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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 2, Kap. 13 [Seite 7 von 41]

Cantata

§. 25. Aus Arien, Recitativen, Arietten, Ariosen &. erwächst die fünffte Gattung unsrer Sing=Stücke, nehmlich:

V. Die Cantata, welche zweierley seyn kan:

  1. Wenn sie mit einer Arie anfängt und schließt.
  2. Wenn sie beides, oder auch das Anfangen nur mit einem Recitativ verrichtet.

Ferner können die Cantaten, dem Inhalt nach, geistlich oder weltlich seyn: so wie alle Cavaten, besondere Arien und Recitative. Wenn sich aber eine Cantate mit dem Recitativ endiget, hat es eben die beste Wirckung nicht; es geschähe denn in besondern Fällen, da man gantz unvermuthlich abbrechen, und eben dadurch die Zuhörer auf eine angenehme Art überraschen wollte.

§. 26. Die wahre Natur der Cantaten leidet keine andre Instrumente, als das Clavier und die Bässe. Ihre übrige Einrichtung aber erfordert mehr nettes und künstliches, als die theatralische Arbeit überhaupt: denn, weil diese auswendig gelernet werden muß; die Cantaten hergegen vom Papier abgesungen und zum Kammer=Styl gerechnet werden, so siehet ein ieder die Ursache leicht.

§. 27. Es müssen dannenhero die Cantaten sowol an Arien, als Recitativen fleißig, reinlich und bedächtlich ausgearbeitet werden; einen saubern, ausnehmenden und merckwürdigen General=Baß führen; lauter ausgesuchte, nachdenckliche Erfindungen aufweisen, und nicht zu lange währen. Diejenige Einrichtung der Cantaten, woselbst mit einer Arie angefangen, mit der andern das Mittel erfüllet, und mit der dritten geschlossen wird, ist die gefälligste. Die Untermischung des Recitativs verstehet sich. Wiewol auch ein anfangender Recitativ, wenn er nachdrücklich geräth, bisweilen mehr Aufmercksamkeit verursacht. Am Ende thut er aber, wie gesagt, nur auf eine gewisse Art, gute Wirckung.

<215> §. 28. Wer iemahls eine Opern=Mahlerey von Kamphusen, Queerfeld oder Fabris bey Tage gesehen, und zugleich eine Landschafft von Berghem, Potter, Mirefeld oder Verdion dagegen gehalten hat, der kan sich ein gutes Bild des Unterschieds zwischen dramatischen Auftritten und Kammer=Cantaten machen. Die ersten sind gut in der Ferne, und erfordern eigene Künste; die andern aber gefallen in der Nähe. Die Pinsel sind sehr ungleich; doch ieder nach seiner Art löblich.

§. 29. Wenn man die Cantaten unter die so genannten ordentlichen Kirchen=Stücke zehlet, werden sie nicht nur mit allerhand Instrumenten gesetzt, sondern auch mit Chören, Chorälen, Fugen &. so starck untermischet, daß sie dadurch ihre rechte Eigenschafft grössesten Theils verlieren: Denn die wahre Natur einer Cantate leidet keines von diesen Dingen. So bald die Singe=Stimmen in der Kirche den Beistand derjenigen Instrumente bekommen, die nicht zu den Bässen gehören, so bald wird aus solchen vielstimmigen Sätzen der neue Moteten=Styl. Chöre und Fugen richten sich nach der Schreib=Art alter Moteten: Choräle sind Oden, und von Cantaten weit entfernet; wenigstens der Form nach.

§. 30. Will einer nun alle diese Dinge mit Arien und Recitativen durchflechten, so mag eine solche Vermischung wol angenehm und voller Veränderung seyn; Allein sie macht in einer Haupt=Eintheilung der Schreib=Arten keine eigene, geschweige besonders=vornehme und ordentliche Gattung; vielweniger ist es eine Cantate, sondern ein aus viererley Schreib=Arten zusammen gestoppeltes Wesen. Das Cantatenmäßige, so darin vorkömmt, gehört zum Madrigal=Styl; Die vielstimmigen Chöre und Fugen zur Moteten=Styl; die Begleitungen und Zwischen=Spiele zum Instrumenten=Styl; und endlich die Choräle zum melismatischen. Bey solchem Verfahren werden wir wenig systematisches aufweisen können.