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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 10 [Seite 3 von 20]

Die Stilebenen: Hohe, mittlere und niedrige Schreibart

§. 6. Was inzwischen das so genannte hohe, mittlere und niedrige in allen Schreib=Arten betrifft, so ist solches in dem Verstande allgemein, wenn dieses Wort Commun, nicht wenn es General bedeutet: maassen dergleichen Eigenschafften einem ieden vorausgesetzten Haupt=Styl in der musicalischen Setz=Kunst, nehmlich, dem geistlichen, weltlichen und häuslichen, wie Gattungen ihren Geschlechtern, allerdings angehören. Es sind nur Neben=Dinge und zufällige Ausdrücke, die das hohe, mittlere und niedrige anzeigen; man muß sie bloß als Unter=Theile ansehen, die für sich selbst keinen Kirchen= Theatral= noch Kammer=Styl ausmachen können: Denn alle und iede Ausdrücke, sie mögen was erhabenes, mäßiges oder geringes begreiffen, müssen sich unumgänglich nach obbesagten dreien vornehmsten Geschlechtern der Schreib=Art, mit allen Gedancken, Erfindungen und Kräfften, als Diener nach ihren Herren, ohne Ausnahm richten.

§. 7. Der Begriff ist falsch, wenn man meinet, das Wort Kirche &. werde hier nur, in Ansehung des blossen Orts und der Zeit, zur Eintheilung der Schreib=Arten gebraucht; es verhält sich gantz anders, nehmlich in Absicht auf den GOttes=Dienst selbst, auf die geistlichen Verrichtungen und auf die eigentliche Andacht oder Erbauungs=Sachen, nicht auf das Gebäude oder die Wände des Tempels: denn, wo GOttes=Wort gelehret und gehöret wird, es sey singend oder redend, da ist unstreitig GOttes=Haus. Als Paulus zu Athen predigte, da war der Richtplatz, und zu Epheso der Schauplatz seine Kirche.

§. 8. Eben also ist es auch mit dem Theatro und der Kammer bewandt: weder Ort noch Zeit kommen hiebey besonders in Betrachtung. In einem Saal kan sowol ein geistliches Stück, als ein Tafel=Concert aufgeführet werden: darum ists gut, wenn wir den Kammer=Styl durch das Beiwort, häuslich, erklären, im Fall die Absicht auf sittliche Dinge und Materien gerichtet ist, so wie der Sitten=Lehrer, Sirach, in eben dem Verstande ein Haus=Lehrer heißt; nicht wegen der Häuser, wegen Zeit und Orts, sondern wegen des besondern oder Privat=Unterrichts in guter Zucht und Sitten.

§. 9. Auf einer Schaubühne kan ja auch was geistliches vorgestellet werden, und solches ist gar offt geschehen; man mag daselbst eben sowol ein Concert aufführen, als in der Kammer: was wollen denn Zeit und Ort zu dem Wesen der Dinge hiebey thun? Derowegen erläutern wir den dramatischen Styl durch das Beiwort, weltlich, wenn nehmlich die Absicht auf weltliche Geschäffte und Geschichte natürlicher sich selbst gelassener Menschen gerichtet ist, die immer unter sich Lust= oder Trauerspiele nach einander vorstellen.

§. 10. Aber das Hohe auf dem Schau=Platz ist doch gantz anders beschaffen, als das Hohe bey einer <70> Tafel=Music u.d.gl. Wiederum muß auch ein heiliger Eifer lange nicht so ausgedruckt werden, als der Zorn eines Tyrannen &. Die göttliche Majestät, die himmlische Pracht, Wonne und Herrlichkeit sind, mit der dazu freilich erforderten hohen Schreib=Art dem geistlichen Haupt=Styl unterworffen. Andacht, Gedult &. gehören, samt ihrer vermeinten mittlern Schreib=Art, eben dahin, nehmlich in die Kirche, d.i. zum GOttes=Dienst Reue, flehentliches Bitten &. in der ihnen zukommenden niedrigen Schreib=Art, stehen gleichfalls unter eben dasselbige Panier, und diese dreierley Eigenschafften zusammen müssen dem Kirchen=Styl sowol, als dem dramatischen und häuslichen, iedem ins besondere, zu Gebote stehen.

§. 11. Ich mag, kan und bin verbunden in allen dreien, auf gewisse Weise, das ist, auf solche Weise, wie es Kirche, Kammer, und Saal nach der gegebenen Erklärung vorschreiben, hoch, mittelmäßig und niedrig zu verfahren: welches nur zufällige, und keine wesentliche Umstände des Styls und seines Unterschieds sind; sintemahl aus keiner eintzigen dieser drey Eigenschafften allein weder ein Kirchen=Stück, noch eine Oper oder ein Concert iemahls gemacht werden kan; dahingegen manches gutes Werck, allerhand Art, zum Stande gebracht wird, ohne daß jene zufällige Ausdrückungs Weisen alle drey dabey etwas zu thun finden.

§. 12. Von der dramatischen Dicht=Kunst wissen wir, seit den Zeiten des Horatz, daß bisweilen die Lust=Spiele [FN: ...] zur Höhe der Trauer=Spiele hinaufsteigen, und doch ihr eigentliches theatralisches Abzeichen dadurch nicht verlieren. Also machen mehr erwehnte Eigenschafften nimmer einen eintzigen Haupt=Styl aus. Falls aber, wie zu hoffen ist, die gesunde Vernunfft noch was gelten soll, so stehet wol fest, wenn drey Dinge unter einem begriffen werden können, daß alsdenn dieses eine für das grösseste, vornehmste und Haupt zu achten sey.

§. 13. Ob wir nun gleich den Rednern gerne ihre Ordnung [FN: ...] lassen, und eben keine genaue Untersuchung anstellen wollen, wie fest sie mit ihren hohen, mittlern und niedrigen Stylen in der wahren Abtheilungs=Kunst gegründet sind; so können doch unsrer musicalischen Schreib=Art aus solchen rednerischen Vorschriften keine unwiedersprechliche Befehle erwachsen: indem die Ton=Kunst viel mehr Theile hat, als die Dicht= und Rede=Kunst. Daher gantz gewiß eine andre Rechnung herauskommen würde, wenn man alles reiflich erwegen und genau zerlegen wollte.