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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 10 [Seite 15 von 20]

Der phantastische Stil

§. 88. Der phantastische Nahm ist sonst sehr verhaßt; alleine wir haben eine Schreib=Art dieses Nahmens, die wol beliebt ist, und hauptsächlich ihren Sitz im Orchester und auf der Schaubühne, nicht nur für Instrumente, sondern auch für Sing=Stimmen behauptet. Er bestehet eigentlich nicht sowol im Setzen oder Componiren mit der Feder, als in einem Singen und Spielen, das aus freiem Geiste, oder, wie man sagt, ex tempore geschiehet. Die Italiener nennen diesen Styl a mente, non a penna. Wiewol die so genannten: Fantasie, Capriccie, Toccate, Ricercate &c. sie mögen geschrieben oder gedruckt seyn, allerdings hieher gehören, der Boutaden und Vorspiele nicht zu vergessen.

§. 89. Die Welschen Ton=Meister nehmen gar öffters Gelegenheit, ihre Einfälle solcher Gestalt an den Mann zu bringen, und sich dieses Styls, zum besondern Vergnügen der Kenner, zu bedienen; es sey daß die Fantasie wircklich zu Papier gebracht werde, und man also dem Sänger oder Instrumenten=Spieler die Mühe erleichtert; oder, welches allemahl besser, daß der Componist weiter nichts dabey thue, als den bequemen Ort und die rechte Stelle zu bemercken, wo dergleichen <88> freie Gedancken, nach eigenem Belieben, angebracht werden können. Gemeiniglich geschiehet solches bey einem Schlusse, es sey am Ende, oder sonst irgendwo. Aber es gehören tüchtige Köpffe dazu, die voller Erfindungen stecken, und an allerhand Figuren (bisweilen mehr als gar zu) reich sind.

§. 90. Andrer Künstler zu geschweigen, so hat der berühmte Händel offt, in seinen Schauspielen, solche Accompagnemens gesetzet, dabey das Clavier allein, nach des Spielers Gefallen und Geschicklichkeit, ohne Vorschrifft in diesem Styl hervorragte: welches seinen eignen Mann erfordert, und etlichen andern, die es haben nachthun wollen, nur schlecht von der Faust gegangen ist; ob sie gleich sonst ziemlich Sattelfest waren.

§. 91. Wir haben zwar oben gesagt, daß dieser fantastische Styl seinen Sitz in den Schauspielen hat; allein, mit dem Zusatze: hauptsächlich, indem ihn nichts hindert, auch in der Kirche und in den Zimmern sich hören zu lassen. Wobey er dieses ins besondere hat, daß er allenthalben einerley ist; da hingegen die andern Schreib=Arten, wenn sie sich den übrigen Haupt=Stylen mittheilen, in vielen Umständen einer verschiedenen Einrichtung unterworffen sind. Was wollten doch die Herren Organisten anfangen, wenn sie nicht aus eignem Sinn in ihren Vor= und Nachspielen fantaisiren könnten? es würde ja lauter höltzernes, auswendig=gelernetes und steiffes Zeug herauskommen.

§. 92. Wie offt unterhält nicht ein fertiger Violinist (andrer Instrument=Spieler zu geschweigen) sich und seine Zuhörer auf das allerangenehmste, wenn er nur bloß und gantz allein fantaisiret? Was tag=täglich auf dem Clavier, als dem dazu bequemsten Werckzeuge, auf der Laute, Viol da Gamba, Queerflöte u.s.w. geschiehet, ist bekannt; wenn mans nur bedenckt und in seine rechte Classe setzet: und wie die geläuffigen Kehlen der Sängerinnen, absonderlich der Welschen, es treiben, solches kan man bey denen, die mit dergleichen Geschicklichkeit begabet sind, an Höfen und auf Schaubühnen am besten wahrnehmen. Nur Schade, daß keine Regeln von solcher Fantaisie=Kunst vorhanden!

§. 93. Denn dieser Styl ist die allerfreieste und ungebundenste Setz= Sing= und Spiel=Art, die man nur erdencken kan, da man bald auf diese bald auf jene Einfälle geräth, da man sich weder an Worte noch Melodie, obwol an Harmonie, bindet, nur damit der Sänger oder Spieler seine Fertigkeit sehen lasse; da allerhand sonst ungewöhnliche Gänge, versteckte Zierrathen, sinnreiche Drehungen und Verbrämungen hervorgebracht werden, ohne eigentliche Beobachtung des Tacts und Tons, unangesehen dieselbe auf dem Papier Platz nehmen; ohne förmlichen Haupt=Satz und Unterwurff, ohne Thema und Subject, das ausgeführet werde; bald hurtig bald zögernd; bald ein= bald vielstimmig; bald auch auf eine kurtze Zeit nach dem Tact; ohne Klang=Maasse; doch nicht ohne Absicht zu gefallen, zu übereilen und in Verwunderung zu setzen. Das sind die wesentlichen Abzeichen des fantastischen Styls.

