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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 10 [Seite 5 von 20]

Die Natürlichkeit der Stilebenen

§. 18. Ich will ein Gleichniß wagen. Man hat schwere, geistige und leichte Weine, das sind aber keine Lands=Arten, sondern nur gewisse Gattungen und Eigenschafften, die fast allenthalben hervorgebracht werden: sie machen bloß eine Neben=Theilung, keine solche Haupt=Ordnungen und Geschlechter, als Madera, Champagne und Mosel=Gewächse.

§. 19. Mit dem eintzigen Worte, natürlich, wird übrigens in der Abhandlung von Stylen fast alles gesagt, was deren Eigenschafften betrifft, und man bedarff keiner andern Haupt=Abtheilung, als in Kirchen= Theatral= und Kammer=Styl, so wie wir sie hier erkläret haben: denn diese müssen dem natürlichen Wesen allemahl zum Grunde untergeleget werden, weil sie wircklich, und nach dem innern Zustande der Sache selbst, allgemein d.i. general, und dabey einfach sind, wie ein ieder Grund=Satz seyn muß.

20. Wenn nun eine hohe Schreib=Art in der Ton=Kunst natürlich seyn soll, so muß sie prächtig klingen. Eine mittlere kan nicht natürlich seyn, falls sie nicht fliesset. Und eine niedrige voller künstlicher Ausarbeitungen wäre unnatürlich. Das hohe, mittlere und niedrige steckt also zusammen in dem natürlichen Wesen, und in den Sachen selbst; ist also nicht einfach. Diese aber stecken nicht in jenem.

§. 21. Wenn also die Schreib=Arten mit den vorzustellenden Personen, Dingen, Gedancken und Verrichtungen nicht übereinkommen, so ist deren keine eintzige natürlich; die schwülstige am allerwenigsten; wo sie solcher Beschaffenheit halber nicht gute Ursachen vor sich hat, welches gar wol seyn kan. Da muß ich nun wissen, was Schwulst und Schwülstigkeit bedeuten, nehmlich eine Erhebung und Erhöhung an solchem Orte, wo sie nicht seyn sollten, sondern schädlich fallen, in eigentlichem Verstande; im verblümten, wenn man geringe Sachen ungemein aufputzet, das wesentliche aus den Augen setzet, nichtswürdige Dinge mit vieler unnützer Pracht, oder mit verwerfflichen Zierrathen beleget.

§. 22. Unter denjenigen Gemüths=Bewegungen die man gemeiniglich dem hohen Styl unterwirfft, sind ihrer viele, die gar nichts hohes, im guten Verstande, verdienen. Denn, was kan niederträchtiger seyn, als Zorn, Schrecken, Rache, Verzweiffelung &. Pochen, prahlen, schnarchen ist ja wol keine rechte Hoheit. Der Hochmuth [FN: ...] selbst ist nur eine Aufblähung der Seele, und erfordert wircklich im Ausdrucke mehr schwülstiges, als hohes: nun sind aber die allerhoffärtigsten unfehlbar die allerzornigsten, in deren Gemüthern sich eine Schwachheit nach der andern ans Ruder setzt. Denn, obzwar der Zorn den Schein haben will, als ob er die Wirckung eines grossen Geistes sey, so entspringt er doch in der That aus einem weibischen Hertzen: man müste denn einen sonderbaren, heiligen und gerechten Amts=Zorn darunter verstehen, welcher gleichwol, ohne alle Entrüstung, strafen und züchtigen sollte.