Home | Impressum
KölnKlavier · Themen
Übersicht Mattheson, Vollkommener Capellmeister Startseite  

Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 10 [Seite 4 von 20]

Stilebenen des Tanzes

§. 14. Zum Tantzen gehöret die hohe, und mittlere Schreib=Art eben sowol, als die niedrige: dem Schau=Platze, der Kirche, der Kammer, in rechtem Verstande genommen, sind sie, wie wir betrachtet haben, alle drey unterworffen, gewidmet und bedienet, einfolglich nur in solcher Bedeutung allgemein, indem diese drey Knechte zur Zeit dreien Herren gehorchen müssen; sie herrschen aber nirgend, als Meister, sondern müssen dem Winck der vorhabenden Materie, Leidenschafft, Verrichtung &. sie mögen geistlich, weltlich oder häuslich seyn, allemahl nachleben. Kirche, Schau=Platz und Kammer richten sich nimmer nach den hohen, mittlern oder niedrigen Ausdrückungen; diese aber sollen und müssen sich nach jenen beständig bequemen, thun es auch gerne, wenn man sie nicht durch irrige Meinungen verleitet.

§. 15. Die meisten Eigenschafften einer Melodie, daß sie nehmlich neu, lebhafft, nachdrücklich, den vorzustellenden Sachen oder Gemüths=Bewegungen ähnlich sey &. werden nicht nur im hohen, sondern auch in den beiden übrigen Schreib=Arten oder Unter=Stylen erfordert, und geben also kein besonderes Kenn= oder Abzeichen, keinen eigentlichen Character. Alle und iede Vorträge müssen im Verstande und Klange, im Sinn und in den Worten, nothwendig mehr oder weniger nachdrücklich seyn; sonst gelten sie gar nichts. Dannenhero mag der Nachdruck, weil er allenthalben hervorragen muß, eben so wenig ein eigenes Zeichen des hohen, als der übrigen beiden Schreib=Arten abgeben: denn er gehöret allenthalben zu Hause.

§. 16. In den gewöhnlichsten Tantz=Arten, so wie überall, muß, nebst dem bekannten und deutlichen, was neues, lebhafftes, nachdrückliches und mit dem vorhabenden Affect übereinstimmendes gefunden werden. In den vornehmsten Täntzen äussert sich auch bey ihren Melodien <71> selbst die Pracht und Majestät; ja in den allergeringsten Menuetten darff doch weder Schönheit noch Anmuth fehlen.

§. 17. So verhält sichs durchgehends, und es kömmt die Haupt=Eintheilung der Schreib=Art gar nicht auf das hohe, mittlere und niedrige an; sondern diese Eigenschafften sind, wie wir erwiesen haben, den geistlichen, weltlichen, und häuslichen Verrichtungen oder ihren Vorstellungen unterthan. Was sich demnach einem andern zu Gefallen bequemet, wie das hohe, mittlere und niedrige im Ausdruck sich unaussetzlich nach unsern dreien Haupt=Classen richten muß, das kan ja zu keinem generalen Unterwurff gebraucht werden; wol aber zu einer Beihülffe: es kan kein Grund=Satz heissen, weil es nur ein Mittel ist, darnach sich das gantze Gebäude nicht ein= oder austheilen läßt: weil es seine eigene Lage hat.