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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 2, Kap. 14 [Seite 1 von 4]

14. Von der Melodien Einrichtung, Ausarbeitung und Zierde. [§. 1-52]

< 235> [...]

§. 4. Was nun zum ersten die Disposition betrifft, so ist sie eine nette Anordnung aller Theile und Umstände in der Melodie, oder in einem gantzen melodischen Wercke, fast auf die Art, wie man ein Gebäude einrichtet und abzeichnet, einen Entwurff oder Riß machet, um anzuzeigen, wo ein Saal, eine Stube, eine Kammer u.s.w. angeleget werden sollen. Unsere musicalische Disposition ist von der rhetorischen Einrichtung einer blossen Rede nur allein in dem Vorwurff, Gegenstande oder Objecto unterschieden: dannenhero hat sie eben diejenigen sechs Stücke zu beobachten, die einem Redner vorgeschrieben werden, nemlich den Eingang, Bericht, Antrag, die Bekräfftigung, Wiederlegung und den Schluß. Exordium, Narratio, Propositio, Confirmatio, Confutatio & Peroratio.

§. 5. [...] Es würde auch noch, bey aller Richtigkeit, offt sehr pedantisch herauskommen, wenn man sich ängstlich daran binden, und seine Arbeit allemahl nach dieser Schul=Schnur abmessen wollte. Dennoch aber ist nicht zu leugnen, daß, bey fleißiger Untersuchung sowol guter Reden als guter Melodien, sich diese Theile, oder die meisten davon, in geschickter Folge wircklich darin antreffen lassen [...]

<236> §. 6. So gar in den allergemeinesten Gesprächen lehret uns die Natur selbst gewisse Tropos oder uneigentliche, verblümte Deutungen der Wörter, gewisse Argumente oder Gründe gebrauchen, und in denselben eine gehörige Ordnung zu halten; unangesehen die Redende niemahls von einer rhetorischen Regel oder Figur das geringste gehöret haben. Und eben aus diesem natürlichen Triebe des Verstandes, der uns locker, alles mit einer guten Ordnung und Zierlichkeit vorzubringen, sind endlich von sinnreichen Köpffen die Regeln entdecket und angegeben worden. Mit der Music allein hat es nun noch bis hieher finster um diese Gegend ausgesehen; wir wollen aber hoffen, daß es sich nach und nach etwas ausklären werde, und unsern Beitrag dazu nicht sparen.

§. 7. Das Exordium ist der Eingang und Anfang einer Melodie, worin zugleich der Zweck und die gantze Absicht derselben angezeigt werden muß, damit die Zuhörer dazu vorbereitet, und zur Aufmercksamkeit ermuntert werden. [...]

§. 8. Die Narratio ist gleichsam ein Bericht, eine Erzehlung, wodurch die Meinung und Beschaffenheit des instehenden Vortrags angedeutet wird. Sie findet sich gleich bey dem An= oder Eintritt der Singe= oder vornehmsten Concert=Stimme, und beziehet sich auf das Exordium, welches vorhergegangen ist, mittelst eines geschickten Zusammenhanges.

§. 9. Die Proposition oder der eigentliche Vortrag enthält kürtzlich den Inhalt oder Zweck der Klang=Rede [...]. Solcher Vortrag hat seine Stelle gleich nach dem ersten Absatz in der Melodie, wenn nehmlich der Baß gleichsam das Wort führet, und die Sache selbst so kurtz als einfach vorleget. Darauf hebt denn die Sing=Stimme ihre propositionem variatam an, vereiniget sich mit dem Fundament, und erfüllet den zusammengesetzten Vortrag. [...]

§. 10. Die Confutatio ist eine Auflösung der Einwürffe, und mag in der Melodie entweder durch Bindungen, oder auch durch Anführung und Wiederlegung fremdscheinender Fälle ausgedruckt werden: Denn eben durch dergleichen Gegensätze, wenn sie wol gehoben sind, wird das Gehör in seiner Lust gestärcket, und alles, was demselben in Dissonantzen und Rückungen zu wieder lauffen mögte, geschlichtet und aufgelöset. Inzwischen trifft man dieses Stück der einrichtung in den Melodien nicht so viel, als die andern an; da es doch wahrlich eines der schönsten ist.

§. 11. Die Confirmatio ist eine künstliche Bekräfftigung des Vortrages, und wird gemeiniglich in den Melodien bey wolersonnenen und über Vermuthen angebrachten Wiederholungen gefunden; worunter aber die gewöhnlichen Reprisen nicht zu verstehen sind. Die mehrmalige mit allerhand artigen Veränderungen gezierte Einführung gewisser angenehmer Stimm=Fälle ist es, was wir hier meinen [...].

§. 12. Die peroratio endlich ist der Ausgang oder Beschluß unsrer Klang=Rede, welcher, vor allen andern Stücken eine besonders nachdrückliche Bewegung verursachen muß. Und diese findet sich nicht allein im Lauffe oder Fortgange der Melodie, sondern vornehmlich in dem Nachspiele, es sey im fundament, oder in einer stärckern Begleitung; man habe dieses Ritornell vorher gehöret oder nicht. Die Gewohnheit hat es so eingeführet, daß wir in den arien fast mit eben denjenigen Gängen und Klängen schliessen, darin wir angefangen haben: welchem nach unser Exordium auch alsdenn die Stelle einer Peroration vertritt.

<237> §. 13. Doch kan ein gescheuter melodischer Setzer auch oftt hierin seine Zuhörer artig überraschen, und sowol im Schluß der Sing=Melodien vorzüglich, als auch im Nachspiel beiläuffig, gantzunerwartete Veränderungen anbringen, die einen angenehmen Eindruck hinterlassen, daraus gantz eigene Bewegungen des Gemüths entstehen: und dieses ist die eigentliche Natur der Peroration. Die Schlüsse, womit man plötzlich abbricht, ex abrupto, geben auch hier dienliche Mittel zur Gemüthsbewegung an die Hand.

§. 14-24. [Rhetorische Analyse einer Marcello=Arie]