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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 2, Kap. 14 [Seite 2 von 4]

<239> §. 25. Der Redner Kunst=Stück ist, daß die stärkesten Gründe zuerst; hernach in der Mitte die schwächern; und zuletzt wiederum bündige Schlüsse anbringen. Das scheinet gewiß ein solcher Griff zu seyn, welchen sich ein Musicus eben sowol als ein Orator, zu Nutz <240> machen kan: zumahl bey der allgemeinen Einrichtung seines Wercks. [...]

§. 26. Gleichwol mag auch hierin Maaß und Ziel gesetzet werden, daß man einer Seits der Sache weder zu viel, noch zu wenig thue; andrer Seits aber besagte Regel doch dabey in ihrer Krafft lasse: welches alsdenn geschiehet, wenn man ein Werck vorhero wol eintheilet und gleichsam abzeichnet, ehe zur Ausarbeitung geschritten wird. Die meisten Componisten, wenn nur ein vermeinter guter Einfall da ist, fahren gleich, so zu reden mit ungewaschenen Händen, zur Ausarbeitung; es gerathe nun damit wie es wolle: da doch die kluge Vorsicht unaussetzlich erfordert, in allen Dingen einen ordentlichen Uiberschlag zu machen, ehe man zum Wercke schreitet.

§. 27. Bey Verfertigung grosser Oratorien pflegt mein Gebrauch zu seyn, den Schluß des gantzen Wercks zuerst vorzunehmen, und denselben, bey noch frischer und unermüdeter Krafft der Geister, iedoch mit einer gewissen Absicht auf das übrige also einzurichten, daß er was rechtes sagen mögte. [...] Ich erwähne dieses [...] bloß darum, weil ich mich iederzeit wol dabey befunden, und die Zuhörer vor allen Dingen am Ende, wo es auch am nöthigsten ist, [...] so gerührt habe, daß vieles davon in ihrem Gedächtniß Wurzel geschlagen hat.

§. 28. Von dem weltberühmten Steffani habe mir ehemals sagen lassen, daß derselbe, ehe er noch eine Feder angesetzet, die Oper, oder das vorhabende Werck, wie es von dem Poeten abgefasset worden, eine Zeitlang beständig bey sich getragen, und gleichsam eine recht=ausführliche Abrede mit sich selbst genommen habe, wie und welcher Gestalt die gantze Sache am füglichsten eingerichtet werden mögte. Hernach aber hat er seine Sätze zu Papier gebracht. Es ist eine gute Weise; obgleich zu vermuten, daß sich heut zu Tage, wo alles auf der Flucht geschehen muß, wenig finden werden, die Gefallen tragen, solche Uiberlegungen anzustellen: es sey nun Unverstand, oder Gemächlichkeit, oder auch ein alberner Hochmut Schuld daran.

§. 29. Wenn inzwischen die Gleichförmigkeit in allen Dingen ein grosses beiträgt, daß dieselbe nicht nur den menschlichen Sinnen angenehm, sondern auch eben dadurch an sich selbst dauerhaffter werden, wie solches guten Baumeistern wol bewust seyn wird: so ist leicht zu erachten, warum einige Sachen, mit dem Alter, wenig oder nichts an ihrer innerlichen Güte und Festigkeit verlieren, ob sie gleich von aussen einen kleinen Anstoß bekommen mögten, andre hergegen, so sehr sie auch gläntzen und pralenl alsobald in der Wiege ihre Grab finden. Das lieget grössesten Theils an der guten oder üblen Einrichtung.

§. 30. Wer sich also, seiner Fertigkeit im Setzen ungeachtet, der oberwehnten Methode, auf gewisse ungezwungene Art bedienen will, der entwerffe etwa auf einem Bogen sein völliges Vorhaben, reisse es auf das gröbste ab, und richte es ordentlich ein, ehe und bevor er zur Ausarbeitung schreitet. Meines wenigen Erachtens ist dieses die allerbeste Weise, dadurch ein Werck sein rechtes Geschicke bekömmt, und ieder Theil so abgemessen werden kan, daß er mit dem andern eine gewisse Verhältniß, Gleichförmigkeit und Uibereinstimmung darlege: maassen dem Gehör nichts auf der Welt lieber ist, denn das.

§. 31. Zeit und Gedult wollen dazu gehören, wer die nicht hat, der wird geschwinder davon kommen, wenn er nur so vor der Faust wegschreibet, wie die meisten thun, welche sich weder um das allgemeine noch besondre Einrichtungs=Wesen im geringsten bekümmern: daher es denn auch <241> manchesmal im Ton, im Tact &. wunderliche und abentheurliche Contrasten gibt, die ohne Verwirrung und Eckel nicht angehöret werden mögen. So viel von der Einrichtung.