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Mattheson: Der vollkommene Capellmeister

Teil 3, Kap. 26 [Seite 1 von 3]

26. Von der Regierung, An= Auf= und Ausführung einer Musik. [§. 1-34]

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<480> §. 6. Wer demnach eine Musik regieren will, der hat nicht allein alle diese Vorurtheile und Fehler zu meiden; sondern sich vor allen Dingen eines gewissen Ansehens zu befleissigen, welches offt mehr ausrichtet, als das übrige, einen Chor in gehörigen Schrancken zu halten. Er soll mit seinem Leben und Wandel auf keinerley Weise anstössig oder ärgerlich fallen, weil daraus gemeiniglich die höchste Geringachtung entstehet. Das gute Gerücht und die Vielgültigkeit sind solche zärtliche Sachen, daß mit einem eintzigen falschen Tritt alles dasjenige über einen Hauffen fallen kan, was man sich in vielen Jahren, durch grosse Geflissenheit, erworben hat.

§. 7. Ein Vorsteher des Chores muß mit ungezwungenen Lobsprüchen nicht faul seyn, sondern dieselbe reichlich anwenden, wenn er bey seinen Untergebenen nur einigermaassen Ursache dazu findet. Soll und muß er aber iemanden einreden und wiedersprechen, alsdenn thue er dasselbe zwar ernsthafft, doch so gelinde und höfflich, als nur immer möglich ist. Die Freundlichkeit hält man in allen Ständen für eine sehr beliebte und einträgliche Tugend: derselben soll sich denn auch ein Director allerdings befleißigen, und sehr umgänglich, gesellig und dienstfertig seyn; zumahl, wenn er ausser seiner Amtsverrichtung ist. Bey vorwährenden Beruffs=Geschäfften thut wol die geziemende Ernsthafftigkeit und genaue Beobachtung der Pflicht mehr Dienste, als die gar zu grosse Vertraulichkeit.

§. 8. Der ehmalige Wolffenbüttelsche Capellmeister, J.S. Cousser, besaß in diesem Stücke eine <481> Gabe, die unverbesserlich war, und dergleichen mir noch nie wieder aufgestossen ist. Er war unermüdet im Unterrichten; ließ alle Leute, vom grössesten bis zum kleinesten, die unter seiner Aufsicht stunden, zu sich ins Haus kommen; sang und spielte ihnen eine iede Note vor, wie er sie gern herausgebracht wissen wollte; und solches alles bey einem ieden ins besondre, mit solcher Gelindigkeit und Anmuth, daß ihn iedermann lieben, und für treuen Unterricht höchst verbunden seyn muste. Kam es aber von der Anführung zum Treffen und zur öffentlichen Aufführung, oder Probe, so zitterte und bebte fast alles vor ihm, nicht nur im Orchester, sondern auch auf dem Schauplatze: da wuste er manchem seine Fehler mit solcher empfindlichen Art vorzurücken, daß diesem die Augen dabey offt übergingen. Hergegen besänfftigte er sich auch alsofort wieder, und suchte mit Fleiß eine Gelegenheit, die beigebrachte Wunden durch eine ausnehmende Höfflichkeit zu verbinden. Auf solche Weise führte er Sachen aus, die vor ihm niemand hatte angreiffen dürffen. Er kan zum Muster dienen.

§. 9. Wir haben ein Sprichwort: Gelehrte mahlen übel. Docti male pingunt. Daraus wollen einige schliessen, wer eine schlechte Hand schreibe, sey nothwendig ein gelehrter Mann. Ich kenne viele, die es mit Fleiß thun. Aber sie irren sich sehr; und ob sie sich gleich mit dem unleserlichen Schmierwerck ihrer Partituren recht groß halten, so vergrössert doch ein solcher Umstand nur den Eckel, welchen man ohne das vor ihrem elenden Gemächte bekömmt. Ich weiß nicht, warum einer nicht was rechtes verstehen und machen möge, und doch dabey eine saubere Hand schreiben könne? Mich gemahnet es fast hiemit, als wie mit jenem Capaunen, welcher vermeinte, er müsse nothwendig schön singen, weil er verschnitten wäre.

§. 10. Leute, die sich gleichsam zwingen undeutlich zu schreiben, zumahl in Noten, wo es bisweilen auf ein Pünctlein ankömmt, thun sehr übel, wenn sie nichts tüchtiges zu Marckte bringen. Noch übler aber handeln sie, wenn sie was gutes verfertigen: denn es ist keinem Menschen nach ihrem Tode damit gedienet. Derohalben wäre mein Rath, ein Capellmeister oder Chor=Regent schriebe so reine Partituren, als ihm immer möglich. Kein Mensch mahlt so elende Buchstaben, er kan sie doch, wenn er sich Zeit und Weile nimmt, deutlich und leserlich machen. Geschiehet dieses, so hat ein Abschreiber nicht halb so viel Mühe, die Stimmen auszuziehen, und es werden sich viel weniger Fehler in der Abschrifft finden, als sonst.

§. 11. Hieraus ist zu schliessen, daß ein solches Geklecke und Geschmader viele üble Folgen nach sich ziehen, und in der Ausführung eine wesentliche Hinderruß abgeben müsse, ja, es wird dadurch manche derbe Sau ans Licht gebracht, die sonst noch wol zu Hause geblieben wäre. Wer es aber hierin nicht versiehet, der hat noch über alles dieses den Vortheil, daß er bey Zusammenhaltung der ausgeschriebenen Stimmen (welches ein wichtiges Stück ist, so zum Amt des Vorgesetzten gehöret) lange nicht so viel Zeit und Mühe verschwenden darff, als im Gegentheil geschehen muß. Wie kan ein Director begehren, daß die ausgezogene Stimmen recht abgeschrieben seyn sollen, wenn unter 20 Personen kaum einer seine Hand lesen kan. Ich glaube, daß mancher Componist selbst sich nicht darin finden würde, wenn er nach einiger Zeit seine eigne Notenschrifften wieder ansehen und lesen sollte. Was es indessen für eine verdrießliche Sache sey, übelausgeschriebene Stimmen zu untersuchen und mit dem unleserlichen Original zu vergleichen, solches ist kaum auszusprechen. Ich meines Theils wollte sie lieber zehnmahl abschreiben, als nur einmahl nachsehen und ausbessern.

§. 12. Hier muß ich den Herrn Capellmeister Graupner zu Darmstadt billig rühmen, dessen Partituren so rein geschrieben sind, daß sie mit einem Kupfferstiche kämpffen. Er hat mir einige derselben, worin sonst viele wesentliche Schönheiten stecken, unlängst zugesandt, und schreibt dabey folgende sehr gescheute Worte: Ich habe mir schon lange angewehnet, auch theils gemust, meine Partituren so deutlich, als möglich ist, zu schreiben, und ändre nicht gerne etwas, um dem Notisten, wenn er zumahl nicht musikalisch ist, hierin behülfflich, und des gar zu verdrießlichen täglichen Corrigirens überhoben zu seyn. Es kostet zwar etwas mehr Mühe; schreibe aber selten eher, bis in Gedancken fertig bin.