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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 2, Kap. 13 [Seite 18 von 41]

Motetti

§. 71. Eine gantz andre Beschaffenheit hatte es mit den allerältesten Kirchen=Sachen bey der christlichen Music; denn da waren in grossem Ruf und immer hoch am Brete

XVI. Die Motetti, welches gewisse, mit lauter Fugen und Nachahmungen angefüllte, und über einen kurtzen biblischen Spruch mühsam ausgearbeitete vielstimmige Sing=Stücke sind.

Bey denselben wuste man anfänglich von keinem General=Baß. Wäre dieser bey den Moteten Herkommens gewesen, was hätte Viadana nöthig gehabt, seinentwegen und zugleich mit ihm eine andre neuere Gattung der Melodien, nehmlich oberwehnte Concerten, einzuführen? Man muß die Zeiten unterscheiden.

§. 72. Bey solchen Moteten muste der Organist zwar alle Sing=Stimmen in Partitur bringen, und selbige, wie eine Allemande oder anders Hand=Stück, voller Bocks=Triller und abentheurlicher Toccaten=Schwärmer so fein lieblich daher figuriren; aber das war kein General=Baß. Man wuste bey den Moteten anfänglich von keinem Instrumente, ausser der Orgel auf bemeldte Weise, und die blieb auch offt aus. Man wuste dabey von keinem andern Concertiren, als von derjenigen Jagd, welche mit den unsingbaren und unendlichen Fugen angestellet ward. Alles ging in vollen Sprüngen, da Capella, mit der gantzen Schule Feldein, und hauete immer getrost fort, bis ans letzte Ende: denn ehe gab man kein Quartier. Da war keine Leidenschafft oder Gemüths=Bewegung auf viel Meilweges zu sehen; keine Einschnitte in der Klang=Rede, ja vielmehr Abschnitte in der Mitte eines Worts mit nebenstehender Pause; keine rechte Melodie; keine wahre Zierlichkeit, ja gar kein Verstand zu finden: alles auf ein Paar offt wenig oder nichts bedeutende Wörter, als: Salve, Regina Misericordiae u.d.g. Dennoch waren es nicht einmahl lauter ordentliche Fugen; sondern mehrentheils nur schlechte Nachahmungen, da eine Stimme die andre gleichsam äffete; und mit solcher Einfalt noch ein grosses Wesen machte.

§. 73. Solte iemand meinen, wir thäten den lieben Alten hierin zu viel; dem kan man noch gantz neue Wercke von einem der grössesten Meister im Druck zeigen, woselbst alle obige Uibelstände richtig anzutreffen sind: daß man sich wundern mögte, wie verständige Leute und Kaiserl. Capellmeister dergleichen öffentlich für was gutes ausgeben können. z.E.

§. 74. "Ave, Maria, gratia plena. Dominus tecum. Benedicta tu in mulieribus. Et benedictus fructus ventris tui." Ist der bekannte Englische Gruß. Die Ausarbeitung dieser wenigen Wörter begreifft 140 Tact oder 70 Tempora im Capell=Styl, und machen also den Gruß ziemlich lang. Ihrer 4 legen ihn ab; obgleich die Schrifft nur von einem meldet. Es trit nach iedem Punct ein andrer FugenSatz oder Nachahmungs=Cläuselgen ein; aber man hält nimmer still, und bemercket keinen Absatz in der Zeit=Maasse. Das eintzige Ave muß sich einer gefallen lassen über funfzehnmal zu hören; Maria neun oder zehnmahl, und das ist gnädig; &. Dominus tecum erklingt eben so offt, mit einer lauffenden Figur und einem langen Aushalten auf dem merckwürdigen Worte tecum. Ein gleiches Glück haben die Worte benedicta tu, und zwar in folgender Melodie, wo es Melodie heissen kan:

[Notenbeispiel S. 222]

