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Übersicht Mattheson, Vollkommener Capellmeister Startseite  

Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 2, Kap. 13 [Seite 17 von 41]

Concerti da chiesa

§. 66. Den nähesten Sitz nehmen die so genannten

XV. Concerti da Chiesa, Kirchen=Concerte.

Diese Gattung hat der berühmte Viadana, Erfinder des General=Basses, zuerst aufgebracht; Da sonst vor seiner Zeit, etwa vor 130 Jahren, alles verwirrt und verirret unter einander, mit lärmreichen Fugen und polternden Contrapuncten, mit starcken aus vollem Halse schreienden Chören, ohne Unterschied guter oder böser Stimmen, ohne Manier oder Zierlichkeit, ohne Melodie und Verständlichkeit, in den Kirchen getrieben wurde: so daß man auch bedacht gewesen, allen Gesang und Klang gantz und gar vom Gottes=Dienste zu verbannen. Und das verursachten die lieben Moteten.

§. 67. Gedachter Viadana schreibt in der Vorrede seiner zu Franckfurt 1613 gedruckten Wercke, genug von den trifftigen Ursachen, die ihn bewogen, statt der gewöhnlichen Moteten, die Concerte einzuführen, und es beziehen sich die meisten Gründe auf die mir so sehr ans Hertz gewachsene Deutlichkeit und Verständlichkeit der Melodien, ingleichen auf ein reines Accompagnement mit der Orgel. Der Uiberfluß eckelhaffter Fugen und Contrapuncte; die unzierlichen Cadentzen und ungereimten Concordantzen; die Unterbrechung und Unterdrückung der Worte; die unförmlichen Intervalle, zerstümmelten Harmonien &. werden alle in besagter Vorrede nahmhafft gemacht, und, wie billig, getadelt.

§. 68. Man nimmt sonst Davidische Psalmen zu solchen Concerten, auch andre Sprüche aus der H. Schrifft; ohne gleichwol allerhand gute gebundene Texte davon auszuschliessen. Anfangs hatten diese Kirchen=Concerte keine andre Gesellschafft, als die Orgeln, und wurden sehr offt nur mit einer eintzigen Stimme gesetzt, welche sodann mit dem Organisten gleichsam um den Preis stritte. Hernach brauchte man zween, drey bis vier Sänger dazu, und zuletzt fanden sich auch verschiedene Instrumente dabey ein.

§. 69. Diese Concerte waren übrigens gantz kurtz, etwa von einer Quart=Seite, zu ieder Stimme gerechnet, und gingen in einem Satze daher, ohne Unterbrechung des General=Basses. Es wurden auch, wo es etwa irgend an diesem oder jenem Sänger fehlte, ihre Parteien bisweilen auf Zincken geblasen, welche damahls die Stelle der Oboen vertraten. Doch hat die Nachwelt in allen diesen sehr viel geändert und gebessert.

§. 70. Die eigentliche Absicht bey den Concerten war und ist noch diese: die Text=Worte vernehmlich zu machen, und bey einer oder mehr Stimmen dennoch durch Hülffe des General=Basses, eine völlige Harmonie zu Wege zu bringen. Wer nun weiß, was Capell= und Concert=Stimmen heutiges Tages sind, da nehmlich bey den ersten alles was Odem hat, bey den andern aber nur die besten sich hören lassen, der wird sich desto leichter einen Begriff von dieser Melodien=Gattung <222> machen können: zumahl wenn er bedenckt, daß der Nahm von certare, streiten, herkömmt, und so viel sagen will, als ob in einem solchen Concert eine oder mehr auserlesene Sing=Stimmen mit der Orgel, oder unter einander, gleichsam einen Kunst=Streit darüber führten, wer es am lieblichsten machen könne.