl vermehret worden ist. Ob aber solcher Zuwachs künfftighin noch weiter gehen werde, solches wollen wir der Nachwelt zu erleben gerne überlassen: genug, daß die Haupt=Eintheilung ihren Grund und Gewißheit, ohne allen Zweifel stets behaupten wird, und auch alle neue Neben=Aeste sich vermuthlich leicht auf obige drey Classen beziehen dürfften.