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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 2, Kap. 14 [Seite 3 von 4]

§. 32. Die Ausarbeitung selbst ist, nach gemachtem Uiberschlage, um die Helffte leichter, als sonst: braucht dannenhero wenig Unterricht. Denn man trifft einen bereits gebahnten Weg an, und weiß schon gewiß, wo man hinaus will. Von niemand wird inzwischen die Elaboration geringer geschätzet, als von solchen, die sich mit vielen Erfindungen schmeicheln; welche doch mehrentheils auf leere und seltsame Grillen hinauslauffen. Wo man weder an die Einrichtung, noch an die Ausarbeitung eines Wercks recht denckt, da ist auch die beste Erfindung wie eine verlassene Ariadne: artig, hübsch, schön; aber ohne Beistand, Schutz und Schirm.

§. 33. Leuten, die keine taugliche Disposition machen wollen, wird hernach die Ausarbeitung desto saurer, und kostet ihnen viel Zeit und Arbeit: das schreckt die gemächlichen und wollüstigen Herren ab; die Arbeit insonderheit will ihnen gar nicht anstehen; sie meinen, ihre ausschweiffende Fratzen müsten schon eben so gut seyn, als eine wolgegründete Erfindung, die klüglich eingerichtet, und hernach eben so leicht ausgearbeitet, als mit Lust angehöret wird. Nach den Gedancken solcher Post=Componisten stehet ein anhaltender Fleiß und eine genaue Beobachtung nothwendiger Vorschrifften nur staubigten Schulfüchsen und niederträchtigen Sclaven an. Wer wollte sich denn fesseln lassen, und so viel Zeit auf die Ausarbeitung wenden? Ein feiner Schmuck, ein künstlicher Zierath, eine reiche Verbrämung &. können dasjenige vollkommen ersetzen, was etwa an einer gründlichen Zuschneidung oder an einer festen Nath abgehet. Meine Meinung ist so:

Zwar frey; iedoch in steter Pflicht:
Gebunden; aber knechtisch nicht.

§. 34. Nun ist es freilich an dem, daß die hurtigsten und feurigsten, anbey zur Music und den dahin gehörigen schönen Wissenschafften bequemsten Gemüther selten an Gedult und Zeit einen Uiberfluß haben. Mancher kan nichts setzen; es geschehe denn in der Eile, oder wie es in den Briefen lautet: raptim! Andre hergegen, ie länger sie einem Dinge nachsinnen, ie mehr sie wegstreichen und einschalten, ie stumpffer werden sie; und ie künstlicher sie ihr Werck gern ausarbeiten wollten, ie schlechter und gezwungener geräth es offt: weil sie nehmlich alles ohne vorhergangene Uiberlegung angreiffen. Das erste ist eine Vermessenheit, die mit dem Fall in naher Verwandtschafft stehet; das andre thut die Furcht, als eine einfältige Leidenschafft, die sich auch bey Austern und Muscheln befindet, wenn ein Messer zwischen ihre Schalen eindringet. Und hier sollte es heissen: Nec tumide, nec timide. Man traue sich selbst weder zu viel, noch zu wenig.

§. 35. Ein ieder prüfe sich nun hiebey, wie er in diesem Stücke geartet sey, und richte sich, desfalls mit gewisser Mäßigung, nach seinem angebornen Triebe. Denn es ist doch allemahl besser, wenn mans nicht ändern kan, mit anständiger, natürlicher Art einen kleinen Kunstfehler zu begehen, als denselben, durch ängstliches Bemühen und gezwungenen Fleiß, zu vermeiden oder zu bemänteln. Ein solcher kummerloser Schnitzer ist einer mühseligen Richtigkeit vorzuziehen; wenns nicht gar zu grob gemacht wird. Man muß seiner Neigung etwas nachgeben.

§. 36. Allein, es will auch nicht allemahl mit hefftigen Trieben ausgerichtet seyn: bisweilen geräth es; sehr offt mislinget es. So viel ist gewiß, daß keine gute Ausarbeitung ohne vorgängige Einrichtung, auf dem Stutz erfolgen könne; sondern Zeit und Gedult erfordert. Hat es aber mit der Uiberlegung seine Richtigkeit, so braucht man desto weniger Zeit und Gedult. Wenn ich dieses auch gleich mehrmal sagte, würde es doch niemand schaden.

§. 37. Die Erfindung will Feuer und Geist haben; die Einrichtung Ordnung und Maasse; die Ausarbeitung kalt Blut und Bedachtsamkeit. Man sagt: Gut Ding will Weil haben. Das verstehe ich mehr von der Disposition, als Elaboration: denn wo es mit dieser träge, langsam und schwer hergehet, da wirckt sie in den Gemüthern der Zuhörer eben desgleichen, nehmlich träge, langsame und schwere Begriffe. Das lasse sich einer nur für die gewisse Wahrheit gesaget seyn.

§. 38. Was hergegen in der Eile gemacht ist, und doch gut ausfällt, hat deswegen vor andern <242> Wercken nichts voraus. Wiederum ist es auch unbillig, daß man einem Künstler vielmehr die Zeit, als die Arbeit bezahlen soll. Doch hat die Natur nicht gewollt, daß eine grosse Sache, die zum Lobe Gottes und zur Bewegung menschlicher Hertzen abzielet, auf der Flucht geendiget werden soll; sondern sie hat einem ieden herrlichen Wercke auch eine besondre Schwere zugetheilet. [...]

§. 39. Endlich sind weder alle Personen, noch auch alle Zeiten und Stunden zu einer guten Ausarbeitung geschickt: und da hat mancher heute zu etwas Lust, davor ihm morgen grauer. Selten trifft man einen Erfindungs=reichen Meister an, der seine Sachen tüchtig ausarbeitet; hingegen sind die muhseligsten Künstler gemeiniglich die armseligsten Erfinder. Kurtz! wer wol disponirt, hat halb elaborirt: es kostet ihm nur wenig Zeit und Aufmercksamkeit; keine grosse Arbeit. Wo sich diese zu starck blicken läßt, ist es weit schlimmer, als wenn sie gar zu Hause geblieben wäre.