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Übersicht Riemann: Klavierschule op.39
 
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Riemann: Klavierschule op. 39,1

Kap. 5 [Seite 3 von 5]

<19>Eine andere Anschlagsart entsteht dadurch, dass die Hand im Handgelenk bewegt wird; es ist das der eigentlich sogenannte Staccato-Anschlag, dessen Theorie leider sehr der Klärung bedarf. Die herkömmlichen Definitionen unterscheiden noch ein Handgelenk-Staccato und Arm-Staccato und nehmen an, dass bei ersterem der Arm ruhig liegt und die Muskulatur des Unterarmes die Hand emporzieht und herabschleudert, während beim Arm-Staccato das Handgelenk fixirt sei und der Unterarm durch Muskelkontraktion im Oberarme auf- und abbewegt werde. Beide Definitionen sind falsch, und die Unterscheidung der beiden Anschlagsarten existirt nur in der Klavierstunde als ein leidiges Hemmniss der Entwickelung der Staccato-Technik. Der Irrthum erklärt sich aber einfach genug durch optische Täuschung und mangelhafte Selbstbeobachtung. Da nämlich bei vollgriffigem Staccato die Hand in steter Spannung verharrt, so reducirt sich, dabei die Beweglichkeit des Handgelenks auf ein Minimum; andererseits ist bei einstimmigem Staccato die erforderliche Bewegung des Unterarmes eine so kleine, dass man sich nur durch Berührung des Armes von ihrer Existenz überzeugen kann. Thatsächlich aber ist die Bewegung bei wirklichem Staccato überall dieselbe: eine schnelle Kontraktion der Muskulatur des Oberarmes bewirkt eine kurze Aufwärtsbewegung des Unterarmes, die der Hand einen leichten Stoss übermittelt, der sie in dem vollständig freigegebenen Handgelenk emporgeschnellt und gleich der Bewegung einer Schleuder oder Peitsche wieder herabwirft. Da dem ersten Anstoss schnell ein neuer folgt, so werden die Bewegungen so klein, dass sie schliesslich nur als, ein Vibriren der Hand erscheinen. Man halte aber fest, dass stets der ganze Mechanismus vom Oberarm bis zu den Fingerspitzen beim Staccato-Anschlag betheiligt ist. Der Rückgang wird durch, elastisches Abstossen der Finger unterstützt.

Die einseitige Beschränkung auf die Übung des Legato-Anschlags für längere Zeit halte ich für eine doctrinäre Verirrung. Auf der Vorstufe mag man das Staccato gänzlich ignoriren, solange es sich erst darum handelt, die Noten zu lernen und das Gehör vorzubilden; aber mit dem Beginne regelmässiger technischen Studien muss das Staccato neben dem Legato geübt und allmählich auch auf die Abstufungen eingegangen werden. Es wird Niemand darum schlechter Legato spielen, weil er das Legato vom Staccato unterscheiden lernt. Meine Schüler haben <20> stets beim Studium der "Schule der Geläufigkeit" vom Czerny angefangen, ganze Etüden abwechselnd Legato und Staccato zu spielen und dieses Vorgehen hat mich nie gereut. Einigermassen vorgerückte Schüler mögen auch weiter ausser dem Legato- und Staccato-Anschlag noch das Leggiero und Mezzolegato für ganze Etüden zur Anwendung bringen, derart, dass sie entweder von Anfang bis zu Ende leggiermente spielen, wobei stärkere Tongebung unmöglich ist (also die ganze Etüde piano) oder von Anfang bis zu Ende Mezzolegato wobei umgekehrt piano ausgeschlossen ist (also durchweg ziemlich kräftig) oder endlich im Anschluss an die vorgeschriebene Dynamik mit unvermeidlichem Übergang aus Leggiero in Mezzolegato und umgekehrt.