Zu geschweigen der herrlichen Züge und Ausdehnungen, die bey der dritten Sylbe des Worts benedicta vorkommen. Aber dieses ist noch nichts zu rechnen gegen der Ehre, so dem Worte <223> in mulieribus wiederfährt, wovon ich nothwendig, obgleich ungern, eine Probe hersetzen muß:

[Notenbeispiel S. 223]

Bey allen diesen führt der Sopran den Gregorianischen hiehergehörigen Gesang auf das steifeste und festeste: nehmlich den hochgeehrten Cantum firmum. Das laßt mir ein heutiges Model seyn! Gute Harmonie! Schöne Harmonie! Aber kein Verstand; keine Melodie; keine Gemüths=Bewegung keine Einschnitte! &.

§. 75. Es gehört wahrlich grosse und unermüdete Arbeit zu diesen Sachen. Aber eben das beständige Arbeiten in den alten Wercken des Pränestins (welchen man zum Behuf derselben anführet) war die eintzige gefährliche Ursache, daß die Kirche auf ein Haar der Music wäre beraubet worden, wenn besagter Päbstlicher Capellmeister seine Schreib=Art nicht klüglich geändert, und zu rechter Zeit mehr Einfalt angenommen [FN: ...] hätte. Die neuern Künsteley=Verfechter mögten es ihm nur immer hierin nachthun. Denn, daß eine iede Stimme ihre eigene, mit den vorigen gantz wol harmonirende Melodie führet, das macht die Sache nicht aus: weil es, auf gewisse Weise, immer geschehen soll und muß; aber wegen des Begriffs der Zuhörer ist es klug gethan, daß solche Melodien nicht in einerley Range und auf gleichförmiger Höhe oder Stuffe [FN] stehen, sondern, daß immer bald diese bald jene unter ihnen hervorrage, so wie das Hauptbild in einem Gemählde, welches keinem Menschen gefallen, noch der Natur gemäß seyn kan, wenn alle Posituren darin von gleicher Ausarbeitung sind. Es verdient wol zweimahl gesagt zu werden.

§. 76. Die heutigen Frantzosen nennen zwar noch bis diese Stunde alle ihre Kirchen=Stücke, fast ohne Unterschied, des Motets: Man kan ihnen auch solche Freiheit gerne gönnen: wiewol die Unwissenheit in der Benennung eines Dinges keinen übel gegründeten Argwohn gibt, daß man auch das Ding oder die Sache selbst nicht recht kenne oder verstehe. Es schlägt selten fehl. Allein die Einrichtung der Frantzösischen so genannten Motets ist doch anitzo etwas besser, als sie vor Alters war: Denn es kommen gar offt Abwechselungen darin vor, da nehmlich die eine oder andre ausnehmende Stimme sich etwa allein hören läst und concertirt.

§. 77. Aus angeführten Umständen ist demnach leicht zu schlüssen, daß zwar die eigentliche Moteten=Art nicht gantz zu verwerffen; Doch aber höchstnöthig sey, dieselbe allenfals mit der Concerten=Art durchzuflechten, und dem Wort=Verstande oder der Vernunfft in keinem Stücke zu nahe zu treten, wenns auch die beste Fuge von der Welt kosten sollte. Es heist hier: Ich habe es wol alles Macht, aber es frommer nicht alles.

§. 78. Die Verbesserung der Moteten hat den Grund zu den Missen geleget, nehmlich zu denjenigen Stücken, welche bey den Catholiken im Anfange des Gottes=Dienstes aufgeführet werden, und sowol aus ein= zwo und drey=Stimmigen Sätzen, als aus vollen Chören und prächtigen Fugen bestehen. Das Kyrie, Credo, Sanctus, Agnus Dei, die Seelmessen &. gehören hieher. Und so viel sey von den sechszehen Gattungen der Singe=Melodien oder Stücke gesagt; doch ohne hierin Maaß und Ziel zu stecken.