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Quantz: Anweisung - Kap. 18

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<304> §. 48. Soll ein Solo dem Componisten und dem Ausführer Ehre machen, so muß:

  1. das Adagio desselben an und vor sich singbar und ausdrückend seyn.
  2. Der Ausführer muß Gelegenheit haben, seine Beurtheilungskraft, Erfindung und Einsicht zu zeigen.
  3. Die Zärtlichkeit muß dann und wann mit etwas Geistreichem vermischet werden.
  4. Man setze eine natürliche Grundstimme, worüber leicht zu bauen ist.
  5. Ein Gedanke muß weder in demselben Tone, noch in der Transposition, zu vielmal wiederholet werden: denn dieses würde nicht nur den Spieler müde machen, sondern auch den Zuhörern einen Ekel erwecken können.
  6. Der natürliche Gesang muß zuweilen mit einigen Dissonanzen unterbrochen werden, um bey den Zuhörern die Leidenschaften gehörig zu erregen.
  7. Das Adagio muß nicht zu lang seyn.

§. 49. Das erste Allegro erfodert:

  1. einen fließenden, an einander hangenden, und etwas ernsthaften Gesang;
  2. einen guten Zusammenhang der Gedanken;
  3. brillante, und mit Gesange wohl vereinigte Passagien;
  4. eine gute Ordnung in Wiederholung der Gedanken;
  5. schöne ausgesuchte Gänge zu Ende des ersten Theils, welche zugleich so eingerichtet seyn müssen, daß man in der Transposition den letzten Theil wieder damit beschließen könne.
  6. Der erste Theil muß etwas kürzer seyn als der letzte.
  7. Die brillantesten Passagien müssen in den letzten Theil gebracht werden.
  8. Die Grundstimme muß natürlich gesetzet seyn, und solche Bewegungen machen, welche immer eine Lebhaftigkeit unterhalten.

§. 50. Das zweyte Allegro kann entweder sehr lustig und geschwind, oder moderat und arios seyn. Man muß sich deswegen nach dem ersten richten. Ist dasselbe ernsthaft: so kann das letzte lustig seyn. Ist aber das erste lebhaft und geschwind: so kann das letzte moderat und arios seyn. In Ansehung der Verschiedenheit der Tactarten, muß das, was oben von den Concerten gesaget worden ist [Kap. 18, § 38], auch hier beobachtet werden: damit nicht ein Satz dem andern ähnlich werde. Soll überhaupt ein Solo einem jeden gefallen: so muß es so eingerichtet seyn, daß die Gemüthsneigungen eines jeden Zuhörers darinne ihre Nahrung finden. Es muß weder <305> durchgehends pur cantabel, noch durchgehends pur lebhaft seyn. So wie sich ein jeder Satz von dem andern sehr unterscheiden muß; so muß auch ein jeder Satz, in sich selbst, eine gute Vermischung von gefälligen und brillanten Gedanken haben. Denn der schönste Gesang kann, wenn vom Anfange bis zum Ende nichts anders vorkömmt, endlich einschläfern: und eine beständige Lebhaftigkeit, oder lauter Schwierigkeit, machen zwar Verwunderung, sie rühren aber nicht sonderlich. Dergleichen Vermischung unterschiedener Gedanken aber, ist nicht nur beym Solo allein, sondern vielmehr auch bey allen musikalischen Stücken zu beobachten. Wenn ein Componist diese recht zu treffen weis: so kann man mit Rechte von ihm sagen, daß er einen höhern Grad des guten Geschmacks erreichet, und, so zu sagen, den musikalischen Stein der Weisen gefunden habe.

§. 51. [...]