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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 2, Kap. 13 [Seite 27 von 41]

Polonoise

§. 105. Es ist auch keinesweges hiebey zu vergessen

VIII. Die Polonoise oder der Polnische Tantz,

Man sollte nicht meinen, was für sonderbaren Nutzen diese Melodien=Gattung hat, wenn sie in singenden Stimmen, nicht zwar in ihrer eignen Gestalt; sondern nur auf dem Polnischen Fuß angebracht wird. Doch ist sie, so viel mir wissend, noch von niemand beschrieben.

§. 106. Zwar ist die Tantzweise der Polen nicht unbekannt; doch dürffte iedermann nicht bemercket haben, daß ihr Rhythmus bey gerader Zeitmaasse vornehmlich der [FN: ...] Spondäus ist, mit welchem auch so gar geschlossen wird, das sonst mit keiner Melodie in der Welt, zumahl im fortgesetzten Unisono, geschiehet. Bey ungerader Zeitmaasse verändert sich der Spondäus in den Jambum, so daß bey der ersten Art zwo gleich=lange Noten, oder halbe Schläge in einem Ton; bey der andern aber eine kurtze und eine lange, nehmlich eine Viertel und ein halber Schlag, auch in einem Ton regieren. Ich sage vornehmlich: denn diese Klangfüsse werden gleichwol auch mit andern untermischet, wie aus den Exempeln am besten zu ersehen.

§. 107. Der Anfang einer Polonoise, in genauem Verstande genommen, hat darin was eigenes, daß sie weder mit dem halben Schlage im Aufheben des Tacts, wie die Gavot; noch auch mit dem letzten Viertel der Zeitmaasse eintritt, wie die Bourree; sondern geradezu ohne allen Umschweif, und wie die Frantzosen sagen, sans façon, mit dem Niederschlage in beiden Arten getrost anhebet.

§. 108. Wenn ich etwas zu setzen oder solche Worte in Noten zu bringen hätte, darin eine besondre Offenhertzigkeit und ein gar freies Wesen herrschte, wolte ich keine andre Melodien=Gattung dazu erkiesen, denn die Polnische: maassen meines Ermessens hierin ihr wahres Abzeichen, ihr Character und Affect beruhet. Selten lässet sich die Natur und Eigenschafft eines Volcks bey desselben Lustbarkeiten und Täntzen verstecken; ob es gleich bey andrer Gelegenheit geschehen mögte.