§. 94. An die Regeln der Harmonie bindet man sich allein bey dieser Schreib=Art, sonst an keine. Wer die meisten künstlichsten Schmückungen und selteneste Fälle anbringen kan, der fährt am besten. Und wenn gleich dann und wann eine gewisse geschwinde Tact=Art sich eindringet, so währt sie doch nur einen Augenblick; folget keine andere, so hat die Zeit=Maasse gar Feierabend. Die Haupt=Sätze und Unterwürffe lassen sich zwar, eben der ungebundenen Eigenschafft halber, nicht gantz und gar ausschliessen; sie dürffen aber nicht recht an einander hangen, vielweniger ordentlich ausgeführet werden: daher denn diejenigen Verfasser, welche in ihren Fantaisien oder Toccaten förmliche Fugen durcharbeiten, keinen rechten Begriff von dem vorhabenden Styl hegen, als welchem kein Ding so sehr zuwieder ist, denn die Ordnung und der Zwang. Und warum sollte sich denn eine Toccate, Boutade oder Caprice gewisse Ton=Arten erwehlen, worin sie schliessen müste? darff sie nicht aufhören, in welchem Ton sie will; ja muß sie nicht offt, aus einem Ton in den andern gantz entgegen stehenden und fremden geführet werden, wenn ein Regelmäßiger Gesang darauf folgen soll? Dieser Umstand wird im Aufschreiben eben so wenig, als der vorige beobachtet, und gehöret doch allerdings zu den Kennzeichen des fantastischen Styls. §. 95. Ein Paar kleine Beispiele, denen zu Liebe, die bey itzigen Zeiten Mangel an Exempeln der <89> aufgeschriebenen Sätze dieser Art haben mögten, (wie denn unsre Vorfahren mehr Fleiß daran gewendet haben, als die heutigen Setzer) will ich doch hier einschalten: und zwar nur was den blossen Anfang betrifft: denn weil es Clavier=Sachen sind, lassen sich die unter und in einander geflochtene Noten mit unsern Druck=Schrifften nicht füglich darstellen. Anfang einer Toccate von Froberger.

[Notenbeispiel S. 89 Nr. 1]

Anfang einer Fantasie von eben demselben.

[Notenbeispiel S. 89, Nr. 2]

§. 96. Man pfleget sonst bey dergleichen Sachen wol die Worte zu schreiben: ceci se joue à discretion, oder im Italienischen: con discrezione, um zu bemercken, daß man sich an den Tact gar nicht binden dürffe; sondern nach Belieben bald langsam bald geschwinde spielen möge. Ausser Froberger, der zu seinen Zeiten sehr berühmt gewesen und absonderlich in dieser Schreib=Art viel gethan hat, finden sich noch ein Paar fleißige Fantasten, im guten Verstande genommen, die ihre Styl=Früchte, vor mehr als hundert Jahren, nicht nur schlechthin gedruckt, sondern in dem saubersten Kupffer=Stich hinterlassen haben, den man nur mit Augen sehen kan. Sie verdienen wahrlich beide, daß man ihre Nahmen nicht in Vergessenheit begraben seyn lasse.

§. 97. Der eine heisset Claudio Merulo (nicht Merula) von Correggio [FN: ...], Organist bey dem <90> Hertzoge von Parma. Des andern Nahme ist: Michel Angelo Roßi [FN: ...]: von dem wir sonst bis hieher nichts anders wissen, als daß aus dem Barberinischen mit dem Cardinals=Hut bedeckten Wapen, so dem Wercke vorgesetzet, muthmaaßlich abzunehmen, er habe ums Jahr 1635 zu des Doni Zeiten gelebet. Merulo hat seine Arbeit in zwey Bücher getheilet, deren erstes 1598, das andre aber erst 1604, sechs Jahr hernach, in Rom durch Simon Verovio gestochen worden. Hier finden wir 5 Linien für die rechte Hand, mit dem niedrigen Discant=Schlüssel, und acht für die lincke, mit Alt und Baß über einander bezeichnet. Roßi hergegen hat der rechten Hand 6 Linien gegeben; mit der lincken aber eben die Weise gehalten. Froberger schrieb der rechten sechs, der lincken sieben Linien zu, welche letztere mit Baß= und Tenor=Schlüsseln bezeichnet sind.

§. 98. Man wird mich desto weniger verdencken, daß ich dieser arbeitsamen Künstler, bey gegenwärtiger Gelegenheit des von ihnen trefflich=ausgeübten fantastischen Styls, in Ehren gedacht habe: ie weniger man sonst etwas umständliches von ihnen auftreiben kan. Nun weiter!