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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 10 [Seite 14 von 20]

Theatralische Tanzmusik

§. 80. Die hohe Tantz=Kunst auf Schaubühnen hat, in den dazu geschickten Melodien und Sätzen ihren gantz eignen Styl, nehmlich den hyporchematischen, der die Chaconnen, Passagaglien, Entreen und andre grosse Täntze liefert, welche sehr offt nicht nur gespielet und getantzet, sondern auch in gewisse Verse gebracht und mit vielen angenehmen Abwechselungen zugleich gesungen werden [FN: ...]. In Erkenntniß dieser Schreib=Art thun einige ausgesuchte Frantzösische Sachen mehr Dienste, als alle Welsche: denn Franckreich ist und bleibet doch die rechte TantzSchule und dessen, so dazu gehöret.

§. 81. Geschickte Täntzer, die der Schaubühne nützen wollen, müssen diesen Styl aus dem Grunde kennen, eben sowol, als ein theatralischer Componist. Bey den grössesten Höfen in Europa ist der Beweis und die Bekräfftigung meiner Gedancken darin anzutreffen, daß die Opern= und andre starcke Ballette allemahl gern durch einen besondern, in sothanem Styl vor andern wolerfahrnen Meister verfertiget werden: ich meine nicht die Schritte und Wendungen; sondern bloß die Melodien. Lully war in allen Sätteln gerecht, und schrieb nicht nur den Täntzern, sondern allen andern Personen auf dem Schau=Platz tüchtige Gesetze vor.

§. 82. Aber eine Schwalbe macht keinen Sommer. Denn wenn z.E. Conti die Music zur Oper, Crösus, macht; so muß ein andrer, nehmlich Matteis, die Melodien zu den Täntzen verfertigen. Jener war Kaiserl. Kammer=Compositeur; Dieser aber Director der Kaiserl. Instrumental=Music Wir haben nicht alle einerley Gaben. Sirita, ein also genanntes schönes Singspiel, wurde vor einigen Jahren zu Wien aufgeführet, und zwar noch vor dem Crösus. <87> Anton Caldara, der Kaiserl. Vice=Capellmeister, setzte es in die Music; aber zu den Täntzen muste obgedachter Matteis gleichfalls die Melodien hergeben.

§. 83. Daraus siehet man, daß wir eben den Herren Tantzmeistern in diesem Stück nicht alles aufbürden und den Kopff aus der Schlinge ziehen müssen; vielweniger stehet zu behaupten, daß sonst keiner, als ein Tantz=Meister, den hyporchematischen Styl recht zu führen wisse: angesehen es gar ein nothwendiges Ding bey einem Opern=Componisten ist, daß er sich auf alle hohe Tantz=Arten wol verstehe und die dazu bequeme Weisen ersinnen könne; ob er gleich selber nicht tantzet.

§. 84. Mancher erhält mit solchen geringscheinenden (nicht seynden) Sachen bisweilen einen grossen Nahmen, absonderlich an Höfen, wo offt eine Sing= Spiel= und Tantz=Chaconne, dabey auch vornehme StandesPersonen mit machen können, mehr ausrichtet, als Centnermäßige Contrapuncte: und mir sind Leute bekannt, die sich mit irgend einer Entrée grotesque, d.i. mit einem poßierlichen theatralischen Tantz, besser in Gnaden gesetzet haben, als ein andrer mit einem gantzen Folianten voller Fugen; die doch im Grunde weit schätzbarer waren.

§. 85. Nun sollten wir doch auch wol sagen, worin denn eigentlich diese hyporchematische Schreib=Art bestehe. Ob bey den alten griechischen Schauspielern in solchen hohen Täntzen allerhand menschliche Begebenheiten ausgedruckt worden, das läßt man dahin gestellet seyn, und gehöret zur Geberden=Kunst, zur Chironomie, welche zwar auch bey den Lateinern saltatio hieß, aber gantz was anders war, als hyporchema. Und wo dieses Wort das Reihen=Lied der alten Griechen, darnach sie um den Altar tantzten, bedeutet hat; so ist es demselben nur in Ansehung des erhöheten Ortes beigeleget worden: denn sonst gehören die Reihen=Täntze zum choraischen Styl.

§. 86. Dasjenige nun was die hyporchematische Schreib=Art von allen andern, als Kennzeichen, absondert, ist: Eine mehr als gemeine Einförmigkeit in den ziemlich=starcken Gliedern der Melodie; eine genaue Abtheilung der Zeitmaasse; ein langsamer Rhythmus in richtigem Verhalt; eine ebenträchtige, ernsthaffte doch muntere Bewegung; eine gehörige Länge, und die möglichste Vereinigung oder Gleichheit aller Theile.

§. 87. Zur Untersuchung solcher Eigenschafften und zum fernern Unterricht besehe man, nebst den Frantzösischen häuffig=gedruckten Opern=Partituren [FN: ...], auch die gantz kleinen und gemeinen Bücher, worin die neuesten Frantzösischen Täntze heraus kommen und in Holland nachgedruckt werden; denn, obgleich diese letztern mehr auf die niedrigen, als hohen Täntze ihre Absichten haben, so findet man doch bisweilen auch Chaconnen, Passagaglien, Entrees und dergleich darin, die zu Mustern dienen können.