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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 2, Kap. 13 [Seite 12 von 41]

Balletto

§. 43. Die kleineste theatralische piece soll vorangehen, und ist dieselbe

X. Das Balletto;

worunter wir aber mehr, als den also genannten kleinen Tantz verstehen. Es ist nehmlich dieses Ballet ein kurtzes, zur blossen Lustbarkeit ersonnenes Schauspiel, welches von Rechts wegen nur aus einer eintzigen Handlung bestehen sollte, und darin fast mehr getantzt als gesungen wird [FN: ...]. Wiewol, was die Handlungen anlanget, sich dabey grosse Ausnahm und Freiheit findet: denn sie können darnach seyn.

§. 44. Das Abzeichen des Ballets ist lauter Freud und Wonne, und sonst keine Haupt=Leidenschafft, die nicht in Lust und Ergetzlichkeit bestehet. Der Componist eines Ballets muß im Hyporchematischen Styl über die Maassen wol gewieget seyn, oder sich nach einem musicalischen Tantzmeister, zur Beihülffe, umsehen; sonst wird er ausgelacht.

§. 45. Das neueste Stück dieser Art, so aus Paris bisher zu uns gekommen, und daselbst vor ein Paar Jahren aufgeführet worden, heisset: Les romans, Ballet heroique. Es hat ein Vorspiel von zween Eintritten. Das Wercklein selbst ist in keine Handlungen, sondern nur in drey Aufzüge, die nicht zusammen bangen, eingetheilet. Der erste Aufzug stellet das verliebte Hirten=Leben; der andre den irrenden Ritter=Stand; der dritte aber die Nymphen=Zauberey vor: sofern die Romanen sich auf solche Dinge beziehen. Hiezu ist noch ein vierter Aufzug, vom Wunderbaren, gekommen, davon die Partitur doch nicht mit den übrigen im Kupffer gestochen worden. Der Componist heißt Niel, und hat gewiß mehr gründliches in diesem Spielwerck angebracht, als man vermuthen sollte, und mancher seichter Italiener daran wenden würde; wenn er gleich könnte. Wir haben seiner schon oben im Capitel von der Metric, bey Gelegenheit der griechischen Ode gedacht.

§. 46. Die Arien und der Recitativ eines solchen Ballets haben auch, in Vergleichung mit andern ein grosses Abzeichen darin, daß sie nur galant und natürlich, nicht aber sehr künstlich und ausgearbeitet seyn dürffen. Die Arietten finden ihren Platz häuffig; das Arioso aber fast nimmer: es ist solches zu ernsthafft, welches kein Ballet leidet, das allzeit etwas freies, muntres und ergetzliches haben will. Kurtz, ein Ballet dieser Art erfordert viel Leben, Geist und Artigkeit: ist <218> demnach eben kein Werck eines gelehrten Componisten oder eines tiefsinnigen Meisters, als eines solchen; sondern eines aufgeweckten Kopffes, der gar feine, natürliche und dabey durchdringende Verstands=Gaben hat, die Welt kennet, und der Erfahrung seine meiste Geschicklichkeit schuldig ist.

§. 47. Das erste Ballet, so auf dem hamburgischen Schauplatz aufgeführet worden, war auf des Kaisers Leopoldi Nahmens=Tag, und gefiel iedermann besser, als eine förmliche Oper. Hernach folgte ein Königlich Preußisches Ballet, mit nicht wenigerm Beifall; ob es gleich nicht so wol, als jenes, gerathen war. Das sogenannte Carnaval von Venedig ist aus dem Frantzösischen übersetzt und 1707 hier gespielt, auch unzehlige mahl, mit Vergnügen der Zuschauer, wiederholet worden. Hernach sind die abgeschmackten Intermezzi und Zwischen=Spiele Mode geworden; der lebhaffte Frantzösische Geist aber hat sich fast gantz vom Theater verlobten. Itzund, wie ich dieses schreibe, ist das Opern=Haus den teutschen Comödianten eingeraumet, die wenigstens was vernünfftigers, obgleich nicht singend, zu Marckte bringen, als die = = = = = = = = (ich mag sie nicht bey ihren rechten Nahmen nennen).

§. 48. In Franckreich haben sich diese kleinen, angenehmen Schauspiele, ich meine die Ballette, länger, als sonstwo, im Besitz und in dem besten Ruf von der Welt erhalten: sind auch bis diese Stunde hochgeschätzt. Le Triomphe de l'Amour von Lully; L'Idylle de Paix, von eben demselben, so er nur bloß ein Divertissement betitelt; Le Ballet des Saisons von Colasse; LAricie, von Charais; L'Europe galante, das allerliebste Stück, von Campra; Les Fêtes galantes, von Desmarets; Le Carnaval de Venise von Campra; Le Triomphe des Arts von de la Barre; Arethuse von Campra; Les Fragmens de Lully, Ballet, auch von Campra; Les Muses von eben demselbigen &. &. sind lauter ausnehmende Meister=Stücke dieser Gattung, welche ich darum anführe, weil sie viel natürlicher fallen, als gantze, lange Opern; nicht so viele verliebte Händel und Staats=Sachen entweihen; keine Zotten zulassen; alles so eingerichtet wissen wollen, daß es ohne Zwang fast von selbsten singe, spiele, tantze; und dahero einer öfftern Nachahmung höchstwürdig sind.