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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 1, Kap. 10 [Seite 17 von 20]

Vom Kammer=Styl. [§. 102-116]

Der Instrumentstil

<90> §. 102. Endlich kommen wir zum Kammer=Styl, und wollen davon auch eine kurtze, doch ordentliche <91> und gründliche Nachricht geben. Da man nun bey den vorigen Haupt=Abtheilungen, und zwar bey ieder derselben fünf oder mehr Neben=Style wahrgenommen hat; so werden hier wenigstens eben so viel zu betrachten aufstossen.

§. 103. Der Instrument=Styl, dessen bereits bey geistlichen und theatralischen Wercken, wiewol bey iedem auf eine sonderbare Art des Gebrauchs, Erwehnung geschehen, kömmt hier wiederum zum Vorschein; doch so, daß er eine neue und dritte Gestalt gewinnet. Denn ob man gleich in Sälen und Zimmern auch wol Kirchen=Sachen und dramatische Dinge aufführen kan; so werden doch durch die Veränderung des Ortes die Schreib=Arten eben so wenig verändert, als eine Predigt, die nimmer zum Gedichte wird, ob man sie gleich im Cabinet hält.

§. 104. Dannenhero ist leicht zu schliessen, es müsse der Instrument=Styl in so weit derselbe zur Kammermäßigen Schreib=Art gehöret, alwo er zumahl bey Tafel=Musiken viel stärcker regieret, als die übrigen, von gantz andrer Beschaffenheit seyn, als jene beide. Weil sich aber diese Eigenschafften nicht so genau beschreiben, als aus Gleichnissen und Beispielen ersehen lassen; so hat man sich diesfalls an die häuffig vorhandene Sonate da Camera, Concerti Grossi, Suites u.d.gl. zu halten, welche Licht genug hierin geben werden.

§. 105. Wobey ich iedoch absonderlich die Einsicht der Correllischen Wercke, ihres Alters ungeachtet, zum trefflichen Muster angepriesen haben will, deren wo mir recht fünf, und in Amsterdam zu bekommen sind. Die unvergleichliche Geschicklichkeit dieses Verfassers in der zum Kammer gehörigen Instrumental=Schreib=Art hat so was ausnehmendes, daß ich so gar in den Holländischen Kirchen, wiewol ausserhalb der zum Gottes=Dienst bestimmten Zeit, nehmlich in den Vespern, oder nach deren Endigung, seine Sonaten nicht nur von dem Organisten allein, sondern auch von einem Violinen=Concert, welches zur Ubung der Kunstbeflissenen offt angestellet wird, ehmals mit vielem Vergnügen gehöret habe.

§. 106. Es erfordert sonst dieser Styl in der Kammer weit mehr Fleiß und Ausarbeitung, als sonst, und will nette, reine Mittel=Partien haben, die mit den Ober=Stimmen beständig, und auf eine angenehme Art gleichsam um den Vorzug streiten. Bindungen, Rückungen, gebrochene Harmonien, Abwechselungen mit tutti und solo, mit adagio und allegro &c. sind ihm solche wesentliche und eigene Dinge, daß man sie meistentheils in Kirchen und auf dem Schau=Platz vergeblich sucht: weil es daselbst immer mehr auf die Hervorragung der Menschen=Stimmen ankömmt, und der Instrument=Styl nur ihnen zu Gefallen und zur Begleitung oder Verstärckung da ist; wogegen er in der Kammer schier die Herrschafft behauptet; ja, wenn auch gleich die Melodie bisweilen ein wenig darunter leiden sollte, will er doch daselbst allemahl aufgeputzt, verbrämt und sprudelnd erscheinen. Das ist sein Abzeichen.